Riesenmaschine

18.04.2006 | 13:11 | Berlin | Alles wird besser

Die Zukunft ist klobig

Ende letzten Jahrtausends konnte ich in meiner damaligen Funktion als ahnungsloser Zeitzeuge einen Artikel beobachten in einer Zeitschrift, die es nicht mehr gibt. Er handelte von der Faszination der Geschwindigkeit beim Surfen; der Autor hatte direkt an den Rändern eines Backbone herumspielen dürfen und das Internet in einer wahnwitzigen Geschwindigkeit erleben können: 150 MBit pro Sekunde, als man noch mit Dual ISDN angeben konnte. Inzwischen ist im Internet vieles noch andersartiger, als man damals mit "anders" gemeint hat und auch schneller.

(Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)

Riesenmaschineleser Kosmar hat uns vor einiger Zeit darauf aufmerksam gemacht, dass die Berliner Wohnmeilen der zugezogenen Medienelite, nämlich die Kastanienallee, die Pappelallee und die Oderberger Strasse, mit den abgebildeten klobigen Kästen verziert werden. Der genaue Beobachter erkennt den schamhaft kleinen Schriftzug "T-Com" oben links in der Ecke. Mit nur 20 hervorragend investierten Euro Bauarbeiterbestechungsgeld erfuhr Herr Kosmar weiterhin, dass es sich bei diesen Kästen um die technischen Vorbereitungen handelt für VDSL, Very Schnelles Internet also, 50 MBit pro Sekunde, ein kleiner Backbone von früher also für jeden Medienelitenhaushalt. So gross und klobig, dass man meinen könnte, T-Com plant ein gigantisches Täuschungsmanöver und stellt einfach vor jede Haustür ein eigenes Copy-Paste-Internet, damit man keine Bandbreite mehr braucht. Fast wünscht man sich, Teil der Berliner Medienelite in Prenzlauer Berg zu sein. Aber dann auch wieder nicht. Übrigens ist es fast schon wieder sympathisch, dass an der Backbone-Industrie das Designzeitalter komplett vorbeigegangen ist – die letzten iPod-Leugner.


Kommentar #1 von MartinMustermann:

Auch im schönen Nippes (für Nichtrheinländer: Kölner Norden) sind diese Kästen gesichtet worden; meist an Ecken, die eh schon eng waren, und dann auch nicht direkt an der Hauswand, nein, als Mauer sozusagen zwischen Haus- und Strassenecke. Lautstark protestierende (ob der Unumrundbarkeit selbiger) Müttergruppen mit Kinderwagen zu nachtschlafender Zeit (8h morgens) sind die Folge. Danke, liebe T-Com, für den wundervollen Presslufthammer- und Mütterlärm. Schneller wird´s trotzdem nicht, der lokale Anbieter ist einfach billiger.

18.04.2006 | 13:51

Kommentar #2 von irgendwem:

Interessanter finde ich, dass jemand zwei "Heimat- und Sachkunde"-Tags auf den Kasten geschmiert hat.

18.04.2006 | 15:03

Kommentar #3 von kosmar:

:) wenn jemand bei mir bitte auf die adsense anzeigen klicken könnte, dann hätt ich auch was von dem traffic. danke

18.04.2006 | 23:51

Kommentar #4 von bu:

Endlich hat jemand das Rätsel gelöst – ich dachte ja erst, dass sind die neuen Logenplätze für Love-/Fuck-/Anti-Nazi-/oder-sonstwas-Parade! Hab mich dann aber gefragt: Warum im F'hain? Vielleicht doch als Bullenbremse beim Strassenräumen am Vorabend des 1. Mai? Oder kann man von Kasten zu Kasten hüpfend dem Hundescheiss entkommen? Nein. Und doch ja. Indem man zu Hause bleibt und VerySchnellSurft. Danke für die Aufklärung, liebe Riesenmaschine!

19.04.2006 | 08:56

Kommentar #5 von reformhoelle:

Schön, dass die T-Com die Bewohner des Soldiner Kiezes (Berlin-Wedding) offenbar auch zur Medienelite zählt. Dort wurden erste Kästen dieser Art neulich auch installiert.
Spiele statt Brot für die Hartz IV-Elite?

19.04.2006 | 19:26

Kommentar #6 von Medienproletariat:

Eine Freundin, die bis vor ein paar Jahren am Zionskirchplatz wohnte, zog von dort weg. Der Grund: Sie ertrug die "hippe" "Medienelite" nicht mehr, die ihr das Gefühl gab, dass man sich morgens zum Brötchenholen aufbrezeln muss. Die Gegend zu besuchen ist nett. Dort zu wohnen, ist die Hölle.

20.04.2006 | 16:11

Kommentar #7 von Dr. Theopolis:

Gegenden, wo die Leute so zum Bäcker gehen, wie sie eben aussehen, wenn für sie grad morgens ist, sind aber auch nicht unbedingt besser zu ertragen.

21.04.2006 | 09:38

*  IN DER RIESENMASCHINE


*  ORIENTIERUNG



Werbung
Werbung Ratgeber

*  SO GEHT'S:

- $time_direction="backwards"

- Turbokapitälchen

- Vierkantmuttern

- Gesinnungsertüchtigung

*  SO NICHT:

- Bettsofa (zu unentschlossen)

- Käferarmut im heutigen Wald

- Spermiogramm als Tischgespräch

- Polarexpedition mit offenen Schnürsenkeln


*  AUTOMATISCHE KULTURKRITIK

"The Neighbour", Marcus Dunstan (2016)

Plus: 21, 23, 42, 132
Minus: 43, 130
Gesamt: 2 Punkte


*  KATEGORIEN


*  ARCHIV