Riesenmaschine

30.03.2007 | 20:11 | Was fehlt | Zeichen und Wunder

Unfreundliche Übernamen


Autsch!
Die final nicht zu erklärende Neigung von Friseuren, bei der Benamsung ihrer Etablissements zum schlechten Wortspiel zu greifen, ist als Topos hinlänglich gut etabliert und damit sicher nichts, womit sich die Riesenmaschine befassen müsste. Allenfalls können wir den mutmasslichen End- und hoffentlich damit auch Totpunkt dieser Entwicklung verzeichnen, den ein Mannheimer Friseur gesetzt hat, indem er dem mässig originellen Namen "Notaufnahme" ohne erkennbare Not auf der Schaufensterscheibe noch ein "Hair einspaziert" beigesellte. Danach kann wirklich nicht mehr viel kommen. Schwerer wiegt, dass derlei marottenhafter Irrsinn nach wie vor auch auf Unternehmens- und Konzernebene grassiert. So wird vermeldet, dass der Karstadt-Quelle Konzern sich für sicher kein kleines Geld von einer Namensfindungsagentur als zukünftige Firmierung das sperrige Kunstwort "Arcandor" hat andrehen lassen. Mal abgesehen davon, dass die Assoziation von Arkanpolitik nicht gerade das ist, was als zeitgemässes Unternehmensleitbild durchgeht, weckt die schmierige Endung unheilige Erinnerungen an im Prinzip alles, was mit der New Economy zielstrebig Bauch oben gegangen ist. In dieser Hinsicht "ein typischer 90er-Jahre-Name", wie selbst dem Handelsblatt auffiel. Vor allem aber klingt es reichlich suspekt nach irgendetwas aus "World of Warcraft", und ist es wohl tatsächlich auch. Warum tun Menschen so etwas? Und warum schmeissen sie statt dessen nicht einfach den kostenfreien Web 2.0 Name Generator an? Jeder Name, den diese zauberhafte Website ausspuckt, wäre unterhaltsamer, sprechender und zeitgemässer, als dieser aufgeblasene Niedergang. Auch Friseure dürfen diese Seite übrigens benutzen.


Kommentar #1 von psycho killer:

Die erkannten und treffend beschriebenen Assoziationen sind ein schillerndes Fanal im Kampf gegen den herrschenden Psedo-Demokratismus.
Aber was viel wichtiger ist: Wie hat Herr Holm es geschafft, seinen Inflektiv-Doppelfehler an der riesenmaschineeigenen Geschmackskontrolle vorbeizuschmuggeln? Oder reicht es dazu bereits, Autor zu sein?

30.03.2007 | 22:39

Kommentar #2 von Ein Passant:

Ich hoffe doch, Herr Friebe wird sich dereinst für diesen Beitrag mächtig schämen.
Aber Arcandor kann ich natürlich auch nicht gutheissen. Klingt irgendwie nach dem Nachbarn von Mordor.

31.03.2007 | 02:18

Kommentar #3 von CYS:

Es reicht tatsächlich, RM-Autor zu sein. Dann zieht man in einem Moment, in dem das ahnunglose Publikum gar nicht mehr damit rechnet, einen blitzenden Inflektiv hervor wie ein lang unter der Kleidung verborgen gehaltenes Messer, und sticht zu. Denn: Quod licet RM-Autor... usw. usf.

31.03.2007 | 04:23

Kommentar #4 von Holm:

Der Inflektiv-Doppelfehler stammte gar nicht von mir, den hat Kommander Schmidt eigenmächtig dort hineinredigiert, wofür er sich dermaleinst vor irgendwem verantworten müssen wird. Ich hab ihn natürlich jetzt wieder rausgenommen.

31.03.2007 | 10:31

Kommentar #5 von CYS:

Gut, ich gebe es zu: Ich hatte hier von China aus versucht, einen Inflektiv-Aufstand vom Zaun zu brechen. Chinesisch besteht nämlich praktisch nur aus Inflekiven (keine konjugierten Verben). Leider ist der Aufstand kläglich gescheitert. Aber unsere Stunde kommt noch, so viel ist gewiss.

31.03.2007 | 13:32

Kommentar #6 von irgendwem:

Bei mir weckt "Arcandor" zu allererst mal höchst Besorgnis erregende Assoziationen zum Namen meines jetzigen Telefonanbieters. Wenn sich Karstadt-Quelle/Condor auch an dessen Kundenservice orientieren ... Hier habe ich aus Faulheit erstmal drei Punkte hingemacht, für deren Ersetzung mit geistsprühendem, witzigem Inhalt ich demnächst sorgen werde. Ausserdem schäme ich mich natürlich dafür.

01.04.2007 | 07:12

Kommentar #7 von Meriat:

Im pseudo-urbanen Mittelhessen gibt es Friseursalons, die sich offen und ehrlich einfach "Hairkiller" nennen. Wer da dann rein geht ist selber schuld und lässt sich den Rest seiner Kopfflora nachts von seinem Kampfhund abschlappern.

16.06.2007 | 20:21

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