Riesenmaschine

09.07.2006 | 20:57 | Nachtleuchtendes | Zeichen und Wunder

Lumen de lumine


Physikotheolökonomie (Bild von Mark Hjandel) (Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
Nicht erst seit Galileo Galilei ist das Verhältnis von Naturwissenschaft und Theologie ein verkorkstes. Schon seit Philon von Alexandrien schwelt die Debatte um die richtige Regelung des nachbarschaftlichen Nebeneinanders von Glaube und Wissen. Wie überall, gibt es auch auf diesem Feld einige Extrempositionen, z.B. Fideisten und Rationalisten, sowie einige Entgleisungen wie etwa den US-amerikanischen Neokreationismus. Mit Schaudern denkt man auch an die seit Siger von Brabant durch die Hörsäle geisternde Möglichkeit einer duplex veritas, einer Doppelwahrheit in dem Sinne, dass die Sonne sich zugleich um die Erde drehen und auch nicht drehen könnte. Auf dem Mittelfeld aber tummeln sich weiterhin viele Zwischenpositionen, von denen vor allem Thomas von Aquin mit seiner berühmten Harmonie zwischen Lumen naturale (natürlichem Licht des Wissens) und Lumen supernaturale (übernatürlichem Licht der Offenbarung) erwähnt sei.

Viel einfacher war seit jeher das Verhältnis von Theologie und Wirtschaft. Für kostenintensive Unternehmungen, wie die Realisierung kunstgeschichtlicher Epochen, wurden schnell effiziente Lösungen gefunden. Wie in italienischen Kirchen schon seit längerem gesichtet, bahnt sich aber inzwischen auch im deutschen Sprachraum eine noch höhere Verbindung zwischen übernatürlichem, natürlichem und ökonomischem Licht an, nämlich in Form von elektrischen Opferkerzen, die gegen Münzeinwurf eine festgesetzte Zeit lang leuchten. Wenn eine solche triplex veritas in heiligen Hallen selbstverständlich wird, dann sollte in profanen Seminarräumen doch bald auch eine betriebswirtschaftliche Elektronentheologie möglich sein.

Ruben Schneider | Dauerhafter Link | Kommentare (10)


Kommentar #1 von CFB:

Offenbar ist dies die erste spatiotemporale Instantiierung. Die Gliederung ist zumindest ein wenig klarer geworden.
Ich vermute allerdings, dass diese materielle Aktualisierung von kirchlichen Ritualen grösseren Anklang finden wird als die wenig greifbare Onlinebeichte, von der man ja mittlerweile nichts mehr hört. Als Protestant hat man aber von alldem natürlich wieder nichts.

09.07.2006 | 22:02

Kommentar #2 von irgendwem:

wenn man von beichten was hört, ist das ganz schlecht. wg. beichtgeheimnis und so.

10.07.2006 | 13:10

Kommentar #3 von g.sus@in-ri.eu:

Also, das gibt es auch in anderen ziemlich "katholischen" Ländern, wie Portugal und Spanien. Man behauptet hier einfach das Kerzenruss würde die Kirchen (innen) und besonders die Bilder schwärzen. Die Glühbirnen sollen weniger Schaden an der Kunstanrichte. Da glaube man was man will, die Stromindustrie macht einfach nur die Kerzenwirtschaft platt. Das ist klerikale Globalisierung (oder ist das doch immer noch eine Scheibe auf der wir leben). Amen

18.07.2006 | 14:00

Kommentar #4 von Rudi K. Sander; www.textsteller.de:

Nun ja, möglich ist Vieles, doch vergesse man bitte nicht, als einer der damaligen Zeitgeistgrössen, ein anerkannter und bei vielen jungen Leuten geschätzter Philosoph verkündete: "anything goes", da antwortete ihm ein zur gleichen berühmter Soziologe: "Nein, mein Herr, alles geht nicht; es geht immer nur, was geht." Dieser Soziologe ist zwar berühmt, für mich übertrifft er mit der Erklärungskraft seiner Gesellschaftstheorie alle anderen seiner jetzt lebenden Kollegen (er selber starb 1997), aber die Normalsoziologie schneidet ihn, soll heissen: die meisten beachten ihn nicht (solches Verhalten nennt man billigerweise unterkomplexes Denken).
Warum geht nicht alles? Um dies einzusehen muss man sich mindestens zwei Sachverhalte vor Augen halten:
1) Alles, was gesagt wird, wird von einem Beobachter (für andere Beobachter) gesagt. Wenn kommunikativ niemand anschliesst, ist das zuvor Gesagte gar nicht gesagt: "Eine Rede ist keine Rede".
2)Man kann mit seinem eigenen Bewusstsein nicht und niemals in ein anderes Bewusstsein "hineinreden", lies: Jedes Bewusstsein ist ein geschlossenes (gleichwohl für Irritationen offenes) System. Es weiss, was es weiss (gemäss seiner eigenen Sozialisierung). Nennt man es ein psychisches System, sieht man sofort: Es "lebt" (als Mensch, Person, Adresse) in der Umwelt der sozialen Funktionssysteme (Wie Politik, Wirtschaft, Recht, Wissenschaft, Erziehung, Kunst, Familie, Sport, Medizin usw.).
Bewusstsein und das jeweils dazugehörige psychische System gehört also nicht zur funktional differenzierten Gesellschaft. Die heute über 6 Milliarden Bewusstseine irritieren zwar mit ihrem "Lärm" die Gesellschaft, sie "sind" aber nicht die Gesellschaft. Jedes Bewusstsein kann (mehr oder weniger gut) denken, Bewusstsein kann aber nicht kommunizieren. Kommunizieren können nur soziale Systeme, von denen es genau drei gibt: Interaktionen (nur jeweils Anwesende gehören dazu); Organisationen (von denen es viele gibt (vom Gesangverein über BMW bis hin zum Finanzamt); und die Gesellschaft (mit ihren oben genannten Funktionssystemen). Alle diese sozialen Systeme können nicht denken, sie können eben nur kommunizieren. Das Denken müssen sie den 6 Milliarden psychischen Systemen über lassen; die Gesellschaft lässt sich allerdings mehr oder weniger gewaltig von den Irrtationen der vielen psychischen Systeme "irritieren". Was aber sich dann letztendlich in der gesamtgesellschaftlichen Kommunikation (sozusagen als Zeitgeist) durchsetzt, (hierzu beobachte man die Massenmedien), dies alles unterliegt einer blinden, keineswegs zielgerichteten, auch nicht planbaren gesellschaftlichen Evolution.
3) Verstehbar wird das Ganze dieses Zusammenspiels der Kommunikationselemente, wenn man sich die moderne Kommunikationstheorie klar macht. Hiernach ist Kommunikation niemals einfach Konsens oder gar etwas Intersubjektives. Vom alteuropäischen Subjektbegriff darf man sich getrost verabschieden. Kommunikation ist zwischen Alter Und Ego ein dreifach gegliedertes Selktionsgeschehen: a)die Selektion einer Information, b) die Selektion (als) einer Mitteilung, und c) die (zustandekommende oder nicht zustandekommende) Selektion dessen, was man dann erst "Verstehen" nennen kann. Wenn Alter eine von ihm ausgewählte Information mitteilt (redend oder schreibend), dann muss Ego aus der Differenz Information/Mitteilung durch eigene Selktion SEIN Verstehen "selbermachen". Wenn er anschliesst, weil er sagt, ich habe verstanden, ist alles in Ornung, die Kommunikation "läuft". Wenn er nicht oder nicht ganz versteht, kann er ja rückfragen: Wie meinst du das? Dann bekommt er irgendeine Antwort; auch hier genügt: Hauptsache die Kommunikation läuft. Verstehen oder Nichtverstehen, BEIDES sind positive Anschlüsse innerhalb einer laufenden Kommunikation. Das kann man täglich beobachten (zwischen kommunizierenden psychischen Systemen oder – im Fernsehen, in der Wirtschaft, in der Politik zwischen den hier jeweils kommunizierenden sozialen Systemen).
Ich denke, dies (mindestens) musste hier mal gesagt werden. Jetz kann dies selbstverständlich auf die verschiedenste Weise "gegenbeobachtet" (oder einfach ignoriert) werden.
Grüsse von Rudi Sander

06.05.2007 | 18:52

Kommentar #5 von Ruben Schneider:

Sehr geehrter Herr Sander,
verzeihen Sie, wenn ich Ihnen einfach nicht folgen kann. An einer Stelle möchte ich jedoch einhaken: Was meinen Sie mit "alteuropäischem Subjektbegriff"? Es gibt in der klassischen Philosophie (welche sich nicht auf Europa beschränkte, sondern auch im arabischen Raum vertreten wurde) eine Reihe erheblich divergierender Subjektbegriffe. Aber abgesehen davon brauchen Sie für Kommunikation schlichtweg irgendwelche Akteure, die kommunizieren, mindestens etwas wie ein Ego (wie sie es nennen), sonst ist es die Kommunikation von nichts und niemandem, also überhaupt keine Kommunikation. Und solche Akteure nannte zumindest die aristotelische Tradition sehrwohl Subjekte. Was Sie Ego nennen, ist klassisch das Suppositum einer rationalen Natur, eben ein sub-iectum, ein zugrundeliegender Akteur.

06.05.2007 | 20:12

Kommentar #6 von Rudi K. Sander; www.textsteller.de:

Lieber Ruben Schneider,
damit Sie mich nicht für verstockt oder unhöflich halten:
Ich hatte vor rund einer Stunde hier eine Antwort an Sie plaziert. Sie war – leider – dem Sachverhalt entsprechend, sehr lang. Nach Meinung der hellwachen Redaktion war sie offenbar zu lang. Jedenfalls ist diese Antwort, mit der ich mir – für Sie! – viele Mühe gemacht habe, soll heissen: Es hat mich viel Zeit gekostet; hingeschrieben war der Text ja Ratz-Fatz, ich wusste ja, was ich Ihnen sagen wollte, im Orkus der Netzunendlichkeit verschwunden.
Jetzt müssen Sie die Redaktion fragen (falls Sie dazugehören).
Grüsse, Rudi Sander

07.05.2007 | 17:11

Kommentar #7 von Ruben:

Hallo Herr Sander, ja, Ihr Text war zu lang, zuviel Text auf einmal verträgt die Riesenmaschine nicht. Aber es kann nie schaden, sich in Kürze und Prägnanz zu üben.

07.05.2007 | 17:21

Kommentar #8 von Rudi K. Sander; www.textsteller.de:

Lieber Ruben,
dieses formale Abwehrargument gefällt mir. Ich hatte zwar – bei aller Fülle – (so hoffe ich jedenfalls) kein dummes Zeug "gelabert", aber es stimmt: "In der Kürze liege die Würze" und "Eure Rede sei Ja-ja, Nein-nein, ...".
Ich werde mich bessern. Nichts erscheint mir schöner, als eine fundierte Lizenz, sich wandeln und – im Erfolgsfalle – sich (ver)bessern zu dürfen.
Als ein durch positives Erinnern Beschenkter grüsst Rudi Sander

07.05.2007 | 18:04

Kommentar #9 von Rudi K. Sander; www.textsteller.de:

Ach, lieber Ruben,
ein kleiner Nachtrag (das beste fällt einem immer zu spät ein):
Wenn Sie Befremden anfällt beim Ausdruck "Alteuropäisch", dann schauen Sie doch bitte einmal kurz hinein in das Archiv der seit etwa 1993 im Netz der Deutschen Forschungsgemeinschaft installierten "Luhmannliste". Man muss sich nicht anmelden. Lesen darf dort ein Jeder. "Luhmannliste" Googlen und schon sind Sie drin. Aber Ihr seid ja die Experten. Sicher schon gewusst.
MfG R.S.

07.05.2007 | 18:25

Kommentar #10 von Ruben:

Lieber Herr Sander, Sie scheinen mir ein grosser Luhmann-Apologet zu sein, anders kann ich mir Ihre obigen Ausarbeitungen nicht erklären. Allerdings ist das Bemühen, die Möglichkeit einer betriebswirtschaftlichen Elektronentheologie mithilfe von Luhmanns Thesen in dieser Ausführlichkeit zu bestreiten, durchaus sehr stimmungserhellend, aber ich frage mich, ob man damit Luhmann wirklich gerecht wird.

07.05.2007 | 19:12

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