Riesenmaschine

29.01.2007 | 21:32 | Fakten und Figuren | Essen und Essenzielles

Cornfakes

Die für Outsider harmlos daherkommenden Corn Flakes sind in Wirklichkeit weltweit Massstäbe setzende Werbeexperten, und das schon seit gut einhundert Jahren. Im harten Konkurrenzkampf kam man 1906 im Maisflockenhaus auf die Idee, auf jede Packung zu schreiben Beware of imitations. None genuine without this signature. W.K. Kellogg. Der Markterfolg blieb nicht aus; wer mochte damals schon als unaufgeklärter Konsument gefälschte Cornflakes essen? Unvergessen die Anzeige For thirty days, stop eating toasted Corn Flakes, mit der man angeblich nur die Lieferengpässe in den Griff bekommen wollte, den Umsatz aber massiv steigerte.

1906 forderte man das Publikum per Anzeige mit Erfolg auf, unbeflakte Händler mit dem Ziel der Flockenbestellung unter Druck zu setzen. 1907 erfand man bei Maisflockens das Sampling: in einer Anzeige ohne Absender wurde die Bevölkerung für den nächsten Mittwoch in die Lebensmittelgeschäfte einbestellt, wo am nämlichen Tag überraschend Gratispackungen verteilt wurden. Allein in New York konnte der Absatz verfünfzehnfacht werden. 1909 entwickelte man das Give Away, bei dem ab zwei Packungen Corn Flakes ein Comicbüchlein dreingegeben wurde. In den 90er Jahren erfand man das deutsche Wort Cerealien, um nicht nur eine Frühstückszutat zu sein, sondern gleich eine ganze Lebensmittelkategorie zu beherrschen.


Goebbels könnte es auch nicht besser. (Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
Auch heute noch wollen die Flocken vorne mit dabei sein, was ungewöhnliche Kommunikation angeht: 1% Fett, so steht es gross und signalfarbig auf der Packung. Und das ist natürlich toll, dass Cornflakes nur so wenig Fett enthalten. Wenn es auch vollkommen egal ist, denn wenn Cornflakes ein Problem haben, ist es zu viel Zucker – das sah übrigens auch der Bruder des Erfinders so, der wegen der Zuckerbeigabe bis zu seinem Tod kein Wort mehr mit dem Bruder sprach. Als Marketingtrick ist es natürlich trotzdem famosest; wir Werber arbeiten dementsprechend bereits daran, cholesterinfreies Benzin anzupreisen und kalorienarme Tapete.


Kommentar #1 von Andreas:

Hallo,
das ist aber wirklich nichts neues. So einen Aufdruck habe ich schon auf vielen Fettprodukten gesehen.
In den USA heisst es übrigens nicht "1% Fett" sondern "99% fettfrei".
Gruss
Andreas

29.01.2007 | 23:37

Kommentar #2 von Weltenweiser:

Ganz wichtig ist auch der Hinweis: Suitable for vegetarians. Würd emich interessieren, ob er auf der Amipackung drauf ist.

30.01.2007 | 13:39

Kommentar #3 von Weitsichtiger:

Hab jetzt gerade keine Originalpackung da (oh nein, beware!) aber am schönsten wär's wenn dann auf der Seite stünde "Schmeckt am besten mit Vollmilch."

30.01.2007 | 19:00

Kommentar #4 von Weltenweiser:

@Weitsichtiger: Vollmilch ist nur leider unglaublich out. Viel zu viel Fett. Wenn dann die gute Lightmilch oder wahlweise Wasser weiss färben. Es gibt dann aber auch noch die Jogurt-Fraktion. Aber von solchen Randgruppen wollen wir ja gar nicht erst anfangen, oder?

31.01.2007 | 08:30

Kommentar #5 von klaus:

verdünnte weisse innendispersion statt milch ?

31.01.2007 | 12:23

Kommentar #6 von wegen noch nie masturbiert:

Oh mein Gott, viel erschreckender als das Zerwürfnis mit seinem Bruder finde ich Herrn Kelloggs Ansichten über eine gesunde Sexualität, bzw. seine Behandlungsvorschläge! Uff.

31.01.2007 | 23:50

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