Riesenmaschine

26.04.2006 | 04:45 | Alles wird schlechter | Vermutungen über die Welt

Best Ager Marketing


Das nennt man wohl Targeting
Eine häufig geführte Klage handelt davon, dass trotz alternder Gesellschaft und einer bevorstehenden Bevölkerungsmehrheit der Über-60-Jährigen diese in der Werbung nicht angemessen repräsentiert würden. Die stereotype Darstellung jung gebliebener und dynamischer Alter würde letztlich, so das Argument, den Jugendlichkeitswahn prolongieren und damit an Lebensgefühl und -realität der 60-Plus-Zielgruppe vorbeigehen. Nachdem am Stadttheater Moers neuerdings demenzkranke Alte selbst auf der Bühne stehen, hat man nun auch beim Kaffeeröster Jacobs ein mutiges Experiment gewagt und verwirrte Greise ihre eigene Kampagne entwerfen lassen, die dann in seniorenaffinen Medien wie RTV und Apotheken-Rundschau geschaltet wurde. Und die alten Herrschaften liessen es an Kreativität nicht fehlen. Herausgekommen ist unter anderem dieses Motiv, das die silberhaarige Heide zeigt, wie sie vom Balkon aus der ebenso schlohweissen Hertha den Kaffee wegangelt. (Etwas mysteriös bleibt, warum Hertha zuvor neben einer frisch aufgebrühten Tasse auch eine noch verschlossene Packung Jacobs Meisterröstung mit auf der Veranda zu stehen hatte.) Der empörte Einspruch "Heide, Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Kaffee!" wird von der Gemeinten schnippisch gekontert mit "Aber Hertha, bei der Qualität kann ich nicht widerstehen!" Nun ja. Wir verstehen die Sprache unserer Kinder nicht mehr, warum sollten wir den spezifischen Humor unserer Grosseltern verstehen?


Kommentar #1 von eyaldaichschwör:

Na supa, kann ich also einpacken. Jetzt hast du nur noch ne Chance in der Werbung, wenn du unter 16 oder über 65 bist, oder Gerontologe. Ich seh schon wie sie heissen, die alten hippen Agenturen. Omi&Opi statt Töchter&Söhne und statt Copytests zu schreiben, soll man nun Die Glocke auswendig vortragen können – tzz. Ich färb mir jetzt die Haare ...

26.04.2006 | 09:44

Kommentar #2 von M:

"zu stehen hatte"? Bitte? Hakt's?
Noch so ein Fall für "Bitte erklär mir einer die Berliner Gegenwart". Schlimm genug das so oft hören zu müssen. Aber jetzt auch noch lesen? Und dann ausgerechnet hier?
Der Tag ist schon gelaufen.

26.04.2006 | 10:12

Kommentar #3 von irgendwem:

Sowas sieht man auch schon häufiger in der TV Werbung. Und jetzt tauchen ja auch schon Magazine für diese Generation auf, zwei gibts schon: Sechs+Sechzig und Grosseltern

26.04.2006 | 10:33

Kommentar #4 von Hansen:

"zu stehen haben" ist durchaus aber auch Berliner Vergangenheit, siehe meine Oma, die immer auch ein Fläschchen Herva mit Mosel im Kühlschrank zu stehen hat.

26.04.2006 | 11:20

Kommentar #5 von irgendwem:

Traurig, dass die sich gar nicht anschauen, wenn sie miteinander reden.

26.04.2006 | 11:38

Kommentar #6 von Holm:

Die Berliner Grammatik wartet mit dreierlei Eigentümlichkeiten auf, die den Zugezogenen erst mal konsternieren:
1. Berliner Plusqumperfekt ("War ich am Wochenende in Spandau jewesen")
2. Berliner Anrede in der 3. Person ("Kann er denn nicht mal sein Fahrrad da ausm Hausflur...")
3. Berliner Infinitiv ("Da haick noch Verwandschaft zu wohnen")
Letzterer wurde von mir hier bewusst mimetisch eingesetzt, quasi als Anverwandlung an die Trutschigkeit des Anzeigenmotivs.

26.04.2006 | 13:32

Kommentar #7 von Ernst:

Ist es denn wirklich der Infinitiv, oder nicht doch der Infinitiv mit zu, der alle nichtberliner Deutschsprechen verwirrt? Wen es wirklich interessiert, möge sich der langen, heftigen, interessanten und ein wenig ermüdenden Diskussion unter http://www.wer-weiss-was.de/theme143/article466965.html annehmen.

26.04.2006 | 19:46

Kommentar #8 von Ernst:

Lieber Lektor, bitte das vergessene Wort "der" an 23. (!) Stelle einfügen. Danke.

26.04.2006 | 19:47

Kommentar #9 von Obse(u)rv(f)er:

Ich finde diese Werbung irgendwie nicht gut. Das kommt sehr altbacken und bieder daher. Fühle ich mich überhaupt nicht von angesprochen... und das sollte doch den Sinn von Werbung darstellen, oder?

27.04.2006 | 13:45

*  IN DER RIESENMASCHINE


*  ORIENTIERUNG



Werbung
Werbung Ratgeber

*  SO GEHT'S:

- Kanarien-Trainingsanzüge

- Cato der Ältere

- halbes Jahr zu spät

- Zweifeln (undogmatisch)

*  SO NICHT:

- Hautbildung auf Pudding

- naiv drauflos metaphysizieren

- Cato der Jüngere

- halbe Stunde zu spät


*  AUTOMATISCHE KULTURKRITIK

"The Zero Theorem", Terry Gilliam (2013)

Plus: 3, 11, 35, 126, 157
Minus: 33, 39, 54 doppelt, 97, 118
Gesamt: -1 Punkt


*  KATEGORIEN


*  ARCHIV