Riesenmaschine

08.12.2006 | 11:40 | Anderswo | Fakten und Figuren | Zeichen und Wunder

Revolutionäre Uhr


Schon wieder zwanzig vor!
Können Sie uns mal schnell sagen, wie spät es ist? Ach, da ist ja die Uhr links. Das war einfach. Schwieriger ist zu bestimmen, aus welcher Zeit die Uhr hier stammt und aus welchem Material der giftgrüne, transparente Block ist, in dem sie steckt. Auf Anhieb würde man wohl meinen: 20. Jahrhundert, Sechziger oder Siebziger Jahre, Acryl- bzw. Plexiglas. Und niemand würde sich wirklich wundern, wenn der Block morgen als "Uhr Tikka" bei IKEA stehen würde. Tatsächlich steht die Uhr aber in einer Vitrine des Militärmuseums der chinesischen Volksrevolution in Peking – und ist mindestens siebzig Jahre alt.

Das geht aus dem Schild neben der Uhr hervor, das besagt, dass sie von der chinesischen Roten Armee in der revolutionären Basis des Fujian-Zhejiang-Jiangxi-Gebiets verwendet wurde. Dieses Gebiet wurde von den Kommunisten nur von Januar 1929 bis Oktober 1934 gehalten, dann machte man sich auf der Flucht vor den Guomindang-Truppen auf den Langen Marsch nach Norden. Interessanter Weise wurde ungefähr zur selben Zeit (1928) das Acrylglas erfunden, das die deutsche Firma Röhm & Haas 1933 unter dem Markennamen Plexiglas auf den Markt brachte. Ist es also in der kurzen Zeit dieser revolutionären Plexiglas-Uhr gelungen, sich von Deutschland in ein chinesisches Sowjetgebiet durchzuschlagen, das obendrein von feindlichen Truppen umzingelt war?

Unmöglich wäre es nicht. Mag aber auch sein, dass der Block aus transparentem Bakelit ist, oder aus Glas, obwohl er nicht so aussieht. Dann müsste man sich nur noch über die Bauhaus-Form des Weckers wundern. Fragen kann man sich aber auch mal, warum die Zeiger auf zwanzig vor zwölf stehen? Vielleicht sollen sie uns ja darauf hinweisen, dass es im deutschen Sprachraum viel öfter zwanzig vor als zehn vor zwölf ist, aber niemals fünfzehn vor zwölf, weil man lieber Viertel vor zwölf sagt. Na, höchstwahrscheinlich nicht.

Christian Y. Schmidt | Dauerhafter Link | Kommentare (6)


Kommentar #1 von Analphabet:

In der Wikipedia steht, dass die revolutionären Truppen nur entkommen konnten, weil sie sich beim langen Marsch "kreisförmig nach Norden zurückzogen".
Kann mir vielleicht mal ein China-Kenner erklären, wie man so etwas anstellt? Eigentlich sollten sie ja so irgendwann wieder in Guomindang angekommen sein, oder? Auch würde mich interessieren, ob den kreisförmigen Rückzug im Uhrzeigersinn oder gegen diesen angetreten haben. Und natürlich, ob die oben gezeigte Uhr dabei eine Rolle gespielt hat.

08.12.2006 | 11:57

Kommentar #2 von Analphabet:

Oops, ich meinte natürlich nicht "in Guomindang" sondern "bei den Guomindang".

08.12.2006 | 12:07

Kommentar #3 von Robert Liebling:

Das ist Wackelpudding mit Waldmeistergeschmack.

08.12.2006 | 13:17

Kommentar #4 von Schabernackensteak:

Niemals! Jedes Kind sieht ja wohl, dass das eine Adamantium-Minz-Zink-Legierung ist, unzerstörbar und wohl duftend, wie die Volksrevolution selbst.

08.12.2006 | 15:59

Kommentar #5 von CYS:

@1:Es handelte sich eher um eine spiralförmige Flucht. Das heisst, die Fliehenden schraubten sich im Laufe der Zeit immer weiter nach Norden. Warum man sich in Spiralen bewegte, darüber streiten sich die Gelehrtem. Ich werde zum gegebenen Zeitpunkt meine eigene Theorie zu diesem Komplex veröffentlichen.

08.12.2006 | 17:00

Kommentar #6 von psycho killer:

auch sehr beliebt: "morgens, halb zehn in deutschland" – ungefähr 11.900 Seiten.

08.12.2006 | 18:40

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