Riesenmaschine

03.07.2008 | 20:18 | Anderswo | Sachen anziehen

Traurige Tropen

Die Pubertät ist ein Elend, und auch das junge Erwachsenendasein kein Vergnügen, selbst wenn sich beides auf einer, zumindest in Reiseprospekten als solche apostrophierten Trauminsel wie Bali abspielt. Das muss jedenfalls aus der Mode geschlossen werden, die ein nicht unerhebliches Segment der balinesischen Jugend bevorzugt trägt. Diese Jugend schmückt sich gerne mit Klamotten, die Skulls, Bones und Knarren zieren und mit denen man sich irgendwo zwischen Gruft, Hass, Rockabilly und Punk positioniert. Verkauft werden die Jugendtrachten in Boutiquen, die sich seltsamerweise "Bistro" nennen, obwohl es hier noch nicht einmal ein trockenes Baguette zu essen gibt. Diese Läden heissen "Traffic", "URock" oder "BlackID" und sind schon von weitem an ihren in der Manier von Achtziger-Jahre-Fanzines gestalteten Firmenschildern und markigen Claims wie "Created For Your Extreme Lifestyle" oder "Everyday is hell" zu erkennen. Tatsächlich: Jeden Tag Sonne, Strand und Nightlife – gibt es Schlimmeres?

Besonders zugespitzt repräsentiert die kleine Kleiderbistro-Kette Suicide Glam diesen Hang der balinesischen Jugend zum Morbiden. Der erste Laden wurde vor sieben Jahren von zwei Jungs in einer Garage in Balis Hauptstadt Denpasar gegründet. Heute produzieren 25 Mitarbeiter Kleidung für das lebensmüde, aber lustig auftretende Label ("Dressed like no tomorrow" / "To hell with your metrosexual crap"). Inzwischen wird der Selbstmordglanz auch in die ganze Welt exportiert; ausserdem gibt es neben einer Handansichanlegen-Filiale im nahe gelegenen Australien schon längere Zeit einen deutschen Laden. Der steht in einer Stadt, in der es ähnlich trostlos und suizidal zugeht wie am Strand von Bali: Würzburg nämlich. Seltsam: Wir hätten auf Göttingen getippt, die Kokosnuss unter den deutschen Städten.

Christian Y. Schmidt | Dauerhafter Link | Kommentare (5)


02.07.2008 | 13:53 | Zeichen und Wunder

Blick nach vorn im Zorn


Uh oh. (Foto: Olaf) (Lizenz)
Emotional ist Amerika ja weiter – statt verkrampft reserviert alteuropäisch kann man zwischen Portland und Jacksonville die Liebe zum Vaterland und die Wut auf andere Autofahrer unumwunden herauslassen. Klingt das wie das Aufbacken steinharter Klischeebrötchen? Dann ist es jetzt an der Zeit, wissenschaftliche Belege dazuzubuttern.

William Slzemko von der Colorado State University hat eine Korrelation zwischen Aufklebern am Heck eines Autos und aggressivem Verhalten im Strassenverkehr gezeigt. Nun sieht man derartige Dekorationen in Deutschland immer seltener, die Zahl der Aufkleber ist seit den 80ern stetig gesunken. Wir dürfen sie also als viel kleiner in den USA annehmen, und können somit schliessen, dass das Aggressionspotential hier viel kleiner ist. Natürlich gibt es unrühmliche Ausnahmen in Aufkleber-Nischen, vor denen man sich tunlichst in Acht nehmen sollte. Die zwischenzeitliche Beflaggung deutscher Automobile, die man laut Slzemko ebenfalls zur Autoindividualisierung zählen könnte, dürfen wir als vorübergehend ignorieren; die Entsorgung der Wimpel ist hier auch weniger aufwändig als drüben.

Aber wo fahren all die wütenden Amerikaner hin? Andere US-Forscher haben das Verhalten beim Fussballspiel der Kinder mit Aggressivität im Strassenverkehr in Verbindung gebracht. Wie folgern also weiter: In Deutschland fährt man sicherer, weil niemand seine Kinder zum Fussballspielen bringt.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Hysterie und Übertreibung


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