Riesenmaschine

24.11.2005 | 16:12 | Sachen kaufen | Essen und Essenzielles | Vermutungen über die Welt

Le Snack Brainwash

Auf den ersten Blick ist dieser in einem französischen Kaufhaus erworbene Fernsehsnack ein ganz normales Convenience Produkt: In handliche Stückchen gepresste Fischeiweissmasse, ansprechend verpackt. Doch spätestens beim Verzehr wird klar, dass es sich hier um ein ideologisch hochinteressantes Produkt handelt: Während die extrem leckeren Fischstückchen auf der Zunge zergehen und die Mayonnaise aus ihrem Geheimversteck im unteren Teil der Dose hervorgezerrt wird, vergisst man als Erstes, dass dieses Produkt eigentlich japanischen Ursprungs ist. Nach dem dritten Stück überschreibt "Mini-Bat" das Wort Surimi im Langzeitspeicher des Gehirns. Und beim letzten Bissen hält man es für eine Lüge der Medien, dass in Pariser Vororten Autos angezündet werden. "Jamais!" denkt man sich, während man die Mayonnaisedose ausleckt. "Das ist nicht möglich in einem Land, in dem sogar Fertigmayonnaise eine Garage hat."


Kommentar #1 von irgendwem:

Gepresste, angemalte Fischabfälle. In Japan minderwertige Dekoware, in Frankreich eine Delikatesse für die Unterschichtler

24.11.2005 | 18:16

Kommentar #2 von Aushilfshilfscheckerbunny:

So ist das ganz oft! Dass man in dem einen Land etwas gar nicht gern isst, in dem anderen aber wohl!

24.11.2005 | 18:35

Kommentar #3 von Käsefondue Klaus:

Andersrum aber auch, oh Aushilfscheckerbunny. Natto zB, also vergorene Sojabohnen, die Fäden ziehen wie Pattex, und stinken wie ein alter Strumpf von einer alten Oma. Oder Umeboshi, adstringierende Salzpflaumen, beides lieben die Japaner über alle Massen, ausserhalb Japans hingegen tritt man diesen Gerichten voller Ekel entgegen.
Aber ich glaube kaum, dass der Japanreisende, der sich zwang, Natto und Umeboshi nur unter grossen Windungen dort zu essen, um vielleicht den Gastgeber nicht zu brüskieren, das hier bei uns wiederholt und es so geniesst wie unser leckeres Labskaus.
Surimi wiederum, also die von Dir hier zelebrierten Fischabfälle kommen im nichtjapanischen Ausland sehr gut an, andererseits die von uns aus Fischabfällen produzierten Fischstäbchen in Japan nicht, das ist ganz verrückt, denn es koennte ja so ein fröhlicher Fischabfälletransfer entstehen, den aber die "Global-Player" oder wie diese Typen heissen, die Iglo aber auch Ikea in Japan bisher erfolgreich zu verhindern wussten

24.11.2005 | 20:27

Kommentar #4 von Käsefondue Klaus:

...bisher erfolgreich zu verhindern wussten.
(diesen Satz gestern vergessen)
Es gab mal oder gibt immer noch ein ähnlich hübsches System, wie das mit der Mayonnaisegarage, bei einem griechischen Joghurt, den man hier auch kaufen kann. Der Joghurtbecher besteht aus zwei Kammern, die durch einen dünnen Steg verbunden sind. In der einen Kammer ist sehr fetter Joghurt, in der anderen Honig. Man knickt die Honigkammer hoch, lässt den Honig in den Joghurt rinnen, öffnet gleichzeitig den in einem doppelten Boden des Deckels befindliche Kammer, in der sich ein ausknickbarer Löffel und gehackte Walnüsse befinden, die man ebenfalls in den Joghurt rieseln lässt. Alles in allem eine sehr schöne Beschäftigung, für die man zur Belohnung eine sehr bekömmlichen Speise ä bekommt. Das ist allerdings nicht gegen das japanische Onigiri, für den Japaner das was dem Deutschen und Österreicher die Klappstulle bzw Wurstsemmel ist, die schlägt in Punkto Verpackungsfreude alles, was es sonst noch so auf diesem Sektor gibt. Aber davon vielleicht mal an anderer Stelle mehr

25.11.2005 | 10:43

Kommentar #5 von Simson:

Man muss gar nicht ins ferne Japan reisen, um fauligen Fisch oder andere Delikatessen geniessen zu können, Schweden reicht da vollkommen. --> Surströmming

25.11.2005 | 11:39

Kommentar #6 von Samson:

Surimi ist ja kein fauliger Fisch, sondern nur mit Glutamat verfeinerter Abfall, so wie unsere gute Wurst aus Hufen, Augen, Mehl und Wasser besteht, und auch das gute Magnum-Eis aus dem gehärteten Fett von Rindernasen. Surströmming hingegen ist etwas ganz reines und auch etwas ganz feines, mit so einer geblähten Dose kann man unliebsame Gäste aus seiner Wohnung verjagen

25.11.2005 | 13:48

Kommentar #7 von joie:

@Samson: Also wenn du selber an deine Definiton einer Wurst glaubst, musst du eigentlich Vegetarier sein. Wenn nicht, dann frage ich mich was für Vorlieben du hast was Essen beanlangt. An dieser Stelle habe ich einen überflüssigen Smiley hingemacht, wofür ich mich dereinst schämen werde.
Ansonsten, was schmeckt gefällt.
Dem einen verdorbener, verschimmelter Käse, dem anderem gut gereifter Canembert....

25.11.2005 | 18:15

Kommentar #8 von Samson:

ja, ich glaube nicht nur an, nicht nur meine, Definition von Wurst, weil es keine Definition ist, sondern Tatsache. Ich versteh nicht recht, warum ich dann Vegetarier sein muss, Herzchen?
Sind Augen und Hufe und Rindernasen kein Fleisch? Haben sie kein Recht Fleisch zu sein?

26.11.2005 | 00:55

Kommentar #9 von corndog:

At first sight this TV snack, purchased in a French department store, appears to be a run-of-the-mill convenience product: fish protein pressed into bite-size pieces, attractively packaged. But once you've eaten some it becomes clear that this is an ideologically fascinating product: While the extremely tasty fish bits melt on your tongue and the mayonnaise is drawn forth from its secret hiding place in the bottom of the container, the first thing you forget is this product's Japanese origin. After the third bit, "Mini-Bat" supersedes the word surimi in the long-term memory portion of your brain. And upon eating the last morsel you are firmly of the belief that the media is lying to you about the French setting fire to cars in the suburbs of Paris. "Jamais!" you think as you lick the last of the mayonnaise from the container. "That's not possible in a country where even prepared mayonnaise has its own garage."

30.07.2006 | 09:15

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