Riesenmaschine

23.07.2005 | 16:35 | Sachen kaufen | Papierrascheln

Fun ist eine Riesenmaschine

Die Tatsache, dass Christina Aguilera ihren neuen Song mit dem intelligenten Titel "Hello" exklusiv an Mercedes verkauft hat, nimmt der Wirtschaftsteil der ZEIT zum Anlass, in einem ziemlich langen und durchaus gehaltvollen Riemen mal grundsätzlich über das Thema "Branded Entertainment" nachzudenken und festzustellen, dass globale Unternehmen ihre Marken mit der Popkultur fusion- und so gleichermaßen Werbung wie Medienindustrie revolutionieren. In diesem Zusammenhang kommt auch ein BMW-Marketingchef namens Torsten Müller-Ötvös zu Wort, der erkannt hat und androht: "Die Entertainmentindustrie war schon immer die größte Marketingmaschine der Welt. Das werden wir uns zu Nutze machen."

Nichts anderes predigen wir den lieben langen Tag. Und nichts anderes haben die vielgescholtenen Adorno/Horkheimer schon in den 40ern gepredigt und in ihrem Kulturindustrie-Kapitel notiert: "Kultur heute schlägt alles mit Ähnlichkeit. Film, Radio, Magazine machen ein System aus. Jede Sparte ist einstimmig in sich und alle zusammen. ... Indem unterm Zwang des Systems jedes Produkt Reklametechnik verwendet, ist diese ins Idiom, den 'Stil' der Kulturindustrie einmarschiert."

Die eifrigen Rechercheure von der Zeit waren zudem so freundlich, ein paar Filmbeispiele zu sammeln, die jedoch größtenteils weniger eine neue aufregende Qualität im Verschmelzen von Kommerz und Kultur beweisen, sondern die langweilige alte Qualität von -Gähn!- Testimonial-Kampagnen.


23.07.2005 | 15:41 | Alles wird besser | Listen | Selbstversuche

Rote Liste für alle

Vom Sehen kennt die Rote Liste jeder: es ist das dicke rote Buch hinter dem Arzt im Regal, in dem er heimlich blättert, wenn der Patient hinter dem Untenrum-Freimachen-Paravent verschwindet. Es stehen viele nützliche und hilfreiche Informationen darin: Beipackzettel, Inhaltsstoffe, Preisangaben. Diese Informationen werden aber wegen irgendeines kleinlichen Gesetzes nur Ärzten und Apothekern zugänglich gemacht, was schlecht durchdacht ist. Schließlich möchte man auch als Privatmensch hin und wieder wissen, wie das noch gleich war: Viagra nur zusammen mit Poppers einnehmen? Oder nur ohne? Wie kombiniert man ganz normale Pillen zu einer ohne Arztbesuch erhältlichen Tag-Danach-Pille? Ist "Irgendwas, was lustig macht, N1" die korrekte Formulierung für gefälschte BTM-Rezepte? Das alles und noch mehr dürfen mündige Bürger dank Bugmenot jetzt selbst nachlesen.


23.07.2005 | 12:44 | Zeichen und Wunder | Vermutungen über die Welt

Liebe lieber ungewöhnlich

Textliche Liebe in der Werbung hat einige Aufmerksamkeit erregt, besonders, als McDonalds und Pro7 mit den Claims "Ich liebe es" und "We love to entertain you" an die Öffentlichkeit gegangen sind. Das ist bekannt und oft erwähnt worden. Bisher verhältnismässig unbekannt ist dagegen, dass die "Einkaufsgenossenschaft der Kolonialwarenhändler im Halleschen Torbezirk zu Berlin", also Edeka, Lebensmittel liebt, wie auf dem LKW zu lesen ist. Das ist gut und schön, aber noch nicht der Weisheit letzter Schuss. Nein, einmal mehr kommt die Revolution in der Werbung nicht nur von unten, sondern auch aus Amerika. In diesem Fall von einer namenlosen, websitelosen Reinigung in New York City. "We love our customers" auf dem Drahtbügel – das ist ganz bis zu Ende gedacht, das ist das Non Plus Ultra, die Claimwissenschaft ist nun offiziell am Ende angelangt, Werbetexter werden abdanken müssen, Kampagnen werden aus Scham von den Agenturen zurückgezogen werden, eine ganze Branche geht geschlossen in ihr Sabbat-Jahrzehnt, es ist aus, weil der Gipfel, DER Gipfel erklommen ist. "We love our customers". Amen.


23.07.2005 | 02:59 | Anderswo | Alles wird schlechter

Slacklining – Der neue, doofe Trend aus Kalifornien

Mussten sich Spaziergänger mit Gauklerallergie in deutschen Parks bislang nur vor Jongleuren und Diabolo-Spielern in acht nehmen, sollten sie sich seelisch schon einmal auf eine weitere optische Zumutung einstellen, die sicher bald den Sprung über den Atlantik schaffen wird. Slacklining heisst der neue Sport, ein Abfallprodukt des Alpinkletterns (im Bild: Slackliner in einem Park in Berkeley). Adam Grosowsky und Jeff Ellington spannten Anfang der achtziger Jahre erstmals einen Nylongurt, Teil ihrer Kletterausrüstung, lose zwischen zwei Bäume im Yosemite Nationalpark und balancierten darauf herum. Ausserhalb von Klettererkreisen war Slacklining lange Zeit unbekannt, aber dank Bestrebungen wie dieser der Slackline Brothers wird sich das sicherlich bald ändern. Glaubt man dem Claim auf ihrer Webseite, geht es beim Slacklining um nichts Geringeres als eine "spirituelle Suche". Und so gehört sich das ja wohl auch für den offiziellen neuen, doofen Trend aus Kalifornien.


23.07.2005 | 02:56 | Anderswo | Alles wird besser | Zeichen und Wunder

Der erste Chinese im All?

Bildungsfernsehen in Amerika, das klingt erstmal nach einem schlechten Scherz, jedenfalls bis man zum ersten Mal Mythbuster gesehen hat. Ziel dieser Show ist es, alle wirklich wichtigen Fragen der Welt zu beantworten, und zwar nicht etwa mit theoretischem Gerede oder langwieriger Recherche, sondern mit rücksichtsloser Empirie, also indem man es einfach mal ausprobiert: Wieviel Tischtennisbälle muss man wohl in ein gesunkenes Schiff pumpen, damit es wieder aufsteigt? (27000) Stirbt man wirklich, wenn in einem fliegenden Jet ein Schuss abgefeuert wird? (nein) Ist es gefährlich, bei Gewitter zu telefonieren oder gar zu duschen? (ja) Alle Experimente werden natürlich in Originalgröße aufgebaut und mit großer Ernsthaftigkeit betrieben, mit richtigen Flugzeugen, Schiffen, Blitzen, echten Raketen und Astronauten (siehe Bild), ganz abgesehen von Drogen, Zahnbürsten und natürlich Stinktieren. Die Hauptakteure von "Mythbuster" sind Adam Savage, der als Beruf "Sachen bauen" angibt, und Jamie Hyneman, Experte für Survival, Maschinen und gefährliche Tiere, beide nebenbei bemerkt für die Spezialeffekte von "Starwars" und "Matrix" verantwortlich. Mit unbegrenztem Budget große Sachen bauen und dann wieder kaputtmachen – es wäre wohl der schönste Beruf der Welt, wenn man nicht für die Riesenmaschine arbeiten würde.


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"Enter the Void", Gaspar Noe (2010)

Plus: 17, 33, 36, 39, 41, 45, 50, 52, 55, 122
Minus: 1, 3
Gesamt: 8 Punkte


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