Riesenmaschine

21.11.2005 | 02:07 | Anderswo | Alles wird schlechter

Nur über meine Leiche

Der einzige Trend, der in den letzten Jahrzehnten in Deutschland erfunden wurde, ist die Ausstellung von Leichen. Vermutlich hat es etwas zu bedeuten, dass dieser Renner erst vor etwa einem Jahr in Amerika Fuss gefasst hat, vielleicht funktioniert Trendwanderung nur mit dem Golfstrom oder es hängt mit der Hühnergrippe und den Importschwierigkeiten für Naturmaterialien zusammen, aber damit muss man sich nicht befassen. Viel aufschlussreicher ist es, die Expansion der Leichenindustrie mitzuverfolgen. Ideen, zumal wenn sie Geld bringen, rufen immer Epigonen hervor; Mozart, Beatles, Nirvana, alle wurden sie noch zu Lebzeiten kopiert, und so ist es nicht verwunderlich, dass jetzt gleich mehrere Leichenshows auf den amerikanischen Markt drängen, so dass man als Kunde wirklich die Wahl hat. Während das (mutmassliche) Original, Body Worlds 2 zur Zeit in Toronto herumsteht, wird heute, wie wir bei Medgadget erfahren, in New York Bodies, the Exhibition eröffnet. In San Francisco wurde offenbar vor wenigen Wochen bereits wieder geschlossen, und zwar "The Universe Within". Zeitgleich warten in Ostasien, dem Mekka der Leichenverarbeitung, Zombie-Armeen mit so kreativen Namen wie "Body Exploration", "Bodies Revealed" oder "Mysteries of the Human Body" auf ihre Marscherlaubnis für amerikanisches Territorium.

Körperwelten-Erfinder von Hagens, selbst nicht gerade wie ein Lebender aussehend, behauptet natürlich, dass nur er den wahren Beatles-Sound, nein, dass nur seine Gebeine richtige Tote sind. Aber wie obiges Bild zeigt, ist das durchaus Geschmackssache; manche mögen blassgelb lieber als dunkelrosa und nicht jeder kommt mit dreiteiligem Geschlechtsteil klar. Wie immer gibt es Neid und Missgunst zwischen Erfinder und Nutzniessern, so beschuldigen sich von Hagens und sein ehemaliger Mitstreiter Sui Hongjin, der mittlerweile seine eigene Nekrophilieshow leitet, statt der glücklichen Leichen von freilaufenden Hühnern Exponate aus Massentierhaltung, ähm, chinesische Sträflinge also zu verwenden. Man muss dies wohl als ganz normale Abnutzungserscheinung der Trenderscheinung Leichenschau bewerten. Wie immer wird es eine Weile dauern, bis ein neuer Geniestreich die Branche erobert, zum Beispiel Tote irgendwie an speziellen Orten vergraben oder so.


Kommentar #1 von Caroline Härdter:

Ich war nicht bei "The Universe Within", der chinesischen Billigversion von "Körperwelten", und konnte daher nicht mit eigenen Augen beobachten, wie eine Flüssigkeit aus den Häftlingspräparaten suppte. Ausstellungsmitarbeiter mussten die Absonderung regelmässig aufwischen, und im Sommer musste die Show zwischendurch sogar schliessen. Also: Augen auf beim Leichenschauticketkauf!

21.11.2005 | 18:34

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