Riesenmaschine

04.08.2007 | 14:14 | Berlin | Alles wird besser | Fakten und Figuren

Ausrufung des Neokambrium


So sieht das Ende der Postmoderne aus (Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
Am Sonntag, den 29. Juli 2007 kam es in der Schankwirtschaft Prassnik zu einer Diskussion. "Was kommt eigentlich nach der Postmoderne, die ist ja inzwischen auch langweilig geworden", so lautete die zentrale Frage, die unter anderem behandelt wurde von Schriftsteller Wolfgang Herrndorf, dem Fachspezialisten Philipp Albers, dem Universalgelehrten Marek Hahn und Google per Handy. Moderne, so rief man sich ins Gedächtnis bzw. in den bestürzend kleinen Handycache, war geprägt von Gesellschaftsbildung, Industrialisierung und Erfindungen, die die sichtbare Welt dramatisch veränderten. Die Postmoderne dagegen, in den 1960ern beginnend, spielte sich hauptsächlich in den Köpfen ab und hatte deshalb eher ästhetische, soziale und lächerliche Komponenten, so die gestauchte Basisdefinition.

Nun aber, auf das Jahr genau elf Jahre nach der das Ende der Postmoderne einläutenden Sokal-Affäre, ist ein anderes Zeitalter über uns hereingebrochen und der Tropfen, der das Fass zum Überkochen brachte, ist nicht mehr als eine Schweizer Werbekampagne des Umweltherstellers WWF (Foto), in der ein scheinbar für andere stimmergreifendes Plakat darüber spricht, dass es nur ein Plakat sei. Der davorstehende Mensch, im Bewusstsein der Entstehungsweise eines Plakats, für das es allein aufgrund der Vielzahl der Beteiligten schon eine Unverschämtheit ist, wenn es "ich" sagt, abgesehen davon, dass es im Magritte'schen Sinne natürlich nichts sagt, muss erkennen, dass Zitat, Referenz und Ebenenbruch als Kulturtechniken ausgedient haben; die Postmoderne wird mit 47 frühverrentet.

Ein Sprung zurück: Während des Urknalls vor knapp 14 Milliarden Jahren entstand die Unbelebte Materie. Das Kambrium, keine 500 Millionen Jahre her, brachte uns die Kambrische Explosion, auch als Biologischer Urknall bezeichnet; es entstanden die heutigen Formen der belebten Materie. Es fehlt: der Urknall der belebten Unmaterie, ein geistiger Urknall, ein neues Kambrium im Kopf – eben das Neokambrium. Dieses sei hiermit ausgerufen, auch aus cargokultischen Gründen, also damit es endlich anfängt. Ein erstes Kennzeichen steht auch bereits fest: die gefühlte Realität, gleichzeitig Stärke und Schwäche der Postmoderne, wird abgeschafft. Man darf wieder unterscheiden zwischen Quatsch und kein Quatsch. Wie genau, das wird in den nächsten 500 Millionen Jahren zu klären sein.


Kommentar #1 von Frau Grasdackel:

Der dargebotene Schreibstil der RM tut den Gehirnwindungen so unendlich gut. Man fühlt sich erfrischend informiert und unterhalten. Danke dafür.

04.08.2007 | 17:26

Kommentar #2 von Ijon Tichy:

Schön! Lobt die neokambrische Explosion!
Wobei: Wenn Postmoderne sich als eine Pausenzeit zwischen die alten grands récits (Aufkläung – Idealismus – Historismus) und der neuen, heraufkommenden grossen Erzählung schiebt;
dann befinden mir uns meines Erachtens schon längst im, naja, versuchsweise Technizismus? Die Dinge übernehmen die Herrschaft. Diesmal wirklich.

04.08.2007 | 19:18

Kommentar #3 von elblette:

sie meinen, das ganze geschraubte gerede von wegen "es gibt keinen autor" und "auch keinen leser" den darf man dann einfach quatsch nennen anstelle von écriture? da fällt mir doch glatt die spiegelphase aus dem gesicht.

04.08.2007 | 22:53

Kommentar #4 von leser:

ich bin einfach froh, das Herr Lobo "wieder schreibt"

05.08.2007 | 18:52

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