Riesenmaschine

14.02.2006 | 11:23 | Anderswo | Sachen kaufen

Sperrmüll Identity


Kreditkarte nicht im Lieferumfang enthalten (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)
Leider lässt sich Arnold Toynbees Zitat "Den Charakter einer Nation erkennt man daran, wie sie Auto fährt" nicht googeln. Es wäre ein schöner Einstieg gewesen, dieses Zitat als vollkommen irrelevant hinzustellen und stattdessen zu behaupten, dass man den Charakter einer Nation an ihrem Sperrmüll erkennt. In einer kurzen, strohfeuerartigen Phase wurde im letzten Jahr die ungeheure Anzahl der Wäscheständerwracks in Berlin auf Flickr dokumentiert. Die Bedeutung für die Nation ist so klar, dass man sie nicht mehr erklären muss, es hat mit Schmutzwäsche von früher und schlecht funktionierenden Ständern zu tun, wie eigentlich alles in Deutschland. Die Schweiz hingegen hat nationalcharakterlich an ganz anderen Themen zu knabbern und das auch noch nicht mal mit den eigenen Goldzähnchen.
Im Haushalt stapeln sich die Kreditkartenlesegeräte; bei jedem Geburtstag kommen ("woher wusstest du!") zwei neue hinzu, und damit das Bad begehbar bleibt, müssen halt ab und zu ein paar Sack Geld, ein, zwei Tresore und der "Bartizan" vom Vorjahr heimlich nachts auf die Strasse geworfen werden. Und so sieht man in Zürich in den zwanzig Minuten, bevor die Strassenreinigung alles wieder wegfeudelt, nachts ausgesetzte Kreditkartenratschgeräte am Wegesrand. Zu Recht sagt man: In Zürich liegt das Giralgeld auf der Strasse.


08.02.2006 | 12:36 | Anderswo | Vermutungen über die Welt

Unterschicht von oben

Spätestens seit Yann Arthus-Bertrand ist Hubschrauberfotografie eine eigene ästhetische Fotogattung. Doch während Arthus-Bertrand auf die Veränderung der Welt und ihrer Schönheit fokussiert ist, verfolgen andere einen eher dokumentativen Ansatz, zum Beispiel ein mexikanischer Hubschrauberpilot, der seinen Arbeitsalltag über Mexico City fotografisch festhält. Ein wenig unbedarft und vermutlich unabsichtlich taucht er dabei mitten die Missstände des grössten Stadtmolochs der Welt mit über 20 Millionen Einwohnern, wobei, wie man an manchen Slumfotografien sieht, Einwohner mit wohnen nicht viel zu tun hat. Ein auf dem Dachfirst stehender Selbstmörder ist ebenso auf den Fotos zu sehen wie ein riesiger Pulk von Fake-Taxis, also Taxis ohne Lizenz oder eine gigantische brennende Müllkippe samt Müllfischern.


Architekten-Hospitalismus (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)


Ziemlich viel mit Wohnen zu tun hat diese Fotografie (Link über BLDGblog und Archinect). Es handelt sich um ein riesiges Hausbauprojekt für Finanzschwächlinge und deren Familien. Der Hang des Amerikaners zum Einfamilienhaus ist ebenso berücksichtigt wie der Wunsch zum farbenfrohen Haus mit Vorgärtchen, weil viele Lateinamerikaner durch das ständige Telenovelasehen unfassbar spiessig geworden sind. Bunte Häuser für Arme, es ist ja nicht alles schlecht in diesen Schwellenländern, der 1,8ten bis 2,9ten Welt, wie sich aus meinem Vierzimmerstuckaltbau mit W-LAN und Putzfrau leicht behaupten lässt. Der kleine Preis, den die Bewohner dort bezahlen, ist eben die vollständige Aufgabe der Wohnindividualität und der Verlust eines Gutteils der Kinder im verirrfähigen Alter. Dafür klingeln regelmässig neue Menschen an der Tür, und wer von uns würde nicht sein Rosenholzparkett eintauschen gegen ein regelmässiges Sozialleben.


07.02.2006 | 15:44 | Anderswo | Alles wird besser

Hubschrauber sind Öko


Wir sind besser als fünf Caracaras (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)
Hubschrauber sind mit grossem Abstand die beste Erfindung der Menschheit. Wenn die anderen uns endlich ausgerottet haben werden, seufzen sie bestimmt kurz und sagen sich: "Diese Menschen, seltsam degenerierte Tiere, aber Hubschrauber bauen, das hätte von uns sein können." Leider aber wird dieser klare Beweis unser Genialität heute fast ausschliesslich zum Leben retten und eben genau dem Gegenteil eingesetzt. Während fast jeder schon mal mit jenen behinderten "Flugzeugen" unterwegs war, bleibt Hubschrauberfliegen ein seltenes Vergnügen. Und dabei kann er so schöne Dinge, in der Luft stehenbleiben zum Beispiel, wer bitte macht ihm das nach? (Turmfalken dürfen nicht antworten.)


Sieht man ja wohl (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)
Um von einer nennenswerten Ausnahme zu erfahren, muss man schon extra nach Südamerika reisen und in Hochglanzmagazinen in spanischer Sprache blättern, denn weder über das Unternehmen Moreto Helicopteros noch über dessen Superangebot Expedição Brasil noch über dessen Erfinder Sebastian Abreu gibt es nennenswerte deutsche oder englische Googlehits. Dabei bieten schon die Webseiten mehr Hubschrauber, als man an einem Abend essen kann. Das Grundprinzip der Expedition, soweit man das verstehen kann: Zehn Tage lang wird man in einem Rudel Hubschrauber quer durch den brasilianischen Dschungel geflogen, und zwar knapp über den Baumkronen, inklusive Regierungssitz in Brasilia, Sandbänke am Rio Araguaia, Kunststücke, Mato Grosso, Pantanal, unberührte Natur, Tafelberge, Papageien, Rotorenkrach, Krokodile, Benzingestank, kaltes Bier, Luxuslodge, Moskitoschutz, Männchenmachen, rückwärts, vorwärts, seitwärts, ach, mehr kann sich kein Mensch wünschen.

Das Ganze läuft natürlich unter dem Label "Ecotourism", was unmittelbar einleuchtet, denn Hubschrauber dürfen nie aussterben. "Expedição Brasil" findet auch 2006 wieder statt, irgendwann im Juli, und es ist angeblich nur wenige Tausend Dollar teuer. Schade, dass einem so etwas nie einfällt, wenn man nach Weihnachtsgeschenken gefragt wird.


06.02.2006 | 16:01 | Anderswo | Fakten und Figuren | Essen und Essenzielles

MP4-Player aus Schokolade

Der französische Hersteller von Schnickschnack-Elektronik bzw. "Marktführer für portable digitale Entertainment-Lösungen" Archos gibt auf seiner Homepage mächtig damit an, was er so alles erfunden hat: "2005: Erster portabler Media Player mit integrierter Kamera und Camcorder. 2004: Erster Pocket Video Rekorder mit TV Cradle. 2003: Erster Player mit Add-On Modulen" usw. usf. Was auf der Seite jedoch fehlt, ist der Hinweis: Erstes weltweit operierendes Unternehmen, das in China unter der Überschrift Die französische Marke präsentiert sich im neuen Jahr grossartig (Schriftzeichenreihe über dem Anzeigenfoto) mit dem geklauten Schriftzug und dem Markennamen einer Schokolade wirbt. Dabei ist den chinesischen Archos-Werbern offensichtlich entgangen, dass "Merci – Finest Selection" nicht das Geringste mit "savoir vivre" zu tun hat, sondern seit 1965 ein Produkt der Firma Storck ist, aus ausgerechnet Halle in Westfalen.


Hier war eine Abbildung einer Packung merci-Schokolade, die aus Bildrechtegründen verschwinden musste, ausserdem weiss ja eh jeder, wie so was aussieht
Für den Fall, dass die klagefreudige Firma Storck (siehe Rechtsstreit Merci – Ritter Sport) die nunmehr anstehende juristische Auseinandersetzung mit der Firma Archos gewinnen sollte, weisen wir vorsorglich darauf hin, dass wir als "Dankeschön" für diesen Hinweis keineswegs mit einem Paket "Merci" oder – so nahe es auch liegen mag – "Storck Riesen" abgespeist zu werden wünschen, sondern gerne mal mit Diamantensplittern gefüllte Trapa-Schokolade probieren würden.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Supermodel-Recycling

Christian Y. Schmidt | Dauerhafter Link


05.02.2006 | 21:29 | Anderswo | Supertiere

Andere Länder, andere Vögel


Wo ist Deine Maus, Hubschrauber? (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)
Ein attraktives Biogadget haben wir in Chile entdeckt, dem Land der sympathischen Sonderlinge. Dort wurde offenbar ein neuer Raubvogel erfunden, vermutlich schon vor mehreren Millionen Jahren, aber trotzdem ausserhalb Südamerikas noch ein echter Geheimtip. Er hat alles, was man von Raubvögeln kennt, also scharfer Schnabel, tolle lange Federn, Maus im Mund, scharfe Krallen, kritischer Blick, gezackte grosse Flügel, aber sonst ähnelt er dem nebenstehenden Phantombild nicht, sondern sieht viel besser aus, genau wie ein Raubvogel eben. Dieses Ding also wird anscheinend von den Chilenen, vor allem den einfachen Menschen, wie verrückt gekauft, so dass man es mittlerweile überall im Land sieht, in den Steinwüsten oben und den Urwäldern unten gleichermassen. Der schöne Vogel zeichnet sich im Vergleich zu herkömmlichen Geräten ähnlicher Bauart durch einen Mangel an Scheu aus; er kommt einem schwebend und kreisend sehr oft bedenklich nahe, gern auch im Formationsflug, so dass man wegen Schnabel, Krallen und Blick (siehe oben) manchmal beunruhigt ist, aber er tut nichts anderes als gut auszusehen, was er auf hervorragende Art und Weise hinkriegt. Eine wichtige Aufgabe, denn seitdem die neue Präsidentin Bachelet alle chilenischen Frauen ins Kabinett berufen hat, sieht man auf den Strassen nur noch Hässliches. Natürlich muss man sich für das gefiederte Superflugzeug vor dem längst fälligen Export in zivilisierte Länder noch einen coolen Namen ausdenken, aber das kann ja wohl nicht so schwer sein. "Habicht" zum Beispiel klingt ganz gut.


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