Riesenmaschine

04.03.2007 | 02:27 | Nachtleuchtendes | Alles wird schlechter

Gleichschaltung


Vorbild: Nordkorea (Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
Wie kommt es eigentlich, dass unsere Städte dieser Tage so eintönig und bleiern gleichförmig wirken wie in Mehltau gebadet, wie Kleinkönigreiche unterm Bannfluch eines bösen Zauberers gefangen? Liegt es am insgesamt komplett vergurkten sogenannten Winter? Liegt es daran, dass wir uns in einer Zeitschleife befinden, wie neulich ein Autor der FAS vermutete, und andauernd wieder das Jahr 1981 durchlaufen müssen? Die Antwort steht an fast jeder Haus-, Plakat- und Bushaltestellenwand und ist doch so gut verborgen wie Edgar Allen Poes Brief oder die mittels PAL-Feldern getarnten Raumschiffe bei Douglas Adams: Es gibt nur noch eine einzige Werbung von einer einzigen Marke. In Berlin, Hamburg und anderen deutschen Grossstädten ist buchstäblich jede verfügbare Werbefläche mit der Kampagne für den neuen Toyota Auris zugepflastert.

Die konzeptuell eher dünnen Motive ("Augen auf ...") für den Kleinwagen (der einem vom Designstandpunkt her auch nicht gerade den Stecker rauszieht) gewinnen allein durch ihre alles vertilgende Impertinenz ihre Wirkung, vulgo "Impact", um nicht zu sagen: Penetranz, die sich ins Gehirn frisst. Ein teurer Metascherz des Konzerns bzw. der Agentur bzw. der Mediaplanung, der allerdings die Frage aufwirft, mit wieviel Vorlauf und vor allem Geld man so etwas hinbekommt. Gleichzeitig ein kleiner Vorgeschmack darauf, wie sich Werbung anfühlen wird, wenn dermaleinst die kapitalistische Konkurrenz im STAMOKAP gemündet ist, und es nur noch einen einzigen militärisch-industriell- staatlichen Grosskonzernkomplex gibt. Der Schritt zum Kommunismus ist dann auch nur noch ein ganz kleiner. Und wir können schon heute aus unmittelbarer Anschauung heraus sagen, dass wir beides ablehnen. Und zwar aus ästhetischen Gründen.


Kommentar #1 von docflo:

vor allem im kontext dieser z.zt. allgegenwärtigen klimaerwärmungsdiskussion halte ich das zeigen einer wüstenlandschaft in einer automobil-reklame für ein gelungenes beispiel von galgenhumor.

04.03.2007 | 08:04

Kommentar #2 von dochnichtparanoid:

gottseidank, ich dachte schon nur ich sehe überall diese werbung.

04.03.2007 | 11:18

Kommentar #3 von hukl:

Mir geht das alles ja auch gehörig auf die Nerven darum möchte ich auch an dieser Stelle dafür werben möglichst viele dieser Plakate kreativ in Anspruch zu nehmen. Benutzt die Dinger als Leinwand für Zeichnungen und Lyrik die den Kontext der Kleinwagenwerbung für eure Zwecke benutzen – wie zum Beispiel diesen Klimawandel Kommentar – Grossartig! Nimm dir gefälligst nen Edding und schreib es auf eines der Plakate! Sonst mach ich das An dieser Stelle habe ich einen überflüssigen Smiley hingemacht, wofür ich mich dereinst schämen werde.
http://smyck.de/2007/03/04/na-geht-es-euch-auf-die-nerven/

04.03.2007 | 11:42

Kommentar #4 von Johannes:

Ich fands schon schlimm genug dass ganz München zugeklebt ist – aber eigentlich nicht verwunderlich dass es dem Rest Deutschlands dann auch nicht anders geht. Hässliches Auto, das Ding würd ich im Keller verstecken anstatt sein Erscheinen noch überall rumzuposaunen...

04.03.2007 | 11:43

Kommentar #5 von Hans:

>kontext dieser z.zt. allgegenwärtigen klimaerwärmungsdiskussion ...

Es ist zwar subtil aber ich kann mir gut vorstellen das genau dieser Gedankengang ausgelöst werden soll.
Wüste > Klimawandel > Scheiss Autos > gibts auch »gute Autos?« > »Klar, Hybrid!« > Toyota
Das mit der Wüste ist somit Teil des Konzeptes (davon geh ich jetzt mal aus – oder kannst Du Dir vostellen das Heerscharen von Consultants diesen Link übersehen?), schliesslich ist Toyota dank des Prius inzwischen dafür bekannt umweltfreundliche Autos Hybridautos zu bauen, die den Klimawandel um ca. zwei Wochen verzögern können.

04.03.2007 | 12:09

Kommentar #6 von hanseatin:

hier in hamburg sind die plakate in einer u-bahn-station falsch geklebt – das plakat mit dem auto ist so positioniert, dass alle und alles vom auto weggucken. augen auf!

04.03.2007 | 17:28

Kommentar #7 von irgendwem:

Man kauft bzw. fährt da dann eigentlich nicht mehr Toyota oder Auris, sondern "das Auto, zu dem es damals diese Wahnsinnswerbekampagne gegeben hat"...
Ich finde übrigens das Nummernschild sehr niedlich. AUR ist ja nicht direkt das Kennzeichen einer urbanen Metropolengegend. (http://www.im-auto.de/kennzeichen/orte/AUR.html)

04.03.2007 | 18:20

Kommentar #8 von Adorno:

der Barbarei ist zuerst einmal mit der Hoffnung auf das ganz Andere zu begegnen, auch wenn das dem Herrn Friebe nicht ästethisch genug sein mag (trotz Adorno, Benjamin und Debord?). Also auch weiterhin 'Für den Kommunismus!'.

04.03.2007 | 20:58

Kommentar #9 von wennichdaswüsst:

Lustigerweise ist in Berlin die wohl grösste verfügbare Werbefläche (Riesenplakat an der Charite) ausgerechnet von Audi gekauft ...

05.03.2007 | 14:20

Kommentar #10 von mark793:

Gemessen an den Unsummen, die normalerweise von Autoherstellern investiert werden beim Versuch, die Verkündung eines neues Modells in überfüllte Fernseh-Werbeblöcke reinzuklemmen, die von den Zuschauern vor den heimischen Empfangsgeräten dann geflissentlich weggezappt (oder neuerdings geskippt) werden, dürfte die massive Plakataktion mit flankierendem Radio-Getröte ein ziemliches Schnäppchen gewesen sein. Den Medialeuten ist zu diesem Einfall also durchaus zu gratulieren. Über die Kreativleistung schweigt des Sängers Höflichkeit.

05.03.2007 | 17:41

Kommentar #11 von Hotelblogger:

Wenn es "nur noch einen einzigen militärisch-industriell- staatlichen Grosskonzernkomplex gibt", ist Werbung dann nicht generell etwas zweckfrei?
Die andere Frage, speziell zu dem abgebildeten Plakat: Was will uns Toyota mit dem Motiv eines hektisch nach hinten blickenden Radfahrers und dem Spruch "Augen auf..." sagen? Dass Radfahrer zukünftig die Augen besonders offen halten sollten, wenn ein Auris in der Nähe ist? Steht jetzt schon fest, dass Auris-Fahrer statistisch gesehen die rücksichtslosesten und sehbehindertsten Verkehrsteilnehmer sind und sich Radfahrer aka Urban Heroes schonmal warm anziehen sollten?
Ich kauf mir mal lieber eine BVG-Monatskarte....

05.03.2007 | 19:39

Kommentar #12 von Breitcord:

Wo's bereits passiert ist, kann man ja mal dezent darauf hinweisen: Mit diesem Eintrag (noch dazu mit diesem prima Reklamefoto) hat Riesenmaschine Toyota einen Gratisbeitrag zur Kampagne geliefert.Das weiss man schliesslich nicht erst seit der "Du bist Deutschland"-Kampagne. Nichts transportiert eine Botschaft besser als das Genöle gegen sie. Wie's übrigens noch effektiver geht, zeigt heute die Süddeutsche.
http://www.sueddeutsche.de/automobil/artikel/421/104317/
Dort läuft die Auris-Reklame unter dem Rubrum Kommentar.Glückwunsch Toyota! Prima Marketingstrategie! Auch mein Gratiskommentar ist jetzt ein Teil von ihr.

06.03.2007 | 11:45

Kommentar #13 von Fußgänger:

Man wird zukünftig aufpassen müssen, dass man beim Überqueren der Strasse nicht den ersten sich nähernden realen Auris einfach ignoriert, worauf man gerade aufwändigst konditioniert wird.
(Notiz an mich selba: künftig Dimensionen von Autos durchzählen – bei 3 blebe stehen, bei zwo darfst du gehen.)

06.03.2007 | 13:30

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