Riesenmaschine

12.04.2006 | 04:12 | Anderswo | Zeichen und Wunder

Pitagora Suichi


(Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
"Pitagora Suichi" ist Japanisch für "Pythagoras' Switch", eine Kindersendung des japanischen Senders NHK. Leser, die dem Link zu dieser Videokompilation der Anfangssequenzen folgen, dürfen die nächsten 12 Minuten und 54 Sekunden in schierem, ungetrübtem Glück verbringen. Nur kurz sorgt man sich um die wertvolle Lebenszeit, die besessene Japaner mit dem irritierend komplexen Maschinchenaufbau verbringen, denn es ist offensichtlich, dass solch kybernetische Schönheit nicht von Menschenhänden stammen kann. In einer abiotischen Evolution finden sich hier Pappbecher, Buchrücken, Mülleimer und Spielzeugeisenbahnen ohne menschliche Hilfe zusammen, sobald man der Wohnung den Rücken kehrt. Das japanische Klima mit seinem unermüdlichen Laufen und Tun lässt ihnen vermutlich keine andere Wahl.

Die genaue Funktionsweise der fragilen Wunderwerke ist dabei unklar; wie durch Zauberkräfte gelenkt scheint die Kugel vom Start zum Ziel zu gelangen. Vermutlich wirken im Versteckten Dämonen wie Hebelgesetz, Impulserhaltung, Schwerkraft, Magnetfelder, der ganze esoterische Quatsch eben, aber beweisen können wir es nicht. Jedenfalls: Neueren Erkenntnissen (unseren) zufolge sieht man am Ende des Lebens nicht, wie bisher angenommen, ein strahlendes Licht, einen weissbärtigen Herrn oder auch rein gar nichts. Vielmehr erscheint eine kleine grüne Karte, und freundliche japanische Stimmen singen "Pitagora Suichi!" Ende der Kugelbahn, wo ist dein Schrecken?

P.S.: Wer uns nähere Informationen und womöglich eine MP3-Bezugsquelle zu dem Song liefern kann, der im Video bei 4:13 beginnt, bekommt im Mai ein nagelneues Riesenmaschine-T-Shirt seiner Wahl.

Kathrin Passig / Aleks Scholz | Dauerhafter Link | Kommentare (20)


Kommentar #1 von Lukas Imhof:

"Es geht in diesem Film natürlich auch um das Problem von Schuld und Unschuld. Ein Gegenstand ist schuld, dass es nicht weiter geht, und auch schuld, wenn es weitergeht."
So Fischli/Weiss über ihre Aktion 'Der Lauf der Dinge' – eine Aktion, die bereits 1987 das gleiche machte wie die Filmchen oben, nur eine halbe Stunde lang ohne Unterbruch und fast 30 meter lang.
"Es gibt ein eindeutiges RICHTIG bei unseren Versuchen; das ist, wenn es funktioniert, wenn dieses Gestell zusammenbricht. Dann gibt es noch ein SCHÖN gleichsam über diesem RICHTIG; das ist, wenn es knapp wird oder wenn dieses Gestell zusammenbricht, wie wir es wollen, nämlich langsam und kompliziert, dann ist es schön zusammengebrochen. Also liegt die Ästhetik auf dem Funktionieren drauf wie die Butter auf dem Butterbrot, ziemlich dünn und gleichmässig."
Mehr dazu und ein Ausschnitt aus dem Video hier.

12.04.2006 | 08:53

Kommentar #2 von TR:

Wollt grad Fischli und Weiss sagen, was aber der Vorredener bereits gesagt hat, nur beim F&W Film gibts doch ein paar versteckte Schnitte, die sind immer dann, wenn es raucht, 5-6 mal, aber trotzdem eine grosse Leistung, der Film, und die Japaner sind auch nicht die ersten, die das Konzept gestohlen (oder dafür bezahlt?) haben, eine eher unnötige Band namens The Bravery hat das kürzlich auch schon getan.

12.04.2006 | 09:25

Kommentar #3 von irgendwem:

Möcht mal wissen, ob F&W die verklagen, oder versucht haben zu verklagen, das wär doch jetzt mal wirklich interessant:
The Bravery

12.04.2006 | 09:29

Kommentar #4 von irgendwem:

Hier erklären sie ihr geniales Konzept, die Räuber, die verfluchten

12.04.2006 | 10:18

Kommentar #5 von guido:

das schöne an den japanern ist doch gerade, dass nicht so viel kunstwille dahintersteht, und dass es mit seinem altagsschnickschnack und dem spass an der freude einfach lust macht.

12.04.2006 | 11:48

Kommentar #6 von TR:

Und das Schöne an Fischli & Weiss war ebenfalls, dass der Kunstwille, was immer das sein soll, und der mE einer originären Kunst eher im Weg steht, nicht im Vordergrund stand, als sie vor 19 Jahren ihren Film mit kindlichem Eifer und Experimentierfreudigkeit zusammenbastelten, aus exakt dem gleichen "Altagsschnickschnack" bestand, der Guido aus Kommentar Nr 5 so viel Spass an der Lust der Freude macht. Und deswegen ist das ganze ja so ärgerlich. Wenn es wenigstens nicht so 1:1 gestohlen wäre, könnte man den Japanern das ja verzeihen, den The Bravery Deppen hingegen aber niemals.

12.04.2006 | 12:01

Kommentar #7 von Sascha Lobo:

Du musst jetzt ganz stark sein, TR, Fischli & Weiss haben ihrerseits auch nur geklaut. Und zwar von Rube Goldberg, geboren 1883, gestorben 1970, dem Erfinder der pataphysikalischen Rube-Goldberg-Machines.

12.04.2006 | 12:24

Kommentar #8 von TR:

Ich will nicht stark sein, und es nicht glauben, ich werde es nicht anklicken, ich bleibe stark. Ausserdem war doch Pataphysik mein Thema, das hab ich doch studiert, komisch, dass man uns das nicht beigebracht hat, oder ich war grad krank

12.04.2006 | 12:40

Kommentar #9 von TR:

Genaugenommen haben seine "Maschinen" ja nichts mit Pataphysik zu tun, also imaginären Lösungen für nicht vorhandene Probleme zu liefern, bei Goldberg werden ja durchaus, zwar umständlich, aber doch Dinge erledigt und vorhandene Probleme gelöst.

12.04.2006 | 12:55

Kommentar #10 von guido:

muss jetzt jedes kind, das mit der steinschleuder 'ne büchse vom stuhl schiesst, um damit einen eimer wasser zum überlaufen zu bringen, lizenzgebühren bezahlen?
da ist man ja direkt froh schon erwachsen zu sein.

12.04.2006 | 13:03

Kommentar #11 von Kathrin Passig:

So, das ausgeschriebene T-Shirt ist vergeben, und zwar gleich zwei Mal: nämlich an die lobenswerten Leser Stephan Rausch und Marcus Böhme. Wir verdanken ihnen ein schönes MP3 (Marcus) sowie folgende Informationen (Stephan): "Das Lied ist geschrieben von einem gewissen Kurihara Masami (栗原正己), der Text
ist von Kusaka Yoshiaki (日下好明). Der genaue Titel ist 'Pitagora souchi 41-ban
no uta' (Pythagoras-Apparatur-Lied No. 41). Der Liederschreiber ist Mitglied der Kombo Kuricorder Quartet." Weitere Originalvideos zu den besagten Apparaturen gibt es unter pythagora.web.infoseek.co.jp. Der Liedtext sieht auf Japanisch folgendermassen aus, und es wird darin "einfach nur besungen, was gerade zu sehen ist, so nach der Art 'Die Murmel rollt die Rampe runter, roll, roll'".
降りてきたのは空気ポンプ、赤玉コロリミニカー走れば、トンカチ
歯車歯車グルグル、箱から飛び出すビーダマビーすけ、トンネルグルグル グルグル
ビーダマビースケ目が回り後は任せた紙コップカーから、ちびカップカーこけた
ジグザグ坂道慎重に、慎重に、慎重に、とにかく坂道慎重に、慎重に、慎重に、一人旅、連絡係も順調
登りだそれゆけ、なんだ坂やれゆけ、それゆけ着いたと、思う間もなくビー玉消えました
いや待て、コロコロ出てきたレールを地道に転がって
いよいよそこには矢印カー、進行方向矢印の示す通り、ゴール。
(Falls hier nur krauser Sonderzeichensalat zu sehen ist, muss der geneigte Leser sich eine japanische Schriftart seiner Wahl installieren.)

12.04.2006 | 15:14

Kommentar #12 von Helmar:

Ach ja, schön war die Zeit... als Kind The Incredible Machine (durch)zu( )spielen. Ich werde noch ganz sentimental.

12.04.2006 | 15:56

Kommentar #13 von dogbert:

Sehr schoen, dann war meine Recherche also nicht umsonst! Moechte nur wissen, wo der Markus die mp3-Datei aufgetrieben hat...Obwohl ich stundenlang danach gesucht habe. Freue mich auf das T-Shirt!

12.04.2006 | 18:26

Kommentar #14 von Kai:

Wo hier grade schon Hund und Katz des Plagiats geziehen wird, und es um Kindersendungen geht, will ich noch flugs die Maus erwähnen. Im Spiel "Fang die Maus", das wenn die Erinnerung nicht trügt von Mattel vertrieben wurde, mussten die Spieler nämlich eine Goldberg-Maschine erst aufbauen, und dann am Ende auslösen, die auf allerhand Umwegen dann eine Maus einfing. Das Spiel ist erfreulich ungooglebar, hier ist immerhin ein Foto davon: http://demo.physics.uiuc.edu/LectDemo/descript/756/PIC00002a.jpg
Das kam glaube ich vor 1987 raus, da haben F/W also vermutlich geklaut. Wer kennt schon diesen Goldberg?

13.04.2006 | 22:17

Kommentar #15 von CYS:

Sascha Lobo z.B. in Kommentar #7

14.04.2006 | 02:26

Kommentar #16 von Kai:

Sarkasmusdetektor kaputtgegangen?

14.04.2006 | 04:08

Kommentar #17 von Herrn K.:

Kai, ungooglebar werden Dinge, wenn man sie verkehrt ins ansonsten wahrhaft allmächtige Suchfeld eingibt.
http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/B00027YGYM/302-5616232-2918449
Okay ich hab geschummelt, das Spiel befindet sich physisch in meinem Besitz. Und der Verriss im Link weiter unten ist teilweise sehr berechtigt, sagt jedenfalls meine Erinnerung an langweilige Kindertage.
PS: Chuck Norris und Mr. Miyagi sind beide unschlagbar. Was passiert, wenn sie jemals gegeneinander kämpfen sollten, wage ich mir nicht auszumalen.

14.04.2006 | 08:07

Kommentar #18 von Aleks:

Ebenfalls unbesiegbar: die USS Constitution. Was aber passiert, wenn sie gegen Chuck Norris antritt, duerfte klar sein.

14.04.2006 | 23:38

Kommentar #19 von Kai:

Igitt, was ist das denn? Ich kann mich auch erinnern, dass das Spiel eher fade war, aber wenigstens war die Vorläuferversion nicht so erbarmungslos verdiddlt. Brr.

15.04.2006 | 00:02

Kommentar #20 von Lukas:

Gab´s da nicht mal eine Tom und Jerry Folge, bei der die Maus mittels einer unendlich komplizierten Vorrichtung erlegt werden sollte? Müsste vor Fischli/Weiss gewesen sein. Spezialisten zum Rapport!

15.04.2006 | 22:43

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