Riesenmaschine

07.09.2006 | 14:21 | Anderswo | Papierrascheln

Volk ohne Hohlraum


Etwas war anders (Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
Dass die Menschen eine Seele haben, ist eine schwer zu widerlegende Behauptung, und obwohl niemand weiss, wie sie aussehen könnte, dient der Begriff auch zur Bezeichnung einer Besonderheit an manchen Korkenziehern und Stahlseilen. Hier ist die Seele ein zentraler Hohlraum, der das Ziehen des Korkens vereinfacht – Korkenzieher mit Seele sind zuverlässiger –, bei Stahlseilen ist sie ein inneres Seil, um das das eigentliche Seil gewickelt wird, womit man näherungsweise Biegeschlaffheit erreicht, durch die sich das Seil nach der Balkentheorie überhaupt erst vom näherungsweise biegesteifen Balken unterscheidet. Die Seele scheint also ein Hohlraum sein zu können, sofern sie sich in einem anderen Körper befindet, aber auch eine Füllung in einem ihr wesensgleichen Gefüllten. Hohlräume ohne umschliessenden Körper sind häufiger als Körper ohne umschliessenden Hohlraum, es wird also mehr Hohlseelen als Vollseelen geben. Jedenfalls ist die Seele immer von etwas Seelenlosem umgeben, dessen Seele sie ist, eine Seele kann also keine Seele haben.

Klopapier, wie wir es kennen, ist ebenfalls innen hohl, könnte also theoretisch beseelt sein. Im erdgeschichtlichen Massstab ist es ein ähnlich junges Phänomen wie das Internet. Vor seiner Einführung im 19. Jahrhundert (wie bei der Mauer waren die Chinesen natürlich schneller) wurde alles Mögliche benutzt, bis man auf den naheliegenden Gedanken mit dem Papier kam. Die Griechen reinigten sich mit Steinen und Tonscherben, die Germanen mit Stroh und Laub, das Mittelalter kannte Moos, Schafwolle, Sand, Maisstroh, die linke Hand, Rabelais diskutiert die Vorzüge lebender Gänse als Arschwisch. Ist Papier das Ende der Entwicklung? Die Zahl der Lagen stagniert bei 4 bis 5. Nach dem Ende des kalten Krieges brauchen meine Verwandten aus Itzehoe zwar kein Klopapier mehr, um die Grenze zu passieren und in den Osten zu reisen, einerseits hat sich der Westen also durchgesetzt, aber andererseits muss er nicht mehr weicher werden, um den Osten auszustechen, was schade ist.

Aber jeder Osten hat seinen Osten, und in Odessa fand ich nun ein nichtkanonisches, hohlraumloses Klopapier, das mich irritiert hat, weil es auf einfache Art alte Denkgewohnheiten zerstörte. Es stellte sich z.B. sofort die Frage, ob zuerst unser Klopapier da war, oder unsere Klopapierhalterung. Aber die viel zermürbendere Frage war, ob dieses Klopapier, weil es innen nicht hohl ist, keine Hohlseele hat, oder ob es selbst die aus unserem Klopapier herausgestanzte Vollseele ist, die nun, getrennt von ihrem Körper, in Osteuropa Dienst tun muss.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Volk ohne Zwischenraum


Kommentar #1 von Kathrin:

In Osteuropa geht die Kikimora um, eine alte slawische Gottheit. Sie hindert das Geflügel am Legen, ist aber vermutlich flexibel genug, gerade in hühnerarmen Städten stattdessen die Legefähigkeit des Menschen zu beeinträchtigen. Gegen die Kikimora hilft nur ein Hühnergott oder куриный бог, der vor den Ställen aufgehängt werden muss, also ein Gegenstand mit einem natürlichen Loch. Das lochhaltige Innenleben der Klopapierrolle hätte sich bei näherer Betrachtung vermutlich aussen an der Klotür gefunden. Nächstes Mal bitte nachsehen.

07.09.2006 | 14:54

Kommentar #2 von Frank:

Dieses seelenlose da lochfreie Klopapier ist meines Wissens im Osten weit verbreitet, jedenfalls habe ich es in der Ukraine (Kiew, Krim, Odessa) überall gesehen.

07.09.2006 | 16:44

Kommentar #3 von B. Andrae:

Sogar die Автомат Калашникова образца 47 hat EINE, für SIE eigens gar eine Achse, die wiederum nur gedacht ist; und zwar längs durch die Mitte des Laufs. Und in Württemberg steckt man SIE kurzerhand in den Ofen, damit SIE schrumpft und alsdann verspeist werden kann. Mit Schmalz. Und Wurst. Schlimmeaugenwurst.
Und es sollen schon Leute versehentlich Seelenwittich zum Wellensittich gesagt haben.

07.09.2006 | 17:21

Kommentar #4 von R. Chapsor:

Sie schreiben:
Hohlräume ohne umschliessenden Körper seien häufiger als Körper ohne umschliessenden Hohlraum.
Das wundert denn doch. Denn umschliessende Körper bedürfen ja keineswegs eingeschlossener Hohlräume, sondern können sich ja auch als gefüllte, und also nach Ihrer Anschauung seelenlose, Pasteten oder schlichte Packungen für Feuchttücher ausgeben. Letztere werden dann wohl mit zunehmenden Gebrauch beseelt.
Hohlräume ohne umschliessenden Körper kommen dagegen meist als schlicht unbegrenzte Räume vor, auch bekannt als Universen oder dergleichen. Allerdings werden auch diese oft als Hort oder Ursprung der Seele betrachtet. Gerne auch als Ruhestätte dieser nach der Auflösung des Körperumschlusses.
Körper ohne umschliessenden Hohlraum dagegen stellen sich mir als eines der letztzubegründenden Rätsel dar. Da reicht mein Begriff für hohl wohl nicht hin.
Rein überschlägig betrachtet möchte ich daher meinen, dass Hohlräume ohne umschliessenden Körper nur selten häufiger als Körper ohne umschliessenden Hohlraum sind. Jedenfalls in den uns bekannten Räumen.
Meinten Sie vielleicht
Körper ohne umschlossenen Hohlraum sind häufiger als Hohlräume ohne umschliessenden Körper. Da möchte ich dann zustimmen.
Das Zahlenverhältnis von Hohlraum umschliessenden Körpern die nicht von Hohlraum umschlossen sind gegenüber von Hohlraum umschlossenen Körpern (welche sowohl wiederum Hohlraum umschliessende wie Raumeinschliessende und schlicht massive Körper sein könnten) wird für die Hygiene wohl auch nicht hilfreich sein.

07.09.2006 | 18:29

Kommentar #5 von Personalabteilung:

Ah, der Ersatz für Ruben und CFB ist da. War aber auch Zeit.

07.09.2006 | 18:38

Kommentar #6 von Ruben:

Hoffentlich ist der nicht so ein ephemeres Phänomen wie Ruben, dieser Rohrkrepierer. Und CFB ist irgendwie auch auf Tauchstation gegangen.

08.09.2006 | 13:22

Kommentar #7 von CFB:

In den Kommentarbereichen ist es ja mitunter auch etwas sonderlich, da bekomme ich dann immer Katatonie.

08.09.2006 | 14:24

Kommentar #8 von Ruben:

Das kann ich gut nachvollziehen. Manchmal sitze ich da, blicke auf den Berg an unerledigtem und nach Arbeit rufenden Krempel auf meinem Schreibtisch, lasse den Blick dann auf den Bildschirm schweifen und denke mir, ich könnte zum Behufe eines entspannten Ausweichmanövers doch wenigstens wieder einmal externe Kommentare in der Maschine schreiben, aber dann erweist sich dieser Weg als bei Sizilien befindlich: Zwischen Scylla und Charybdis.

08.09.2006 | 14:46

Kommentar #9 von Dr, Bob:

Hat ein Sack Reis auch eine Seele? Hohlräume gibt's ja da genug.

08.09.2006 | 18:41

Kommentar #10 von Chabsor:

Ja, (Katatonie) sehr, ephemer eher (Aufenthalt).

09.09.2006 | 11:17

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