Riesenmaschine

10.03.2006 | 04:31 | Alles wird besser | Sachen kaufen

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Goldene Schnitte: B:C und A:B
Weil sich junge Menschen (Architekturstudenten und solche, die so tun, als wären sie welche, einmal ausgenommen) in der Regel für den goldenen Schuss, aber kaum für den Goldenen Schnitt interessieren und die restliche Zeit an ihren Geräusche und Licht erzeugenden Gadgets rumwürgen, wird die Welt berechtigter Weise zunehmend menschenfeindlich, also hässlicher. Zu grosse Puppen, zu kleine Telefone, zu breite Waschmaschinen, zu lange Leitungen – fast täglich wünscht man sich mehr Goldenen Schnitt ins eigene, kleine Leben.

Keine sonderlich neue Problemstellung: Schon Le Corbusier versuchte sich am rechten Mass und veröffentlichte 1922 mit dem Modulor (von "module d'or") ein Merkblatt mit "goldenen" Zahlenreihen, das helfen sollte, den Goldenen Schnitt ins tägliche Leben zu integrieren. Die veranschlagten 2,26 Meter Raumhöhe für durchschnittlich grosse Menschen waren dann aber doch etwas wenig, so dass sich das Konzept kaum durchsetzen konnte. Die von Le Corbusier "Wohnmaschine" titulierten Serienbau-Wohnungen sorgten in selbiger Mission ebenfalls für wenig Enthusiasmus.

Doch das Projekt hat neuen Schwung bekommen, neuerdings dadurch, dass es den Goldenen Schnitt to go gibt. Das kleine Ding kann schnell Mass nehmen und so mehr Verhältnismässigkeit in unsere Gesellschaften, Städte, Büros und Wohnungen bringen. Allein der Preis von 283,50 Dollar für das nützliche Ding fällt noch etwas arg aus dem Rahmen. Aber vorerst kann man das ja auch weiterhin im Kopf ausrechnen. Oder im Modulor nachsehen.


27.02.2006 | 17:55 | Alles wird besser | Sachen anziehen

These Kuntz!


Die WM mit Würde tragen: So geht's
Dass König Fussball, dieser finstere Tyrann, sein dunkles Reich in diesen Tagen auf alle Bereiche des Lebens ausweitet, ach, man muss es jeden Tag mit ansehen. Gar Fürchterliches entlockt er den Werbern und Standortmarktschreiern, Tippkick-Sets unter der Überschrift Für Spielmacher, den – mit Recht – fast vergessenen FC Deutschland 06 und die (mein Gott, ja, tatsächlich rührselige) Schönste Fankurve Deutschlands.

Doch nicht alles, was sich an der populistischen Suppe des Fussballs nährt, muss auch deren mässigen bis ärgerlichen Beigeschmack haben. Aus dem Umfeld von 11Freunde, dem Magazin für Fussballfans mit Seidenschals, kommt dieser Tage ein hübsches T-Shirt, das gekonnt mit dem Vokabular der Popkultur jongliert und eine Überschrift des schottischen Sunday Herald von 2003 kongenial umsetzt: Never Mind The Ballacks. Fast so gehässig, jedoch deutlich distinguierter als die Idee der englischen Band "Lightning Seeds", die für ihr Video zu "Football's Coming Home" seinerzeit sämtliche deutsche Fans in "Kuntz"-Trikots zeigte.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Alles, was der Ball ist


08.02.2006 | 04:05 | Alles wird schlechter | Was fehlt | Papierrascheln | Vermutungen über die Welt

Alles, was der Ball ist


Nie wieder witzig finden: Hauptsache Italien!


Früher auf dem Pausenhof schrien die Kinder "Nachmacher, Nachmacher", wenn einer offensichtlich am Distinktionsgewinn eines anderen teilhaben wollte. Heute sind diese Nachmacher-Kinder von Beruf Werber und betiteln ihr Erfolgsprinzip mit einem schick klingenden Namen: Ambush Marketing. Klingt besser als Trittbrettfahrerei, meint aber genau das. Wer sich darunter nichts vorstellen kann, der schaue in den Briefkasten, in die Zeitungen, auf die Plakate und die Leuchtreklamen der Stadt. Am Sprung auf den Zug der Fussballeuphorie führt in diesem Jahr offenbar kein Weg vorbei. Neben dem an sich schon dämlichen Coca-Cola-Claim "It's your Heimspiel" wird auch anderer Schwachsinn dafür sorgen, dass die Werbewirtschaft boomt:
Der süddeutsche Discounter Lidl etwa umwirbt Jugendliche neuerdings mit der verführerischen Aussicht, Teil des "Lidl-Dreamteam 2006" zu werden, während der Baumarkt Obi die Fussballfans für ein WM-Special "Ooobi ist das schön" skandieren lässt. Spiegel Online hingegen fand offenbar Gefallen daran, von der "Roten Karte für vier WM-Stadien" zu fabulieren, als Sicherheitsmängel an den WM-Spielstätten bekannt wurden. Und im Neuen Deutschland wurde eine Oper über Hartz IV gar zum "Soundtrack zum sozialen Endspiel" – wie immer dieses ausgehen mag.

Demnächst, so darf man vermuten, wird Angela Merkel "den Ball weit vorlegen", wenn sie die Leitlinien ihrer Politik skizziert, werden linke Demonstranten "die Räume dichtmachen", wenn sie Naziaufmärsche vereiteln und ebenso wird von einem "traumhaften Doppelpass" die Rede sein, wenn die christdemokratische Union ihre Politik mit den Sozialdemokraten abstimmt. Man sollte die Medienschaffenden nicht zu hart angehen: Ja, im WM-Jahr muss man diese Chance einfach, eh, reinmachen.


25.01.2006 | 13:53 | Nachtleuchtendes | Alles wird besser

Wunderwaffen: Apocalypse Then


Feurio! Miniatur von Johannis Skylitzes, 11. Jhdt.


Dass sich die Moderne auf dem Konto der Kriege einige Grausamkeiten gutschreiben lassen darf – keine Frage. Aber man sollte die Altvorderen aus Athen, Rom und dem arabischen Raum in diesen Dingen nicht unterschätzen, man täte ihnen arg unrecht. Denn was Nixons amerikanische Truppen im Vietnam mit Napalm-Brandbomben vollbrachten, das konnten zum Beispiel die Byzantiner schon 1300 Jahre zuvor:
Eine vom griechischen Alchemisten Kallinikos erfundene, brennbare und vor allem nicht löschbare Paste aus Petroleum, Salpeter, Schwefel und Harz vernichtete ganze Seeflotten – vor allem die der Araber, die sich zwischen 674 und 678 bzw. 717 und 718 zweimal an der Belagerung Konstantinopels versuchten.
Die heute als Griechisches Feuer bezeichnete Waffe wurde entweder durch Siphone, also vorzeitliche Flammenwerfer, auf die gegnerischen Schiffe gefeuert oder in Töpfen dorthin geschleudert, setzte die Schiffe in Brand und stellte die Besatzung vor die schwierige Wahl des Todes durch Ertrinken oder Verbrennen.
Der grosse Fortschritt von Napalmbomben, die nach einem sehr ähnlichen Prinzip funktionieren, bestand später lediglich darin, dass nicht mehr die Schiffe, sondern einfach gleich die Gegner selbst angezündet werden konnte. So einfach lässt sich die Moderne die Butter in Sachen Grausamkeit dann eben doch nicht vom Brot nehmen.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Wunderwaffenwoche in der Riesenmaschine


02.01.2006 | 12:34 | Listen | Papierrascheln

Best Act today. Tomorrow. The day after that. And the day after that. And the day after that.


They're off their tits here (Oasis)
Humorlose Spex-Leser sind ein gern gedisstes Völkchen, ebenso wie das junge Feuilleton, das es den Grossen der Zunft in Puncto gesellschaftlicher Relevanz und kultureller Erhabenheit gerne gleichtun mag, aber doch nur über das Publikum bei Strokes-Konzerten schwadroniert oder anlässlich jedes Madonna-Albums die selben, nasebohrenden Elegien von sich gibt. Wie man Musik-Nerdismus zelebriert, ohne gleich zum unsympathischen Oberstreber aus der WG-Küche zu werden, kann man bei Indiepedia mitverfolgen, einem der besseren der zigdutzend Wikipedia-Nachmacher, in diesem Fall zum Thema Indiepop, -rock und allem drumherum.
Wer zum Beispiel nie verstanden hat, was denn nun der Unterschied zwischen Indiepop und Indierock sein soll, wer sich für die Trivia hinter "Wilhelm das war nichts" von Tomte interessiert, die herrischsten Aussprüche der Oasis-Brüder lesen mag, wer demnächst mit Wissen über Kraftwerk posen will oder die wichtigsten Alben des Jahres '75 oder eine launige Definition der Kastanienallee sucht – Indiepedia hilft. Und ist deshalb von den Spex-Lesern unter die 20 besten Websites des Jahres 2005 gewählt worden.


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