Riesenmaschine

04.04.2006 | 03:41 | Anderswo | Alles wird besser | Vermutungen über die Welt

Exservicewüste Deutschland


(Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
Leere Worthülsen, unreflektiertes Gewäsch und nachgeplapperter Quatsch können die Welt verändern! Das mag sich zunächst nach einer gewagten These anhören, doch auf dem nebenstehenden Foto, entstanden am Münchener Flughafen, ist der Beweis zu erkennen. Gehen wir in der Zeit ein wenig zurück und führen uns die Beschwerde vor Augen, mit deren blumiger Ausformulierung praktisch jeder Lifestyle- und Wirtschaftsjournalist die 90er Jahre hindurch seine Miete finanziert hat: "Servicewüste Deutschland!".

Gefühlte 27 Stern-Cover tänzelten um diese Klage, und der Focus musste erst Rankings als seine natürliche Heimat entdecken, um von der ständigen Jammerei wegzukommen über die vielen Arbeitsplätze, die der Nichtservice in Deutschland gar nicht erst entstehen liess. Die meisten Artikel waren dabei ganz deutlich von zwei problematischen Besuchen beim Bäcker oder einem vierstündigen Berlintrip inspiriert und führten uns das famose amerikanische Valetparking als Kristallisationspunkt des Paradieses Dienstleistungsgesellschaft vor. Nun aber hört man schon länger nicht mehr diese Beschwerden, und es liegt nicht daran, dass Beschwerden so out wären wie Echtlinnen-Stickerei für Rütli-Schüler. Vielmehr hat die Wirtschaft reagiert und hat alles Mögliche an allen Ecken und Enden total verservict. Dieser Mülleimer etwa ist zweisprachig bedruckt und sagt dem vorbeieilenden Passanten:

"Hallo lieber Reisender, wirf nur deinen Müll ungefähr in meine Richtung, du musst auch nicht trennen, wie es zu Hause deine Frau verlangt, denn ich bin ein Convenience-Mülleimer und die gleichen Pakistanis, die tagsüber den Flughafenfrass in den Küchengewölben zusammenbrutzeln, trennen abends mit flinken Fingern den Müll, den du hier hineinwirfst. Ist das nicht toll?"

Ja, lieber Convenience-Mülleimer, das ist toll, denkt man bei sich, freut sich im gleichen Atemzug, dass das nervige Servicewüsten-Geschrei in den 90er Jahren famose Mülltrennerarbeitsplätze geschaffen hat und fragt sich, wann man endlich im Laufen urinieren kann und ein freundlicher Servicemensch es hinter einem wegwischt.


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- Stanzabfälle im Müsli

- Besuch beim Psychologen

- immer alles erblicken (statt sehen)


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"Sleep Tight", Jaume Balagueró (2011)

Plus: 37, 38, 42, 102, 149
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