Riesenmaschine

23.06.2006 | 11:14 | Fakten und Figuren

Die Tage der reitenden Leichenwäscher

Über den gut aussehenden Klagenfurtteilnehmer Kevin Vennemann mit dem tollen, lebenslaufzierenden "Aufenthaltsstipendium der Raketenstation Hombroich" ist anderswo zu lesen, er habe schon "in Köln, Innsbruck und New York als Totengräber, Fliessbandarbeiter, Kellner, Aushilfslehrer für Deutsch und Englisch sowie als Hotelportier" gearbeitet. Die Beliebtheit des Totengrabens und Leichenwaschens scheint unter Autoren nicht nachzulassen: Autor Roger Graf, der schon als Leichenwäscher, Baumwollpflücker, Landstreicher und Mittelgewichtsboxer gearbeitet hat, überbietet Vennemann allerdings locker. Douglas Adams hat Hühnerställe ausgemistet, war Leibwächter bei einem Emir und Gitarrist bei Pink Floyd. Bukowski war Leichenwäscher, Werbetexter, Nachtportier, Sportreporter, Hafenarbeiter, Zuhälter, Briefsortierer und Tankwart. Frank-Wolf Matthies war Fernsprechhelfer, Schwimmhallenmaschinist, Kellner, Taxifahrer, Leichenwäscher, Kameraassistent und Grabenzieher. Feridun Zaimoglu hatte es auch raus: "Ich arbeitete als Schlachter bei Nordfleisch, ich fuhr frühmorgens Brötchen aus, ich spülte Pfannen und Töpfe in einem sehr noblen Hotel oder liess mich als Landvermesser einstellen." Ich dagegen habe nur mal in einer Kartonfabrik und in der ADAC-Prämienabteilung gearbeitet, und das war noch vor dem Abitur. Dabei hätte ich so gern selbst mal das Aufenthaltsstipendium der Raketenstation Hombroich! Ob es wohl zu spät ist, noch mit dem Boxen oder Leichenwaschen anzufangen?


Kommentar #1 von ira:

Die hiesige Hitz zwingt mir eine automatische Lebenslaufkritik zur Vision, bei der ich immerhin 80% Vennemann, 1/7 Matthies und einen halben Bukowski scoren würde, ein Hühnerstallpunkt von Adams wär eventuell auch noch drin, vielleicht einer dazu oder auch weg für Musikdinge, allerdings sicher drei Punkte Abzug für den Versuch eines Ausbildungsberufs, "der ein Irrtum war" und für übermässige Sesshaftigkeit. So wird das nie was mit der literarischen Karrier.
Was ich aber eigentlich wissen wollte: Was tut ein Fernsprechhelfer bzw. gibt es diesen Beruf heute noch?

23.06.2006 | 12:41

Kommentar #2 von irgendwem:

Wie wär's mit einer Synthese: Boxerwaschen? Leichenboxen? In Raketenstationen am Fliessband als Portier kellnern? Da is noch Luft...

23.06.2006 | 14:05

Kommentar #3 von M. Kranz:

Ja, auch von Leuten wie Peter Green (früher mal bei Fleetwood Mac, davor bei John Mayalls Bluesbreakers) geht die Sage, sie seien Totengräber gewesen – klingt ja auch gut, so als Tiefstpunkt einer Karriere, hat andererseits
aber auch immer noch ein gewisses makaber-interessantes Flair. Dürfte aber in
den meisten Fälle pure Legende sein, denn ich glaube, all die angeblichen Totengräber machen sich ganz romantische und überholte Vorstellungen
vom Beruf eines Friedhofswärters (so heissen die heute meist offiziell). Man brauchte sie eigentlich nur mal zu fragen, wo Sie denn bitte ihren Baggerschein
http://www.baggerschulung.de/
gemacht haben, oder wollen sie uns allen Ernstes weismachen, Gräber würde heute noch von Hand ausgehoben?:
http://www.grabbagger.de/hs_produkteframe.htm

23.06.2006 | 14:20

Kommentar #4 von Ruben:

Stimmt, da gibt's eine richtige Ausbildung zur Bestattungsfachkraft (bzw. Funeralmaster). Vielleicht war Herr Vennemann aber auch einfach nur ein Ministrant einer Pfarrei in Friedhofsnähe. In meiner Ministrantenzeit haben wir da auch nicht nur das Weihrauchfassl geschwenkt und unsere Gstanzln aufgesagt, sondern manchmal auch Eimer mit Erde tragen müssen, die dann ins Grab gekippt wurde.

23.06.2006 | 14:35

Kommentar #5 von Ruben:

Aber des war nur, weil der Funteralmaster ollawei a weng ogschdocha gwen is.

23.06.2006 | 15:01

Kommentar #6 von CFB:

Die Behauptung, als Totengräber gearbeitet zu haben, wirkt tatsächlich etwas bemüht. Hat wahrscheinlich einfach nur für 2 Wochen befrackt und zylindert am Eingang irgendeines von Touristen hoch geschätzt und gern besuchten Foltermuseums neben einen offenen Holzsarg gestanden und wissend grinsend ein Massband geschwenkt. Sei`s drum.
Die Musikauswahl seines Kurzportraits wird ihm, so Gott will, eh sämtlicher Publikumssympathie berauben, da hilft kein Lesen und kein Schreiben.
Eine Beschäftigung in der ADAC-Prämienabteilung ist schon eher Alleinstellungsmerkmal. Da sollte man mal mit hausieren gehen und hätte so auch prompt den nächsten Trendberuf in seiner Vita.
Und Hombroich ist ja auch nicht gerade Baikonur. Aber Die vergeben leider keine Stipendien.

23.06.2006 | 15:53

Kommentar #7 von Vlad Kefir:

Bester Beitrag, bestes Bild und beste Überschrift des Monats

23.06.2006 | 23:36

Kommentar #8 von Ruben:

Interessant finde ich übrigens Norbert Scheuer. Zementarbeiter, Physiker und Philosoph. Aussage: In der Philosophie eigentlich alles schon gesagt, alle Denkmöglichkeiten grundsätzlich erschöpft, also nix mehr Philosophie, sondern nur noch Schriftstellerei. Als Phänomenologie! Hossa.

24.06.2006 | 03:16

Kommentar #9 von hansbert:

Wie schade! Aber nicht traurig sein, Frau Passig. Wer – wie ich – von einem Musikfestival nächtens heimgekehrt seine erschöpften Augen über Ihre Vita stolpern lässt, liest dort, dass Sie in der AC/DC-Prämienabteilung tätig waren. Das ist nicht nur nah am Leichenwäscherberuf dran, sondern übertrifft ihn sogar, denn man kommt dort mit lebenden Leichen (kein Affront gegen AC/DC, aber nun, seien wir doch ehrlich) in Kontakt, ist also wesentlich verwegener.
Also Kopf hoch, c'est pas nous qui marchons pas droit, c'est le monde qui va de travers!

24.06.2006 | 08:14

Kommentar #10 von Paperback Fighter:

Weiter so, trotz Bachmannpreis.

25.06.2006 | 19:44

Kommentar #11 von kevven:

die musik des beitrags wurde entgegen meiner wünsche und ohne mein wissen nachträglich hinzugefügt, mit dem elenden totengräberscheiss bin niemals ich sondern allenfalls der alte verlag hausieren gegangen – und das vor über vier jahren, wie ausnahmsweise genaues hinsehen zeigt. ich kann´s ja selber seit so langem schon nicht mehr hören, daher allein vermutlich diese rechtfertigung als vielmehr ein hilferuf: darf ich endlich auf verjährung hoffen? und fragen: sonst wirklich gar keine sorgen? schön. liebe kathrin: nochmal allerdoll herzlichsten glückwunsch.

26.06.2006 | 11:05

Kommentar #12 von Sascha Lobo:

Die Verjährung ist im Text nachgetragen, nachtragend sein ist ja auch Unfug.

26.06.2006 | 11:10

Kommentar #13 von CFB:

Sonstige Sorgen, lieber Kevven, gäbe es natürlich genug. Aber hier ist man entweder Autor und darf nicht über Befindlichkeiten schreiben, oder kommentiert und sollte sich somit halbwegs dem Thema des zugehörigen Artikels verpflichtet fühlen.
Und der gibt offenbar ja gar nicht so viele Sorgen her, was doch eigentlich erfreulich ist.
Zum Totengräberding ,wie schon gesagt, nur: Sei`s drum!
Für die Musik gehört allerdings der Verlag mal wieder gewechselt, so viel ist sicher.
Jedenfalls viel Glück für`s nächste Mal.

26.06.2006 | 11:54

Kommentar #14 von Volker:

Hier ein Witz über Leichenwäscher, den ich aber nicht verstanden habe:
Leichenwäscher am Stammtisch: Mir ist letzte woche etwas passiert! Ich hatte einen der hat sich mit einer Rasierklinge die Pulsadern aufgeschnitten – bis wir den genäht und sauber gemacht hatten, das hat Stunden gedauert. Ach, das ist doch garnix. ich hatte einen der hat sich mit einer Motorsäge die Arme und Beine abgeschnitten – bis wir den genäht und sauber gemacht hatten, das hat Tage gedauert. Ach was, das ist doch garnix. Ich hatte mal eine Nonne, die ist aus dem 10. Stock auf eine Parkuhr gesprungen – bis wir da das Grinsen aus dem Gesicht hatten, dass hat Wochen gedauert.

26.06.2006 | 11:57

Kommentar #15 von Volker:

Maxim Gorki, George Orwell und Arnon Grünberg haben zwar nicht als Leichenwäscher, aber als Tellerwäscher gejobbt. Das schmückt doch auch jeden Lebenslauf.

26.06.2006 | 12:16

Kommentar #16 von Michael O.:

Robert Lembkes Sparschwein = Deutschlands Beitrag zu m Max-Weber-Erbe (Beruf/Berufung/Protestantismus ff.). Kathrins Pointe: das sind alles Kriegslegenden, was Opa aus Verdun wusste, weiss der Autor (gutaussehend!) aus dem Leichenhaus. Wer bietet mehr! Aber skurril ist auch viel. Und was wäre die Geschichte ohne Geschichten. Hart, aber gut erfunden.

26.06.2006 | 13:28

Kommentar #17 von maex:

interessant finde ich das bild der reitenden leichen. woher hast du das?

26.06.2006 | 14:00

Kommentar #18 von elfi:

Naja, einige Teilnehmer dieses und der vorherigen Bachmannpreis-Veranstaltungen sind doch tatsächlich sowas wie Totengräber der Literatur.... An dieser Stelle habe ich einen überflüssigen Smiley hingemacht, wofür ich mich dereinst schämen werde.
Beim Zusehen geniesse ich jedenfalls immer wieder jede Menge (unfreiwilligen) Humor...
Dass diesmal der Preis entsprechend meiner eigenen Meinung für ein Stück mit so feinem trockenem Humor vergeben wurde, hat mich dabei allerdings überrascht und gefreut...
Also bitte nicht umsatteln, sondern weiter so "im Text" An dieser Stelle habe ich einen überflüssigen Smiley hingemacht, wofür ich mich dereinst schämen werde.

26.06.2006 | 15:19

Kommentar #19 von elfi:

oh nein, ich werde mich keineswegs für die strichpunkt-doppelpunkt-klammerzu-smilieys schämen...
ich finde sie auch nicht überflüssig, verdeutlichen sie bei so kurzen Replik-Texten doch den Tonfall, das Augenzwinkern... etwas, das man sonst mit viel längerem Text deutlich machen müsste
Schliesslich schreibe ich hier nicht für den Bachmannpreis....
strichpunkt-doppelpunkt-klammerzu

26.06.2006 | 15:23

Kommentar #20 von irgendwem:

Man mag es bedauern, aber nicht nur zukünftige Schriftsteller arbeiten auf den Friedhöfen dieser Welt.
Auch andere Künstler vervollständigen ihr vita durch diese orginellen Ferienjobs:
http://www.lfs.bsb-muenchen.de/gedenktage/detail.jsp?ID=218

27.06.2006 | 21:17

Kommentar #21 von Matt:

Moment mal: Wann hat denn Douglas Adams bei Pink Floyd Gitarre gespielt ...? Das wüsste ich aber, und zwar gerne!
Mir fällt hingegen noch Peter Green ein; der hat bei Fleetwood Mac Gitarre gespielt und danach als Totengräber angeheuert (was angesichts der Mac-Musik unter seiner Ägide aber gar nicht nötig gewesen wäre).

28.06.2006 | 01:03

*  IN DER RIESENMASCHINE


*  ORIENTIERUNG



Werbung
Werbung Ratgeber

*  SO GEHT'S:

- Texte entfloskeln

- Saisonangebote nutzen

- Schildern und Anleitungen Folge leisten

- Nase mit dem Ellenbogen berühren

*  SO NICHT:

- StuKa-Modellbausätze

- gleissende Fehler

- gelbe Sonnenbrillengläser

- Vorwärts finkeln


*  AUTOMATISCHE KULTURKRITIK

Garden State, Zach Braff (2004)

Plus:
Minus: 38, 39, 54, 60, 84
Gesamt: -5 Punkte


*  KATEGORIEN


*  ARCHIV