Riesenmaschine

21.03.2006 | 05:42 | Anderswo | Fakten und Figuren

Cute Culture in Deutschland

Wie H5N1 darf auch Cosplay nun endgültig als in Deutschland angekommen gelten. Der ursprünglich aus Asien stammende Virus ist mutiert und befällt nun nicht mehr nur japanische Teenager, die als Manga-Characters verkleidet auf Shibuyas Strassenkreuzungen posieren, sondern deutsche Teens und Pre-Teens. Übers Internet eingeschleppt scheint er vor allem die östlichen Landstriche zu befallen, wo er als legitimer Erbe der Gothic-Kultur auftritt. Ein Vorbote war bereits Ende 2005 der frenetisch gefeierte Auftritt von Dir en Grey, die ohne grosse Marketingunterstützung und unterhalb des Radars der meisten Feuilletons bereits über eine riesige Fanbasis in Deutschland verfügen.

Visual Kei, übersetzt etwa "visuelles System", liefert als neue Musikrichtung aus Synthiepop, Dark-Wave, Glam-Rock und New Romantic zusammengepanscht so etwas wie den Soundtrack zum Cosplay. Auch der Erfolg von Tokio Hotel dürfte eher als erster Ausläufer von Visual Kei in Deutschland zu erklären sein als mit allem anderen. In einer der letzten Bravo-Ausgaben fanden sich bereits mehrere Doppelseiten über andere Visual Kei-Bands. Mit Videospielen, Mangas, Visual Kei und Cosplay liegen nun alle Zutaten auf dem Tisch, die es für eine voll ausgebildete und nachhaltige Jugendkultur braucht, die man unter dem Label "Cute Culture" zusammenfassen könnte. Sie tut das, was alle Jugendkulturen immer gemacht haben: Sie liefert Gelegenheit zum Austesten von Identitäten und sexuellen Orientierungen, stiftet Rituale und bietet Anlässe zum gemeinsamen Abhängen. Vor allem aber erfüllt sie das Kriterium völliger Unnachvollziehbarkeit für Erwachsene und eröffnet damit einen konstitutiven Schonraum. Dabei liegt das Eintrittsalter wegen der Niedlichkeit, in der auch die gesamte Düsternis verpackt wird, noch einmal deutlich niedriger als bei den Vorläufern. Die Cute Culture wird grösser sein als Techno, grösser als HipHop, sie wird alles in sich aufsaugen.

Wer es noch nicht glaubt, hätte sich am vergangenen Wochenende auf der Leipziger Buchmesse überzeugen können. In Halle 2, gut getarnt hinter gähnend leeren Ständen mit den pädagogisch wertvollen Kinderbüchern war das Manga-Zentrum eingerichtet, wo auch die Cosplay-Convention abgehalten wurde. Der Carlsen-Verlag, grösster Abräumer im Mangasegment, hatte eine Grossbühne aufgebaut, vor der es, als Mangas gratis unters Volk verteilt wurden, zu tumultartigen Szenen kam. Die gesamte Halle war – mehr noch als in den Jahren zuvor – angefüllt mit kostümierten Zwölf- bis Fünfzehnjährigen, die sich von ihren Manga-Vorbildern – genauso wie in den Jahren davor – durch deutlich sichtbaren Babyspeck und deutlich wahrnehmbaren, ortstypischen Akzent unterschieden, aber bereitwillig und routiniert die Fotoposen einnahmen. Autofahrer durften sich über mit Handschellen und Häschenohren ausgestattete Teenager wundern, die trampend an der Autobahnauffahrt standen. Dass Cosplay gerade im Osten so gut ankommt, kann vulgärsoziologisch mit der allgemeinen Orientierungslosigkeit ebenso erklärt werden wie mit der vorherrschenden Tristesse, der Neigung zum Kitsch und zum Rekurs auf archaische Mythen. Wie auch immer: Es ist eine neue Farbnote, die dort in Zukunft das gefühlt hegemoniale Braun empfindlich stören wird. Manga-Characters klatschen keine Ausländer. Schon allein deshalb sagen wir: Willkommen in Deutschland, Cute Culture!


Kommentar #1 von Holm:

Neues von der Visual-Kei-Front heute übrigens auch in der Berliner Zeitung

21.03.2006 | 10:57

Kommentar #2 von irgendwem:

Visual Kei wurde ja bereits am 10.03. in einer Sat1-Vorabendserie (Niedrig & Kuhnt, Folge "Tod auf japanisch") in die Weihen und Reihen der ausschlachtbaren Jugendszenen erhoben, sicher war man seitens der Drehbuchschreiber froh, kam doch seit dem konsequenten durchspielen sämtlicher möglichen Ecstasyszenarien nix verwertbares mehr und immer nur Nazi-Skins und Satanisten, das will der Zuschauer ja auch nicht.

21.03.2006 | 15:41

Kommentar #3 von Walter:

Komisch, dass zwar vor einiger Zeit Gothic Lolitas im Spiegel erwähnt wurden, aber in dem Text neulich über den unaufhaltsamen Aufstieg von Tokio Hotel mit keiner Silbe deren Visual Kei Einfluss. Interessant auch, dass der dürftige musikalische Einfluss der japanischen VK Musiker vom norwegischen Blackmetal stammt bzw finnischen Romantikrockern wie HIM, Rasmus und Evanescence und Tokio Hotel das aber über den Umweg aus Japan importiert haben, ach es ist alles so eine komplizierte Welt voller Fäden, die lose irgendwo rumliegen.

21.03.2006 | 17:01

Kommentar #4 von juuuhgieO oder so:

lustig auch, dass ich neulich knapp am fragwürdigen Vergnügen vorbei geschlittert bin, für oben erwähnten Verlag mich in "manga"-Klamotten zu zwängen. Jenes sollte als performative Begleitung zur "Asien"-Ausstellung im Bremer Überseemuseum stattfinden und hätte mir ein kleines bisschen Kohle und vermutlich ne Menge Spass beschert. Die vom Verlag gestellten Kostüme waren dann aber so dermassen unter aller Sau (sorry, Schweine, das geht nicht gegen euch), dass sich Museumsleitung, wie auch alle potenziel Beteiligten einvernehmlich dagegen entschieden haben. Ich nahm den Einnahmenverlust adornisch, fuck you, Kulturindustrie!

22.03.2006 | 01:39

Kommentar #5 von ^____^:

Tokio Hotel sind "in der Szene" nicht beliebt.
Die meisten der Unmengen von kreischenden Fans, die sich auf ihren Konzerten tummeln, haben keine Verbindung zum Visual Kei. Auch die Springer-Bravo wird ob der Poster lieber geklaut als gekauft.
Der musikalischen Wurzeln des Visual Kei reichen bis weit in die 70er. Wie im Artikel bereits erwähnt, waren es vor allem Glamrockbands, wie Twisted Sister oder Bowie "Stardust", die die frühen Visual Kei Bands beeinflussten, nicht zuletzt mit ihrem auffallenden und provokanten Auftreten.
Ein heutiger Künstler, der vielleicht erwähnenswert wäre, ist Marilyn Manson, der schon früh durch Japan tourte und mit einigen der Visual Kei Bands der ersten Stunde befreundet war, u.A. mit dem verstorbenen Gitarristen Hide der Band X Japan.
Die genauen Einflüsse des Visual Kei lassen sich allerdings tatsächlich schwer klären, allein schon aus dem Grund, dass in Japan viele Bands gefeiert werden, die in Europa völlig in der Versenkung verschwinden (z.B. die junge englische Band "The Music").
Wer den soundtrackgrossen hymnenartigen Balladen von X Japan, oder den Riffs des Gitarrenwunderkindes Miyavi sind Ohr schenkt, wird sich schwer damit tun, nur vom >>Soundtrack zum Cosplay<< zu sprechen.
>>Die Cute Culture wird grösser sein als Techno, grösser als HipHop, sie wird alles in sich aufsaugen.<<
Vielleicht.
Es stimmt, Identifikationsvorlagen bietet die Mangapalette zu genüge, wer cosplayen will, bastelt sich eben ein Kostüm. Kitsch ist leichtverdaulich, was mit Ästhetik entschuldigt werden kann, muss nicht durchdacht werden.
Aber das ist der springende Punkt, der mir in dem Artikel etwas fehlt:
Das Ganze ist durch und durch durchdacht!
"Niedlichkeit, in der auch die gesamte Düsternis verpackt wird", wird hier so leichthin gesagt, aber ist das nicht erstaunlich? Wie kommt es, dass Jugendliche sich auf den so genannten "Conventions" einerseits als quietschbunte Mangafiguren verkleiden und dabei sichtlich Spass haben, und andererseits in ihrer Freizeit Musik wie Dir En Grey hören, in der nicht ein Hauch von Heiterkeit mitschwingt? Warum hat die Gothik-Kultur, zu der sich bisher meist verschlossene destruktive Einzelgänger zählten, plötzlich ein Erbe, mit dem sich tausende Jugendliche identifizieren?
Ist es die "allgemeine Orientierungslosigkeit", oder der Virus einer Gesellschaft, in der der Wurm drin ist? Ist es das Produkt der Konsumgesellschaft, Japan als das Land des Konsums schlechthin? Denn auch diese Kids leben den Konsum, sie lehnen ihn nicht ab, sie malen sich nur einen Totenkopf auf die Wange.
Vielleicht wird die "Cute Culture" grösser werden als alles, vielleicht wird sie wirkungslos bleiben, nur eine Phase, nicht mehr als ein bisschen Sturm und Drang. Das wird sich herausstellen, bis dahin bleibt "die Szene" eine Beobachtung wert. ^____^

16.07.2006 | 21:37

Kommentar #6 von Kurai:

Ich als Visu könnte um mich schlagen, wenn ich diesen Artikel lese. Und ich muss die Person vor mir in einem Punkt korrigieren: Der Visual Kei entstand erst in den 80er Jahren, aber ist ja nicht so schlimm, hauptsache er entstandt. ^_^
Ich hoffe auch, dass das in dem Artikel verwendete 'angefüllt mit kostümierten Zwölf- bis Fünfzehnjährigen' nur auf normale Cosplayer hinweisen soll. Ich hab die 15 lange überschritten und auch viele andere Visus und Cosplayer können sich nicht mehr zu den Teenagern zählen.
Das mit dem Osten hab ich übrigens auch nicht so recht verstanden ... auch im Westen gibt es genug Visus und Cosplayer ... >_> Also echt!

21.07.2007 | 16:29

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