Riesenmaschine

10.09.2008 | 02:16 | Was fehlt | Papierrascheln | Vermutungen über die Welt

Das Internet ist zum Vergessen da


Irgendwas bleibt immer zurück. (Foto / Lizenz)
Das Schönste am neuen Google-Browser Chrome ist nicht die lustige Figur mit Schlapphut, Sonnenbrille und hochgeklappten Mantelkragen, die erscheint, wenn man ein Inkognito-Fenster öffnet, und auch nicht der Hinweis, dass trotz Inkognito-Fenster Vorsicht geboten sei bei "Überwachung durch Ermittlungsbehörden" und "Personen, die hinter Ihnen stehen". Das Schönste am neuen Google-Browser Chrome ist das Fehlen einer vernünftigen Verwaltung der Bookmarks. Dass eine fehlt, behaupten jedenfalls die einschlägigen Medien. Nachprüfen lässt es sich nicht. Wie bitte sollte man sich auch eine vernünftige Verwaltung von Lesezeichen vorstellen?

Der kaum zu überschätzende Burkhard Müller schrieb vor einiger Zeit im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung den für alle Ewigkeiten gemachten Satz, Romane seien zum Vergessen da. "Man weilt bei ihnen zu Gast, und ein Besuch währt nicht ewig. Mitnehmen darf man den Anklang einer Atmosphäre, die Färbung eines abendlichen Gesprächs, die Erinnerung an das Lächeln der Gastgeberin. Aber das Tafelsilber einzustecken, ist roh und taktlos. Man soll nicht darauf beharren, nach zwanzig Jahren noch genau den Handlungsgang und die Namen der Hauptfiguren zu rekapitulieren. Es bleibt schon was zurück, keine Sorge, und zwar das Beste; doch lässt es sich in seinem Bestand keine Kontrollen gefallen."

Was für Romane gilt, gilt für das Internet natürlich allemal. Wer einmal anfängt, irgendwo Zettel und Notizen hinein zu machen, sei es in Bücher oder Browser, hat die Kapitulation vor der unübersichtlichen Quasiunendlichkeit des menschlichen Wissens schon so gut wie unterschrieben. Wer einmal anfängt, irgendwo Zettel und Notizen hinein zu machen, der kann das Lesen eigentlich gleich sein lassen. Er wird eh nie das Gefühl haben, das Richtige gelesen und sich daraus das Wichtigste gemerkt zu haben.

Wer hingegen darauf vertraut, dass das Beste schon zurückbleiben und dass alles Wichtige und Interessante einem so oft über den Weg laufen und winken wird, bis man darauf aufmerksam geworden ist, kann ohne grosse Angst weiterlesen. Er wird auf seinem Sterbebett vielleicht auch nicht das Wichtigste vom Richtigsten wissen, durfte dafür aber sein Leben lang bequem ohne Bleistift in der Hand lesen und konnte mit seinem Geld statt Notizzettel und Lesezeichenverwaltungssoftware der Liebsten schöne Geschenke kaufen. Irgendwann wird ihm auch ein Browser zur Seite stehen, der beherzigt, dass das Internet zum Vergessen da ist. Das Fehlen einer vernünftigen Lesezeichenverwaltung bei Chrome ist da nur ein Anfang. Bestimmt.


Kommentar #1 von Jakob:

Mein erster Kommentar bei der Riesenmaschine. Ich habe euch erst vor ein paar Tagen entdeckt, aber es ist sehr nett bei euch hier.
Folgendes: Ich finde es sehr romantisch-verklärend, dass hier propagiert wird, man solle "darauf vertrauen, dass das Beste schon zurückbleiben und dass alles Wichtige und Interessante einem so oft über den Weglaufen und winken wird"! Man muss nicht alles kontrollieren, davon würde ich Abstand nehmen. Aber ich merke mir doch schon gern Sachen, die mir wichtig sind. Man kann sich nicht beim ersten Lesen alles merken, so wichtig es sein mag. Und mit Lesezeichen im Internet ist man auch schnell dabei – ein Klick, vielleicht zwei und das war's. Da verliert man nicht so viel Zeit, dass man der Liebsten kein Geschenk mehr kaufen kann...

10.09.2008 | 11:02

Kommentar #2 von irgendwem:

Jetzt seid doch alle mal ein bisschen gemütlich.

10.09.2008 | 11:33

Kommentar #3 von westernworld:

Die Riesenmaschine treibt es eindeutig zu weit! Hören Sie auf mit diesem Unsinn und besinnen Sie sich wieder auf Ihre eigentliche Aufgabe: dem Schleichwerben durch gekaufte Artikel. Seriöser Journalismus sieht anders aus!

10.09.2008 | 11:53

Kommentar #4 von irgendwem:

@jakob
... dinge ernst zu meinen gehört nicht unbedingt zum geschäftsmodell der maschineschreibenden klassen, die latente standpunktlosigkeit mag man bedaueren, aber so ist es halt im milchschaumparadies ...

10.09.2008 | 11:57

Kommentar #5 von den Lesern der Riesenmaschine:

Aber dass wir nicht verstehen, was die maschineschreibenden Klassen ernst meinen und was nicht, heisst doch womöglich gar nicht, dass dort "latente Standpunktlosigkeit" herrscht, oder? Wir denken da jetzt noch mal ein bisschen drüber nach, das kann sicher nicht schaden.

10.09.2008 | 12:04

Kommentar #6 von noch mal den Lesern:

Und ausserdem schreiben da ja ganz viele verschiedene Autoren! Vielleicht haben die gar nicht alle denselben Standpunkt. Es ist wohl noch komplizierter als wir dachten.

10.09.2008 | 12:09

Kommentar #7 von sdf:

Bis einer heult!

10.09.2008 | 12:26

Kommentar #8 von dem freund:

ich, übrigens, habe nun nach dem lesen mit meinem firefox-browser, dem ja bisweilen ein sehr ordentliches bookmarksystem zugeschrieben wird, ein lesezeichen zu dieser seite erstellt. lieber weisbrod, ich hoffe, das ist okay für sie.

10.09.2008 | 12:48

Kommentar #9 von M:

Dem stimme ich zu. Wer etwas anderes behauptet, möge es bitte beweisen.

10.09.2008 | 13:14

Kommentar #10 von Der liebe Gott:

Schöner, leicht romantisch verlärter Beitrag. An dieser Stelle habe ich einen überflüssigen Smiley hingemacht, wofür ich mich dereinst schämen werde. Allerdings, während ich der These im Bezug auf Romane voll und ganz zustimmen mag, hinkt der Vergeich zu Bookmarks leider gewaltig. Wie oft habe ich schon nach wichtigen Links und auch Infos in meiner Bookmark-Verwaltung gesucht? Ich schätze, fast täglich ...

10.09.2008 | 16:49

Kommentar #11 von den anderen Lesern der Riesenmaschine:

Wir finden es nicht gut, dass hier in unser aller Namen kommentiert wird, obwohl doch auch die Leser der Riesenmaschine keinesfalls nur einen Standpunkt vertreten! Hiermit also ein oeffentliches Dementi: WIR sind der Meinung, dass alles wohl sehr einfach ist.

10.09.2008 | 17:01

Kommentar #12 von Inga Oltersdorf:

Speichern von Informationen über Bookmarks ist doch auch nur der Versuch, Wissen nicht wieder zu verlieren. Ich glaube bei all der Schnelligkeit vom Austausch von Infos über das Netz, wird das Vergessen ein grosser "Segen" sein. Zukunft hat das, was Wesentlich ist. Wesentliches, was berührt, weil es auch über das Netz authentischen Ausdruck hat. Gefühle werden nicht vergessen, weil sie nicht gespeichert werden brauchen. Verlorenes Wissen schafft Platz für Wesentliches.

10.09.2008 | 20:18

Kommentar #13 von Gert Graubrot:

Das ist aber auch wieder nur eine Privatmeinung.

10.09.2008 | 21:15

Kommentar #14 von Merien:

@ #12: Zitat Nena: 'Der Anfang vom Ende ist, dass man nicht vergisst ...' – Du scheinst Recht zu haben!

10.09.2008 | 22:59

Kommentar #15 von weltdeswissens :):

Jetzt seid doch alle mal ein bisschen gemütlich.

10.09.2008 | 23:52

Kommentar #16 von Jebbedia Springfild:

Es stimmt aber, waehrend ich mich in meinem Krieg & Frieden ausgekenne, ohne Zettel und Eselsohren, und auf anhieb weiss ich wann mein Pierre wen wo pimpert und wo Andrej wen wie fusiliert, was mich in meiner taeglichen Arbeit mehr als nur unterstuetzt. Dieses Internet jedoch ist und bleibt fuer mich ein Buch mit 7 Siegeln. Ein Glueck ist es noch nicht so verbreitet wie Tolstoi.

11.09.2008 | 11:02

Kommentar #17 von ,mhjhmxfbzdvdadfghjkkljuilyiuykyikh:

Manche Texte machen ja hier den Eindruck, als gäbe es im Hause Riesenmaschine keinen Korrekturleser, der vor der Veröffentlichung tätig wird. Über den eigenmächtigen "Buchstabenboykott" wollen wir mal gar nicht erst reden.

11.09.2008 | 13:59

Kommentar #18 von gnaddrig:

Der ganze Beitrag enthält kein einziges y. Steckt da Methode hinter? Werden die Buchstaben jetzt einer nach dem anderen abgemurkst? Ist das Einbuchstabenalphabet das Fernziel? Wehret den Anfängen, kann ich da nur sagen. Wehret den Anfängen!

11.09.2008 | 14:31

Kommentar #19 von Marcel P.:

Websites und Lesezeichen vergehen ... hach ... wie die Jahre. Aber was bleibt: die mémoire involontaire!

11.09.2008 | 17:01

Kommentar #20 von Gustel:

Hauptsache ist doch, der Spass am Sex bleibt...

11.09.2008 | 18:10

Kommentar #21 von M:

Naja, dafür gibts ja den Inkognito-Knopf.

11.09.2008 | 18:57

Kommentar #22 von Dr. Eitagebart:

Toll! Bereits 22 völlig inhaltslose Kommentare – wer blickt da noch durch? Hier ist zumindest eine Kommentarbookmarkfunktion gefordert (obwohl eine Kommnetarbrandmarkfunktion sicher besser wäre).

12.09.2008 | 14:17

Kommentar #23 von Dr. Eitagebart:

Auch sollte man sich, um kommentieren zu können, registrieren müssen. Sonst kann, wie eben gerade geschehen, jeder Hinz und Kunz den Nick eines Vorredners missbräuchlich benutzen. Der Vorredner steht dann doof da, weil er so einen Mist natürlich nie geschrieben hätte und überhaupt.

12.09.2008 | 14:39

Kommentar #24 von Hinz&Kunz:

mich kotzen diese maschine und ihre innereien auch so richtig an. mit einer derartigen arroganz durch den tag zu gehen und jede schleimige gelegenheit the next big thing zu werden, mitzunehmen: es ist widerwärtig. und das ohne jegliche politische motivation. es ist zum kotzen.

12.09.2008 | 14:41

Kommentar #25 von Dr. Eitagebart:

Ich weiss nicht, was meine Vorredner haben. Ich finde es ganz praktisch, dass man sich nicht registrieren muss, um zu kommentieren.

12.09.2008 | 14:53

Kommentar #26 von Dr. Eitagebart:

Schliesse mich meinem Vorredner an.

12.09.2008 | 16:43

Kommentar #27 von Felix:

Nur CDU-Wähler benutzen Bookmarks!

12.09.2008 | 18:32

Kommentar #28 von negut, kurt:

Die Möglichkeit oben einen Namen einzugeben sollte auch noch gestrichen werden.
Wer will schon wissen wie geistreich der Vorkommentator bei der Wahl seines Nicknames war.
Zum Bezugnehmen reicht ja auch die Kommentarnummer.

12.09.2008 | 19:17

Kommentar #29 von Jawohl!:

Kann mich nur anschliessen.

12.09.2008 | 23:34

Kommentar #30 von WitzigerNick:

WitzigerNick ist sowieso irgendwie tendenziell und so weiter furchtbar. Also abschaffen. Erste Hahnenschreie einer besseren Welt sind zu hören.

12.09.2008 | 23:36

Kommentar #31 von irgendwem:

Erneut ein glorreicher Artikel. Wenn die Riesenmaschine so weitermacht, dann kann ich mir demnächst das SZ-Feuilleton schenken und direkt zum Sportteil übergehen.

13.09.2008 | 02:55

Kommentar #32 von irgendwem:

Ist Aleks Scholz jetzt endgültig aus der Maschine ausgestiegen?

13.09.2008 | 15:01

Kommentar #33 von irgendwem:

Ohne dieses ganze bookmark-gedöns würde die Riesenmaschine bitte wer? sicher schnell in der Versenkung verschwinden, weil keiner sich mehr ihrer erinnert und alle hätten endlich wieder einmal Zeit, sich den wesentlichen Dingen des Lebens zuzuwenden. Trostlose Sache, das.

13.09.2008 | 16:11

Kommentar #34 von WitzigerNick:

Wer ist eigentlich dieser Aleks Scholz, nach dem hier ständig gefragt wird?

13.09.2008 | 17:07

Kommentar #35 von meistermochi:

also nach dieser theorie wäre es schnell aus mit der riesenmaschine.

14.09.2008 | 15:35

Kommentar #36 von Kommentator #36 (und.. ok .. auch #22):

Hm, schon 5 (fünf!) Tage ohne neuen Artikel. Da hat wohl jemand das Internet vergessen.
Bei dieser schönen Gelegenheit möchte ich daher die Änderung des Namens Riesenmaschine in Internetzumvergessendakommentarmaschine vorschlagen.

15.09.2008 | 14:49

Kommentar #37 von irgendwem:

Mich brachte das Lesen des Textes zum Lachen – der Rest interessiert mich nicht wirklich.

17.09.2008 | 14:50

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