Riesenmaschine

24.09.2006 | 02:46 | Supertiere | Vermutungen über die Welt

schall.de und rauch.com


Selbst gebrauchte Post it-Zettel gehen weg wie nichts
Dafür, wie man heisst, kann man nichts; Schuld haben die Eltern. Nicht so bei Websites. In den Charts der teuersten Domainnamen findet man die Alexanders, Maries, Maximilians und Sofies des Web. Mit dem Unterschied, dass es im Web – Name plus TLD – nur einen geben darf. Web ist wie Highlander.

Unter den Web-Monaden, keine Überraschung, führt sex.com mit 12.000.000 $. Busen.de brachte es auf 40.000 €. Auf den selben Betrag kam allerdings auch ich.de. Ob es dort um Narzissmus oder Masturbation geht, erfährt nur, wer das Passwort hat – Solipsismus virtuell. Dem zeugungsfernen Sex folgen, wie Quanten miteinander verschränkt, die Gesund- und die Krankheit. Logisch, Lachen ist auch gesund, ausser man ist ein Bär oder auf Koks, dann wird es krank. Auf lachen.de steht: "dein name@lachen.de – leider können wir diesen Dienst nicht mehr anbieten." Es ist eine fremde und seltsame Welt.

Doch die Tiere, was ist mit den lieben Tieren? Unschuldig oder grundverdorben doch wenigstens sie? Aber weder führt die geile Sau die Geldcharts an, noch kommen die niedlichen Tierlein auf einen knusprigen Zweig – für lamm.de, hamster.de und fohlen.de wurden vor Jahren nur 1.000 bis 2.000 Mark bezahlt. Internet ist hingegen Insektenland: Es führen zecken.de und bluebee.com. Newcomer des Monats ist prayingmantis.net mit 1.650 $. Die Gottesanbeterin? Hat die Insekteninflation damit zu tun, dass sich die Sechsfüssler wie die Karnickel vermehren? Dafür sprächen die heretischen Achtfüssler, siehe schwarze-witwe.de, eine Adresse hinter der sich die Isolierernews verstecken, die den Drahti promoten, den altbösen Hagestolz.

Doch vielleicht birgt all das einen Hoffnungsschimmer? Liesse sich nicht dem Kindermangel beikommen, liesse man den Kindernamensverkauf zu? First come, first served: Wie im Internet wäre jede Nachnamen- / Vornamenkombination nur exakt einmal erlaubt. Die Armen würden, wie früher, vieleviele Kinder bekommen, in der Hoffnung, dass sich der Name nur eines aus der Schar einmal gewinnbringend verkaufen liesse, neue Ökonomie, Babyboom 2.0. Und Schirrmacher bliebe auf seinen Büchern hocken.

Martin Bartholmy | Dauerhafter Link | Kommentare (7)


23.09.2006 | 13:11 | Anderswo | Zeichen und Wunder

Schnapstor


Nach Ansicht des Gemeindepräsidenten kann man über Kunst immer geteilter Meinung sein. Bild: Christoph Rösch, NAIRS
Samnaun ist ein kleines Nest im östlichsten Zipfel der Schweiz, fast schon in Italien, praktisch schon in Österreich. Alleinstellungsmerkmal Samnauns ist eine Eigenschaft, die es lediglich mit internationalen Flughäfen teilen muss: es ist zollfreies Gebiet. Nur über einige Passstrassen zu erreichen, pflegte Samnaun jahrhundertelang engere Handelsbeziehungen zum nahen Tirol als zur Restschweiz. Mit der Zentralisation des Zollwesens (1848) verlor Samnaun seine wichtigsten Handelspartner und Einnahmequellen, darum wurde es aus dem Schweizerischen Zollgebiet ausgenommen und war fortan zollfreies Gebiet. Geplant war, diesen Status wieder aufzuheben, sobald Samnaun mit einer ordentlichen Strasse mit der Schweiz verbunden sei. 1912 war dies soweit, doch Samnaun blieb zollfrei. Bis heute – und so ist das Dorf heute eine Art bewohnter, hässlicher Supermarkt für Touristen, die zum Schnapskauf anreisen.

Roman Signer hingegen ist ein Schweizer Künstler, der eigensinnig, humorvoll und mit einem untrüglichen Gespür für die Poesie von physikalischen Experimenten seit Jahren auf mit Wasser gefüllte Fässer schiesst, Farbe oder Schnee explodieren, Stühle rumfliegen, Sand rieseln, Modellhubschrauber abstürzen oder einfach Dinge in Dinge rollen lässt. Meist spielen Gummistiefel, Fässer, Raketen, Waffen, Kajaks oder Schläuche eine Hauptrolle; Lawinen, Staumauern und Vulkanausbrüche stehen Pate. Signers Arbeiten mögen manchen sinnlos erscheinen, als anstössig oder störend wurden sie selten empfunden.

Dies mag der Grund gewesen sein, dass der Gemeinderat von Samnaun einen bescheidenen Beitrag von 2000 Schweizerfranken versprach, als die Kulturstiftung 'Nairs' anfragte, ob im Rahmen des Projekts transit.engiadina eine skulpturale Arbeit von Signer am Dorfeingang installiert werden könne. Samnaun erwartete allenfalls ein paar blaue Fässer oder rote Kanus, stattdessen bekam man eine Interpretation eines mittelalterlichen Stadttors in Form einer Stahlkonstruktion, auf der 59 Schnapsflaschen angeordnet waren. Unschwer zu erraten, dass die Samnauner damit nicht glücklich wurden. Wie dieses Protokoll – das übrigens eine hübsche kleine Posse um die Zusammensetzung des Gemeinderats (mehr als 50% Jenals, ergänzt von einigen Zeggs) sowie interessante Informationen zu Lawinensprengmasten enthält – beweist, wurde die 'Schnapstor' geheissene Skulptur als 'störend' und 'billige Werbung für Samnaun' empfunden. Einige Zeit später war das Tor einen halben Meter höher und mit einem grossen Werbebanner der Gemeinde versehen, sodass die Werbung zumindest nicht mehr billig und die Schnapsflaschen kaum sichtbar waren. Nairs und Signer intervenierten gerichtlich und Samnaun musste das Schnapstor zähneknirschend in den Originalzustand zurückbauen.

Kürzlich nun löst ein Bagger einer regionalen Baufirma das Samnauner Problem, indem er das Tor rammte. Der Gemeinderat liess verlauten, natürlich sei dies ein bedauerlicher Unfall, der aber korrekt gemeldet worden sei, von Absicht keine Spur aber leider sei die Installation nicht mehr zu retten, überhaupt, die Sicherheit, man habe sicher Verständnis. Gut wenigstens, dass der Gemeinderat die versprochenen 2000 Franken nie bezahlt hat.


23.09.2006 | 04:58 | Anderswo

Zäher Wille, Frohe Arbeit


Auch Bayern sehnt sich (mit Zunge)
Im ewig, wenn auch nicht immer vollkommen grundlos, unterschätzten Mannheim wird nicht herumgeflennt. Hier lebt man, trotz rechtwinkliger Auslage vor allem im Dreieck aus Disziplin, Dialekt und Hoffnung. Psychonomenklatorisch konsequent werden die freudlosen Fernschachanschriften der Innenstadt (N3,4) denn auch weiträumig von Verlangen und Optimismus umschmeichelt: Da treffen möblierte Sehnsüchte (Dänischer Tisch 1, Wasserbett 8) auf vermisste Tugenden (Zäher Wille 7, Frohe Arbeit 11, Frischer Mut 22) und manch einer findet die eigene Biographie (Zuflucht 1, Neues Leben 17, Starke Hoffnung 7, Kleiner Anfang 12, Eigene Scholle 5, Grosse Ausdauer 4, Guter Fortschritt 2a) in einem einzigen Spaziergang penibel erfasst.

Via Stadtplan huldigt man darüber hinaus gekonnt jenen Dingen, die in der rätselhaften Stadt am Rhein besonders geschätzt werden (Freie Luft 6, Regenbogen 2b, Sonnenschein 4), nicht zuletzt, weil das benachbarte Ludwigshafen (Sodastr., Braunkohlenstr., Im Kappes) ohne Unterlass industrielle Dominanz über den Rhein hüstelt. Kein Wunder, dass man im ebenfalls nah gelegenen Heidelberg (Oberer Fauler Pelz 2, Unterer Fauler Pelz 7) einigermassen fieberhaft am Ausbau des öffentlichen Nahverkehrsnetzes arbeitet. Obwohl. Zu Fuss ins vorbildlich ausgeschilderte Mannheim zu pilgern wäre nicht nur preiswerter, sondern auch angemessen.


22.09.2006 | 21:25 | Berlin | Was fehlt

The Times, They Should Be a-Changin'

Ein kluger Mann hat einmal gefordert, dass man zur Vermeidung geistiger Trägheit entweder alle zwei Jahre in eine andere Stadt ziehen oder aber in einer Stadt wohnen muss, die selbstständig um einen herum metamorphosiert. Nun ist Berlin zum Glück eine Stadt, die vorbildlich für die innere Flexibilität ihrer Bewohner sorgt; kaum hat man einen Stadtteil mal ein paar Minuten nicht aufgesucht, ist er schon abgerissen und ein anderer an seiner Stelle aufgebaut. Und doch ertappen wir uns hin und wieder bei veränderungskritischen Gedanken. Musste es zum Beispiel sein, dass am Lenné-Dreieck das Beisheim Center entstand, war es wirklich nötig, das grosse Gebäude mit dem ZWEIFEL abzureissen?

Daraus ersehen wir, dass von staatlicher Seite offenbar noch nicht energisch genug gegen die schädliche Macht der Gewöhnung vorgegangen wird – was wir brauchen, sind mehr Umwälzungen, Veränderungen, vielleicht eine Gesellschaft zur Förderung von Völkerwanderungen. Eine Währungsreform alle drei Jahre wäre schon mal ein Anfang, die gebräuchlichen Masseinheiten könnte man etwa alle fünf bis zehn Jahre von dezimal auf hexadezimal, Fahrenheit und zurück umstellen. Bei fortschreitender geistiger Leichtfüssigkeit der Bürger kann sich der Staat an den synodischen lunaren Tithi-Tagen der Vedischen Zeitrechnung versuchen, die in ihrer Dauer zwischen 19 und 26 Stunden variieren. Durch all diese schönen und wichtigen Neuerungen schwängen sich Forschung und Weltgestaltung zu neuen Höhenflügen auf, die Kommunikation erblühte, und wer weiss, am Ende würde sogar demnächst das Internet erfunden.


22.09.2006 | 14:02 | Anderswo | Fakten und Figuren

Antikrepuskulares


Gemeines Krepuskulum
(Foto: philgarlic / Lizenz)
Dem Deutschen wohlbekannt ist die Krepuskularstrahlung, die er "Wolkenscheinwerfer" nennt, weil sie so ähnlich aussieht, aber genau andersrum funktioniert. Denn während ein Scheinwerfer aus dem Nichts ein starkes Licht erzeugt, nimmt der Wolkenscheinwerfer, so man damit nicht das Gerät zur Messung der Wolkenhöhe, sondern das meteorologische Phänomen meint, ein extrem starkes Licht (das der tiefstehenden Sonne) und lässt es an ein paar Wolken kunstgerecht zerschellen. Man erhält Sonnenlichtreste in Form divergierender Strahlen, die ein bisschen wirken wie Götterdämmerung. Jeder weiss das.

Im deutschen Sprachraum nach menschlichem Ermessen gänzlich unbekannt dagegen ist die seltene und daher ultrainteressante Antikrepuskularstrahlung, für die es weder ein deutsches Bild, noch ein deutsches Wort gibt, aber wozu, das englische ist perfekt. Wort hin oder her, beim Antikrepudingslicht, der Verlängerung des Wolkenscheinwerfers auf die andere, sonnenabgewandte Seite, streben die Lichtstrahlen nicht auseinander, sondern wiedervereinigen sich folgsam und harmonisch, und zwar ganz ohne Sonne. Das wird jetzt natürlich keiner glauben, der nicht auf die beiden Links geklickt hat. Die Strahlen verhalten sich derart perfid, weil der Himmel, diese billige Projektionsfläche, die Form einer Hohlkugelinnenseite hat, letztlich also, weil die Erde rund ist, und sie deshalb irgendwann wieder zusammenkommen müssen. Denn auf einer Kugel kann nichts besonders lange auseinandergehen, so zumindest die Botschaft des Himmels an uns alle, die in Deutschland offenbar keinen interessiert. Besser folget dem Antikrepuskulum, Tiere und Menschen.


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