Riesenmaschine

03.08.2007 | 02:27 | Alles wird besser | Sachen kaufen

Nerd Phone


Foto: koenkooi (Mit freundlicher Genehmigung)
1973, wir erinnern uns: ein tolles Jahr! Der Gründer der googligen Firma, Larry Page, wird geboren, die Raumstation Skylab in den Orbit geschossen, das World Trade Center eröffnet und Motorola-Manager Martin Cooper benutzt zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit ein sogenanntes Mobiltelefon, obwohl Grösse, Gewicht und Wert eher an eine Immobilie denken lassen. Nun gut, Larry Page ist nun doch böse, Skylab ab- und das WTC eingestürzt und die Usability von tragbaren Telefonen ist nur unwesentlich fortgeschritten. Zumindest das letzte Problem scheint jetzt endlich, 34 Jahre nach Erfindung, gelöst: Apple baut zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit ein Mobiltelefon, das man nicht sofort nach Inbetriebnahme kreischend an der nächsten Waschbetonwand zerschmettern möchte.

Wurde Zeit, ist aber eigentlich jetzt schon langweilig und die Wartezeit seit der Ankündigung lässt dem europäischen Impulskäufer zu viel Zeit zum Nachdenken: Ein schickes Telefon, aber mit eingelötetem Akku, gelockter SIM-Karte und modifiziertem, hermetisch versiegeltem Betriebssystem, das keine Software von Herstellern ausführt, die nicht Apple heissen und rundherum mit Patenten und proprietärem Popanz motivierten Programmierern alle denkbaren Steine in den Weg rollt. "Hey, das iPhone hat doch einen eingebauten Safari-Browser, ihr könnt das also voll gut mit HTML und Javascript und CSS und so programmieren!" lässt die Apple Developer Connection sinngemäss verlauten. Ha-ha.

Der Gegenentwurf, von seinem Schöpfer liebevoll auch "Anti-iPhone" genannt heisst eigentlich "Neo1973" und erinnert mit seinem Namen an Coopers erstes Mobiltelefonat. Gebaut wird es von einer taiwanesische Firma mit dem für deutsche Ohren etwas unglücklich klingenden Namen FIC. Deren Tochter OpenMoko betreut das gleichnamige OpenSource-Projekt, das sich um das Linux-basierte Betriebsystem des Telefons kümmert.

Wie jedem hippen Elektrogerät liegt dem Neo in der Advanced-Ausführung ein Gitarrenplektron bei, das hier jedoch zusammen mit dem massgeschneiderten Schraubenzieher "Neo Cracker" dem Öffnen und Zerlegen dient. Getreu dem Make-Motto "If you can't open it, you don't own it" beweist der Verkäufer hier ein gesundes Verständnis von Besitzverhältnissen. Dass es der Hersteller mit der Offenheit ernst meint, belegt auch die Auswahl der elektronischen Bauteile: Es wurden nur Komponenten verwendet, deren Dokumentation öffentlich zugänglich ist, um – ganz im Gegensatz zu Apple – Softwareentwicklern das Leben besonders leicht zu machen und der Zweckentfremdung bewusst Tür und Tor zu öffnen.

Und wer sich darüber ärgert, dass das iPhone mangels GPS-Empfängers zu den Bildern aus der integrierten Kamera keine Geokoordinaten aufzeichnen kann, horche auf: Mit dem Neo geht das auch nicht! Aber aus dem anderen Grund: Eine blöde Kamera hat man gar nicht erst eingebaut, einen AGPS-Empfänger aber eben schon.

Das Beste aber: man kann es jetzt schon und ohne Vertragsabschluss kaufen. Allerdings erst mal nur in zwei Vorabversionen, die sich an Softwareentwickler ($300) und Hardwarehacker ($450 mit Neo Cracker und Elektronik-Schnickschnack) richten, damit dann im Oktober zum offiziellen Verkaufsstart schon ein paar Killerapplikationen von freien Programmierern fertig sind. Zum Beispiel ein Satellitenbild, das sich stets um die aktuellen GPS-Koordinaten zentriert und die Position aller Freunde mittels blinkender Punkte anzeigt. Friss Staub, Apple!


Kommentar #1 von Flubber:

Och nö, schade, bis hier hin war doch ne iPhoden-freie Zone. Da hilft auch das OpenSource-Gesabbel hinten dran nichts. Friss Elektroschrott, Technikgläubiger.

03.08.2007 | 04:37

Kommentar #2 von Schorsch:

Was man im ersten Absatz schon düster ahnt, wird im zweiten Gewissheit: Der Autor meint das iPhone!
Was soll daran nützlicher sein als an all den vielen nützlichen Mobiltelefonen, die (besonders chic vor allem von Siemens und Motorola) in den letzten Jahren schon in grosser Zahl produziert wurden?
Und: Was habe ich als Nutzer davon, wenn ich ein Gerät öffnen kann oder es womöglich mit irgendwelcher Software verunreinigen, die ambitionierte Laien ohne den verlässlichen Rückhalt eines globalen Konzerns in irgendwelchen finsteren Garagen zusammengepfuscht haben? Wer will das schon? Dafür hat die Zivilisation schliesslich die Arbeitsteilung und Spezialisierung erfunden, damit nicht jeder irgendwo drin rumfummelt, sondern wir das den Profis überlassen, die davon Ahnung haben. Und dann fein die Fingerchen davon lassen.
Aber: Soll man jemandem, der in einem deutschen Text Wörter wie "usability" benutzt, überhaupt zuhören? Nein, das soll man nicht.

03.08.2007 | 11:18

Kommentar #3 von Lars:

Ich finde die Analyse sehr gut, aber ich muss sagen: Kameras in Handys sind nicht blöd! Die Integration von Kameras in Mobiltelefone ist eine der vernünftigsten Entwicklungen, die passieren konnten (neben der Integration von Mp3-Playern in Mobiltelefone). Ich dachte, gerade die Riesenmaschine würde mich in dieser Meinung unterstützen, mit der man immer wieder auf Ablehnung stösst!

03.08.2007 | 11:34

Kommentar #4 von Jan:

Lars, im Prinzip hast du ja recht. Aber wenn es sich eben um eine blöde Kamera (2 Megapixel, fixe Brennweite beim iPhone) handelt, dann finde ich es schon ärgerlich, dass ich die mitkaufen muss. Nämlich weil sie kein Ersatz ist für die 2 Jahre alte Kompaktkamera (5MP, 3fach Zoom, innenliegende Optik, in jeder DImension kleiner als das iPhone) und ich die also auf jeden Fall auch in der Tasche habe.
Das Neo1973 wird in der Verkaufsversion (FIC-GTA02) unter Umständen auch doch eine Kamera haben, nur ziemlich sicher keine gute.
Die Integration eines GPS-Empfängers hingegen ist doch viel spannender!

03.08.2007 | 12:01

Kommentar #5 von Helmut Hackenschneck:

Schorsch, du solltest vielleicht auch das Denken den Profis überlassen, die sich damit auskennen, du Opfer.

03.08.2007 | 12:34

Kommentar #6 von malsomalanders:

Schaut nur leider xxxeisse aus, das neodings, mit seinen beiden Henkeln oben und unten. Wie der Name schon sagt. Koreanisches 1973-Retro, also 1973 original. Wer will denn sowas am Ohr? Ausserdem ist das Display zu klein. Meckerende.

03.08.2007 | 13:20

Kommentar #7 von k:

sehr zu empfehlen, ein eineinviertelstündiges gespräch mit dem chefentwickler:
http://chaosradio.ccc.de/cre042.html

03.08.2007 | 14:06

Kommentar #8 von Schorsch:

@ H. Hackenschneck:
Ach, Unfug! Dieses ewige Herumdilettieren auf fachfremden Gebieten hat aber auch rein gar nichts mit Denken zu tun, dafür aber um so mehr mit spätpubertärer Selbstüberschätzung. Das sind diese nervigen Leute, die auch an ihrem Auto selbst rumschrauben und Arbeiten in der Wohnung wie Streichen oder Teppichlegen entweder auch selbst hinpfuschen oder von Schwarzarbeitern ("Bekannte") erledigen lassen. Das sind die, die auch zum Umzug immer gern ihren Freundeskreis einspannen. Der dann natürlich umsonst schleppen soll.
Die frisieren sich auch selbst bzw. gegenseitig und ersetzen den Arztbesuch gerne mal durch einen Apotheken-Einkaufsbummel.

03.08.2007 | 16:09

Kommentar #9 von Helmut Hackenschneck:

mhm. Das sind diese nervigen Leute, die in ihrer Eigentumswohnung gerne mal die Möbel umstellen, ohne vorher den ehemaligen Besitzer zu fragen. Oder schlimmer noch: Selbstgekaufte Möbel aufstellen wollen! Pubertäre Anarchisten halt, sollten lieber den Feng-Shui-Berater des Bauunternehmens beauftragen, der das Haus gebaut hat. Irgendetwas sagt mir, dass du nicht verstanden hast, worum es hier geht. Klingt jedenfalls nach Herumdilettieren auf fachfremden Gebieten.

03.08.2007 | 17:49

Kommentar #10 von Jan:

Hurra, Polarisation! Sollte es am Ende gar unterschiedliche Bedürfnisse geben, die sich lösen liessen, indem einfach der eine so und der andere so kauft? Der eine den Duplo-Stein, der andere den Lego-Technik-Baukasten, je nach Altersstufe? Wir sind doch hier nicht in der DDR.
k, vielen Dank für den Link zu dem superen Podcast. Hör ihn dir mal an, Schorsch und sag das mit dem Herumdilettieren dann noch mal.
MacOS X, das Betriebsystem des iPhones gäbe es ohne Open-Source-Software übrigens nicht (basiert auf FreeBSD)

03.08.2007 | 18:15

Kommentar #11 von sagichnicht:

Schön geschrieben, hat Spass gemacht, das zu lesen. Ich bin sogar auf die Webseite von diesem Dings gegangen und hab mir das angesehen, obwohl ich mir mein Handy bei Aldi gekauft habe. Es ist einfach gut geschrieben. Ist eigentlich schnurz, um was es hier geht, aber diesen Text würde ich gerne mal auf einer Lesung anhören. Könnte auch Spass machen.

04.08.2007 | 02:17

Kommentar #12 von fluegelkatze:

Mir ist immer noch Schleierhaft, warum so viele Leute immer das hippste Handy haben müssen, vorher aber nicht ausprobieren ob ihnen die Benutzerführung zuspricht. Grade im Bilig-Bereich hab ich schon Geräte in die Finger bekommen, mit denen man mehr als 10 Schritte bis zum Versenden einer SMS gehen musste.
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Das iPhone konnte mich im persönlichen Kurztest noch nicht überzeugen (öffnen, vergrössern etc. alles super, aber warum muss man den einzigen Knopf drücken um aus einem Programm zurück zur Übersicht zu kommen?).
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Warum hat eigentlich noch nie jemand über das Alctel OT-160 berichtet? Meiner Meinung nach die einzige Innovation auf der Cebit 2005 (oder 2006?): ein Schwarz-Weiss Display mit bedruckter Farbfolie im Hintergrund. Liess sich zwar nicht austauschen, aber Ideen, ein Handy mit so einem einfachen Trick aufzuwerten sind sehr rar.
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Mitwerfer gesucht:
wer nimmt mit mir 2008 in Dresden oder Finland an den Handy-Weitwurf-Weltmeisterschaften teil? Ich bin schlecht im Werfen, aber sicher dass ich schon ein gerät finde mit dem ich genügend schlechte Erfahrungen gemacht habe um Agressionen zu entwickeln...

04.08.2007 | 09:08

Kommentar #13 von k:

das nokia-e61 ist sehr gut zum weitwurf geeignet. der werfer muss unmittelbar vor dem wurf versuchen, sich verschlüsselt mit seinem mailserver zu verbinden. dann fliegt es von allein- sehr weit bestimmt, so schwer, wie es auch ist. dazu der versuch, jemanden per voip anzurufen, fällt wohl leider unter fremdadrenalindoping.
klasse: es ist flach und breit, mehrfache abpraller auf wasser und ähnlichem bestimmt ausserordentlich gut möglich. ein tolles gerät.

04.08.2007 | 14:41

Kommentar #14 von Maik:

Meine Güte, wenn ich hier so Kommentare von Leuten wie Schorsch oder Hackenspack lese fällt mir echt nix mehr ein.
Wahrscheinlich benötigt Ihr sogar noch jemanden der Euch den Hintern abputzt weil Ihr das auch nicht hin bekommt. Die Idee hinter diesem Gerät finde ich persönlich grossartig. Ob es am Ende etwas taugt werde ich jetzt sicher noch nicht beurteilen, bin aber guter Dinge. Wenn es tatsächlich mit GPS kommt und ein so schönes offenes System hat ist der Kauf schon fast Pflicht. Warum brauche ich hier niemanden nicht zu erklären, höchstens den beiden oben genannten Personen, aber die werden es sicher selbst dann nicht verstehen.
Gruss
Maik

06.08.2007 | 12:40

Kommentar #15 von Helmut Hackenschneck:

Maik, schalt mal dein Ironieverständnis ein (falls vorhanden) und lies meinen Kommentar noch einmal. Vielleicht verstehst du dann auch, warum du mir nicht zu erklären brauchst, was an offenen Systemen toll ist. Wir sind nämlich der gleichen Meinung. Nur mal so.

07.08.2007 | 16:17

Kommentar #16 von shadaik:

öhm, was genau ist mit "Apple baut zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit ein Mobiltelefon, das man nicht sofort nach Inbetriebnahme kreischend an der nächsten Waschbetonwand zerschmettern möchte." gemeint? Ich fand die Mobiltelefone bisher nicht wirklich schlecht und das iPhone nicht besonders gut.

28.08.2007 | 10:16

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