Riesenmaschine

20.09.2005 | 12:35 | Alles wird schlechter

Jetzt amtlich: Punk doch tot


Foto: lordkhan / Lizenz
Dass die Jugendkulturen heute nicht mehr das sind, was sie mal waren, als wir ihnen noch angehörten, verkünden wir nach dem ersten Bier ja schon seit langem. Wie bitter es aber tatsächlich um das schiere Wesen der Jugendkultur an sich bestellt ist, dämmert einem erst dann, wenn man sich klar macht, dass die Bundeszentrale für politische Bildung durch die Schulen tourt, um den Kindern im Rahmen des Projekts Culture on the Road die Ideen, Grundhaltungen und Codes von zum Beispiel HipHop, Dancehall-Reggae, Punk, Gothic, Skateboarding und Girl Power nahe zu bringen. Zum Beispiel so: "Punk ist äusserlich wohl die schrillste Subkultur. (...) Das Zerstörungs-Image der Chaostage trügt und hatte viel mit dem Agieren von Medien und Staatsgewalt zu tun. Punks sind Selbermacher, im Ganzen konstruktiv, gestalten ihren Lebensraum, sind reise- und kontaktfreudig, und vor allem: politisch zumeist weder gleichgültig noch zynisch. Punks legen Wert auf Solidarität und Engagement vor Ort: autonomes Jugendzentrum, Instand-Besetzung von Spekulationsobjekten, Anti-Nazi-Demos." Respekt. So, und nur so, die Herren Schönbohm und Gauweiler, macht man dem Punk ein und für allemal und gründlich den Garaus.


20.09.2005 | 12:32 | Alles wird besser | Fakten und Figuren | Vermutungen über die Welt

Abgehört

Verstörende Nachrichten erreichen uns via Scientific American aus Berkeley, der Weltzentrale für verstörende Nachrichten. Doug Tygar und sein Team haben eine Software entwickelt, die aus den Klappergeräuschen der Tastatur zuverlässig die ursprüngliche Texteingabe rekonstruiert. Ein richtiges Abhörsystem für Tastaturen, also den Geräten, denen wir jeden Tag mehr anvertrauen als unseren Haustieren, sprich alles. Wer es immer noch nicht glaubt: Tygar berichtet ausführlich, zum einen (natürlich) in seinem Blog, zum anderen in einer unterhaltsamen Publikation. Wie immer bei derart weitreichenden Erfindungen steht man zunächst mal eine Weile sprachlos herum und sagt gar nichts. Dann aber wird einem ganz überraschend klar, dass diese Technik sowohl Risiken als auch Möglichkeiten mit sich bringt, genauso wie seinerzeit die Erfindung des Buches (Hera Lind vs. Goethe) oder die Entdeckung der Radioaktivität (früher Tod von Marie Curie vs. Nobelpreis für Marie Curie). Wir sind in solchen Dingen erfahren genug, um den Überblick zu behalten, und geben hier drei wichtige Hinweise, die das Schlimmste verhindern:
1. Keine Passwörter mehr eingeben, während man telefoniert. Viel zu riskant.
2. Jeden Monat das Tastaturlayout und damit den Klang der Buchstaben verändern.
3. Beim Schreiben immer ein Diktiergerät mitlaufen lassen; das spart sowohl Zwischenspeichern als auch Speichern generell, ja, letztlich die Anschaffung einer teuren Festplatte.
Schließlich noch eine Bitte an alle phantasiebegabten Entwickler: Mit nur wenig Aufwand kann man mit Hilfe des Tastaturabhörgeräts ein System bauen, das es erlaubt, mit den Fingern zu sprechen. Schön und gut, aber dies kann nur ein Anfang sein. Wir plädieren energisch für eine gerechte Verteilung aller Körperfunktionen auf alle Organe. Mit der Leber radfahren! Endlich Bauchnabelorgasmen! Warum nicht mal mit dem Rückenmark telefonieren? Es ist noch viel zu tun, Berkeley.

Aleks Scholz | Dauerhafter Link


20.09.2005 | 12:27 | Anderswo | Alles wird besser | Sachen kaufen | Essen und Essenzielles

Cake Side of the Moon

Während die Deutschen den letzten Sonntag mit sinnlosem Wählen verbrachten, feierten die Chinesen das Mittherbst- oder auch Mondfest. Dieses geht auf gleich mehrere Legenden
zurück, in welchen unter anderem der weltbeste Bogenschütze, seine Frau, ein Unsterblichkeitstrank, zehn Sonnen und ein Hase, der sich selbst brät, tragende Rollen spielen. Traditionell werden anlässlich dieses Feiertages so genannte Mondkuchen verschenkt, kreisrunde süsse Küchlein aus Mürbeteig, die mit allem gefüllt werden, was dem Chinesen unterkommt: salzige Enteneier, Gehacktes, Stinkfrucht-Mus, Rote-Bohnen-Paste oder Häagen-Dasz-Eis. Für den bestechungsfreudigen Beamten hält die Mondkuchen produzierende Industrie bisweilen sogar mit echtem Gold gefülltes Gebäck bereit, im Wert von einigen Tausend Euro. Allerdings sind auch klassische Mondkuchen nicht gerade billig: Für einen der möglichst überdimensionierten Kuchenkartons wandern in der Regel zwei- bis vierstellige Eurobeträge über den Ladentisch.

Die Chinesen zahlen diese Mondpreise leichten Herzens; in den letzten Wochen sah man praktisch keinen Pekinger ohne mindestens einen Kuchenkarton auf der Strasse. Das ist insofern bemerkenswert, als dass das teure Feiertagsgebäck kaum einem Chinesen schmeckt. Eine Blitzumfrage der Riesenmaschine in der chinesischen Hauptstadt ergab, dass knappe zwanzig Prozent der einheimischen Mondkuchenempfänger diese auch tatsächlich verzehren. Der Rest entsorgt die gefürchteten Kalorienbomben nach einigen Anstandswochen diskret über den Hausmüll.

Dass dieser Kuchenkauf- und Vernichtungsrausch nicht unerheblich zum anhaltenden, gigantischen chinesischen Wirtschaftswachstum beiträgt (voraussichtlich 9,5% für 2005), wurde bisher von den Ökonomen dieser Welt nicht hinreichend berücksichtigt. Vielleicht aber behält die sich demnächst irgendwie konstituierende deutsche Bundesregierung dieses Konjunktur-Ankurbelungsrezept im Auge und führt auch in Deutschland das Mondfest ein.

Christian Y. Schmidt | Dauerhafter Link | Kommentare (1)


19.09.2005 | 17:08 | Berlin | Alles wird besser

Kotnot

Seit vielen Jahren kopiert der Mensch mit seinen technischen Entwicklungen die Natur und fährt nicht schlecht damit; wie zum Beweis hat die Natur sogar mal den Spieß umgedreht und den Menschen kopiert: Nämlich Buckminster Fuller, nach dessen Tod sie in zweijährigem, pietätvollen Abstand das Fulleren auf den bunten Molekülmarkt warf. Umso begeisterter fährt der Mensch fort, die Natur und insbesondere die Fauna zu kopieren, vorliegendes Beispiel ist ein dem Ameisenbär nachempfundenes Fahrzeug mit einem langen, mobilen Rüssel. Seine Funktion hat ebenfalls mit Tieren zu tun: Es dient ausschließlich dazu, Hundekot aufzusaugen; übermütige Wortspieler würden diese Geräte vermutlich "Koprowagen" taufen. Angesichts der je nach Quelle 20 bis 60 Tonnen Hundekot (errechnet aus der Zahl der Hunde) täglich auf Berliner Straßen ist es kein Wunder, dass die Berliner Stadtreinigung ihre bereits 1998 angeschafften 13 Fahrzeuge dieser Art zu Höchstleistungen antreibt – täglich werden 19.200 Haufen beseitigt. Nimmt man dabei ein großzügig geschätztes Durchschnittsgewicht je Haufen von 300 Gramm (zum Vergleich: drei Tafeln Schokolade) an, so kommt man auf aufgesaugte 5760 Kilogramm oder fast sechs Tonnen. Geht man weiters davon aus, dass für Berlin vollkommen realitätsferne 50% der Hundebesitzer den Hundekot selbst entfernen, so bleiben trotzdem noch 4 bis 34 Tonnen auf den Straßen Berlins. Täglich. Um nicht langfristig total zu verkacken, müssen also andere Wege der Hundefäkalien-Entsorgung gegangen werden. Hoffnung gibt an dieser Stelle einmal mehr das gelobte Internet (siehe unten), wenn auch auf schwierig nachzuvollziehende Weise.


19.09.2005 | 14:07 | Alles wird besser | Fakten und Figuren

Nie mehr wählen

Wenn irgendwo auf der Welt etwas vereinfacht wird, dann sind wir dabei und dafür. Der Mannheimer Politikwissenschaftler Thomas Gschwend und sein New Yorker Kollege Helmut Norpoth haben eine erfreulich simple Wahlprognoseformel entwickelt, die aus den drei Faktoren Kanzlerpopularität, Wählerrückhalt der Regierungsparteien und Abnutzung der jeweiligen Regierung im Amt das Wahlergebnis wesentlich präziser und preiswerter als teure Meinungsforschungsinstitute vorhersagen kann. Das Verfahren "lieferte einen Monat vor der Wahl 2002 sogar genauere Werte für die amtierende Regierungskoalition als alle etablierten Meinungsforschungsinstitute, einschließlich deren 18-Uhr-Prognosen am Wahlabend selbst." (Pressestelle Uni Mannheim) Die tatsächlichen Stimmenanteile der Regierungsparteien 1953-1998 wichen "bislang im Schnitt nur um 1,5 Prozentpunkte von den Modellschätzungswerten ab, und auch in Bezug auf Sieg oder Niederlage irrte sich die Modellstatistik kein einziges Mal." (uni-protokolle.de)

Davon war in letzter Zeit hin und wieder zu lesen; hier sei als Update nur erwähnt, dass die Vorhersage von 42,0% für Rot-Grün auch diesmal wieder ziemlich präzise (in echt 42,4%) stimmte. Das bedeutet erfreulicherweise, dass man sich künftig das ganze komplizierte Wahlgetue einfach sparen und den Bundestag gleich entsprechend der Prognose neu zusammensetzen kann. Da lacht der Steuerzahler!


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