Riesenmaschine

10.10.2006 | 18:16 | Anderswo | Fakten und Figuren | Vermutungen über die Welt

So geht's nicht: Werbung

Frankfurt ist nicht nur Banken-, sondern auch Werbemetropole, irgendwie. Am Hauptbahnhof gibt es nun ein Riesenplakat, das scheinbar für ein Hotel wirbt. Die Wirklichkeit jedoch erkennt nur der Fachmann: Bei dem Plakat handelt es sich um das grösste "So nicht" in der deutschen Werbung. Die herstellende Agentur hat im Prinzip alle denkbaren Fehler in ein Motiv gesteckt, um den aus aller Welt ankommenden Anzeigen-Adepten zu zeigen, wo der Hase nicht im Pfeffer liegt. Wir erklären hier in alter Riesenmaschine-Tradition noch einmal das sowieso schon Klare:


(Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
Herrlich deutlich wird bei 1), wie man Geschäftsleute plattestmöglich anspricht, indem man auf Krampf Businesstalk mit in den Text quirlt. 2) wirbt mit "stilvoll" und zeigt, wie wenig Stil man hat, wenn man überhaupt erst sagen muss, dass man Stil hat. Dagegen sind 3) und 6) in Kombination, die "Nächte" und die blonde Frau, ein Hinweis für den ungeübten Neuwerber, dass Werbung mit Sex einfach nicht funktioniert, wenn das Produkt nichts damit zu tun hat. Unterschwellig soll wohl angezeigt werden, dass das Hotel Pay-TV hat. Bemerkenswert, wie beispielhaft tief herunter man bei der Abbildung der Frau gekommen ist, die nicht nur in einer unfassbar künstlichen Prämasturbationshaltung, sondern auch extra farbig abgebildet ist, damit man sie als Blondine erkennt. Der grobe Fehler bei 4) ist natürlich das Wort günstig: auch, wenn Zimmer bis 465 Euro die Nacht kosten, für irgendeinen Scheich werden sie schon günstig sein. Günstig ist ja subjektiv. Bei Nummer 5) macht uns die Agentur die Unterirdik gleich zweier Ideen deutlich: wenn es um Schlafen geht, muss ein Bett in die Anzeige und wenn schon ein Bett, dann eins, das so gemütlich aussieht wie ein Plastiktelefon von T-Com. Noch dazu hat die Lampe zwar Stiel, aber keinen Fuss, womit sicher die Agentur zeigen wollte, wie peinlich logische Versäumnisse im Bildaufbau sind. Die 7) bringt uns den mit Nr. 2) verbundenen Fehler nahe, ein Mies van der Rohe-Möbel in den Vordergrund zu stellen, um den Eindruck von Stil zu erzeugen. 8) schliesslich stellt den Kardinalfehler überhaupt dar, nämlich sinnlose Muster über das Plakat zu verteilen, als gäbe es kein Gestern. Die Botschaft: Ornament ist Erbrechen. Danke für dieses wunderbar-grauenvolle Fanal, wie man nicht wirbt.


Kommentar #1 von florian:

treffend kommentiert. aber wo kann man denn überhaupt in freier wildbahn gut gemachte werbung zu gesicht bekommen (mal abgesehen von den niedlichen bannern hier rechts)?

10.10.2006 | 18:40

Kommentar #2 von stilhäschen:

Ich hätte wetten wollen, dass noch launig über die Verwendung von "stehen" hergezogen werden würde.
Dafür ist mir ein lange verschollener Witz wieder eingefallen: mitten in der Nacht weckt ein gut betagter Mann seine Frau ganz aufgeregt, "Helga, zieh Dich aus, die Aktien <i>steigen</i>!", Hlega brummt "die Börse hat zu" und dreht sich um. Dieser Dialog wiederholt sich noch einige Male, gegen Morgen dann weckt Helga ihn und begehrt endlich das Aktienpaket. Darauf er: "Och, jetzt hab' ich sie schon unter der Hand verkauft."

10.10.2006 | 19:36

Kommentar #3 von der Zwergenmaschine:

Ich hoffe, der Witz war nicht witzig gemeint. Der ist ja so sagenhaft schlecht, dass man ihn schon beim ersten Mal hören am liebsten gleich wieder vergessen will.

10.10.2006 | 20:37

Kommentar #4 von rüdiger jones:

witze sind immer witzig gemeint. darum heissen sie witz.

10.10.2006 | 20:44

Kommentar #5 von prima:

die besten witze stehen eh im playboy. dort war kürzlich zu lesen, dass sich elton john von seinem freund getrennt hat. angeblich hatte der sex hinter seinem rücken.

11.10.2006 | 02:33

Kommentar #6 von Schorsch:

Aber Kinder, es ist doch nur Reklame! Würde die Riesenmaschine mit ihren Beiträgen ähnlich kritisch umgehen wie mit den Kommentaren, dann stünde hier nur noch "Wegen Uninteressanz aus dem Blickfeld entfernt."

11.10.2006 | 07:22

Kommentar #7 von alter_sack:

"Uninteressanz": Schönes Wort, eigentlich.

11.10.2006 | 07:32

Kommentar #8 von Sascha Lobo:

Schorsch, der eine sagt so, der andere so, für mich ist Werbung die wichtigste Sache der Welt, noch vor dem Geruch von Heliotropblüten.

11.10.2006 | 09:39

Kommentar #9 von ocin.red:

Alle Achtung. Und für mich war es einfach nur ein Plakat.

11.10.2006 | 13:38

Kommentar #10 von Stino:

Ich find's grosse Kunst, wie die farbige Blonde auf den Barcelona-Sessel montiert ist. Sitzt.

11.10.2006 | 14:01

Kommentar #11 von irgendwem:

Wenn man die Lampe mit einem Fernseher ersetzt, ein Kreuz auf das Bett stellt und statt der blonden Frau einen lachenden Jesus ins Bild setzt, dann ginge es, oder?

11.10.2006 | 19:06

Kommentar #12 von Sascha Lobo:

Vielleicht ginge es so gerade eben, gut wäre es aber noch immer nicht. Man könnte sagen, das Plakat schösse dann hoch auf Null.

11.10.2006 | 19:09

Kommentar #13 von Alexander Svensson:

Wie bitte: Ungestraft bleibt der Claim "Hotels That Love to Say Yes"?

12.10.2006 | 11:25

Kommentar #14 von Sascha Lobo:

Der war so weit unten auf dem Plakat, da hatte ich schon Tränen in den Augen und konnte nichts mehr erkennen.

12.10.2006 | 11:28

Kommentar #15 von snlr:

Ist es nicht einfach nur altmodisch? Ist es nicht einfach nur zielgruppenspezifisch?

12.10.2006 | 16:06

Kommentar #16 von Six:

Ha, da hängt kurz das Micro ins Bild.

12.10.2006 | 16:21

Kommentar #17 von stino:

Micro? Ich dachte Rotlichtlampe.

12.10.2006 | 16:59

Kommentar #18 von dem Grafiker:

Das ist natürlich eine Stilaktie, aber der Texter hat's versaut.

13.10.2006 | 00:57

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