Riesenmaschine

06.10.2007 | 15:57 | Essen und Essenzielles

Kaffeenamendramen

Als Werbehasi Oliver Frank vor einigen Jahren ein Männermagazin bewerben sollte, schlug er die Headline vor: "Für alle, die nicht wissen, wie ein entcoffeinierter Frappuchino schmeckt." Damals war das mit seinem platten Charme lustig, wenn man sich jedoch wie die Riesenmaschine zur Netzavantgarde der Konsumgüterkomik zählt, darf man sich inzwischen nicht mehr über Namen wie 10% Decaf Kona Blend Vanilla Flavoured Double Shot Tall Latte Macchiato Sugarfree To Go lustig machen, das ist over. Aber nicht nur die Verhöhnungstrends, sondern auch die Benamungstrends im Cafésegment sind weitergezogen: Das Bild zeigt ein Schild der Firma World Coffee. Das deutsche "Karamell" ist ungewohnt neu und angenehm sperrig zu lesen, vor wenigen Jahren hätte es mindestens englisch "caramel" oder spanisch "caramelo" heissen müssen, dazwischen gab es eine franko-maghrebinofine Phase, in der an "quaramelle" kein Weg vorbeigeführt hätte. Was aber möchte uns der Name Wocochino sagen, das hässlichstklingende Kunstwort seit Schewardnadse? Schon nach wenigen Stunden intensiven Starrens auf das Plakat lässt sich dieses uninteressanteste Rätsel der Neuzeit anlösen: World Coffee Cappuchino.


05.10.2007 | 12:22 | Alles wird besser | Sachen kaufen | Effekte und Syndrome

Effective Stimul Drink

Prag, das dritte Amsterdam beziehungsweise das achte Rom (cirka), revolutioniert den Energiegetränkemarkt (ein wenig): Kamikaze, ein flüssiger Drink in Dosendarreichung, besticht durch vier vollkommen verschiedene Vorzüge, die jetzt nacheinander aufgezählt werden: 1. Er ist komplett in tschechisch beschriftet und erschwert damit das Herausfinden der Inhaltsstoffe. 2. Er enthält neben den ubiquitösen Koffein und Guarana noch den Fatburner Synephrine sowie Wirkstoffe aus Hanfsamen und Erd-Burzeldorn (Tribulus terrestris), einem mutmasslichen Potenzmittel und/oder natürlichem Anabolikum, und damit die wirrste Zusatzstoffzusammenstellung seit Jef d'Honts Zaubertrank. 3. Jedoch enthält der Kamikaze-Drink keine Kohlensäure, was zur Folge hat, dass er nicht nur wie gesüsster Tierschweiss riecht, wie alle anderen Energy-Drinks, sondern auch so schmeckt. 4. Das Zeug erhält einen genau bis zu dem Punkt hellwach, an dem man beschliesst, ins Bett zu gehen. Ansonsten hat es allerdings nur Nachteile.


04.10.2007 | 18:07 | Was fehlt | Vermutungen über die Welt

Das Böse kann warten


Verpasst nicht nur den Bus (Foto: Jan Bölsche)
Die Welt ist furchtbar komplex und die Anforderungen an das Leben vielfältig. Wir wären verloren, könnten wir nicht üben. Und wie lernte man besser für das Leben als von Computerspielen? Wie es sich anfühlt etwa, wenn das andere Staatsoberhaupt offenbar das Vertrauen in bilaterale Abkommen verloren hat und beginnt, im Grenzgebiet einen Raketenschutzschild zu errichten – und das völlig zu Recht. Oder wie man beim Drogentransport vom Hafen nach Downtown Miami mit dem Ford Mustang elegant durch die Fensterfront des Strassencafés Biscayne Blvd Ecke Northeast 15th Street rutscht, so über dreieinhalb Sekunden rausholt und die Polizei hilflos fiepend hinter sich lässt. Oder wie, mit der richtigen Schlagtechnik, die unbewaffnete Pandapflegerin Ling Xiaoyu den bescheuert tänzelnden, gepanzerten und besäbelten Ninjaritter in den überaus verdienten Tod prügeln kann.

Was es braucht, um handlungsfähig zu bleiben, ist gutes Training also. Oder eben: ein Mittel zur Reduktion der Komplexität. Luhmann befand, nichts sei zu diesem Behufe besser geeignet als Geduld und Spucke Vertrauen, wenngleich er einräumt, ebendies sei stets eine riskante Vorleistung. Gemeinhin gilt Vertrauen als etwas, das aus guten Erfahrungen in der Vergangenheit und der Hoffnung auf das Gute im Menschen entsteht. Wie aber das Gute mit dem Training verbinden, werden sich die Macher des Taxispiels gefragt haben bevor sie machten. Ihnen gelang so Erbauliches wie Lehrreiches, dass die Schöpfer des Wartespiels vergangen sein müssen vor Neid. Denn wo letztere sich in einem stoisch-nihilistischen Mischwasser suhlen, das nach unvermeidlichem Verpassen stinkt, haben erstere den Sinn hinter das Warten gesetzt.

Pffft, mag mancher sagen, toller Sinn das, wenn eine Fliege angesummt kommt (Warten), obwohl auch Affen aufs Dach aufschlagen und die Heckscheibe herunterpoltern könnten (H drücken). Die so sprechen, vertrauen eben ungenügend, und werden nie das Lächeln sehen, das dem Passagier nach 7 Stunden übers Gesicht huscht, wenn die Klaviatur des Bösen ungespielt bleibt. Wer stets Böses tut, verpasst unterhaltsame Nebensächlichkeiten des Lebens. Für den Einsatz von Nuklearsprengköpfen gilt das übrigens auch. Es sei denn, die anderen haben angefangen.

Bettina Andrae / Jan Bölsche | Dauerhafter Link | Kommentare (6)


04.10.2007 | 10:09 | Vermutungen über die Welt

Ein schöner Tag in einer kleinen Agentur

Es war alles so schwierig geworden in der Welt von heute! Die Mitarbeiter der namenlosen kleinen Agentur rangen die Hände. Wenn es doch nur ein verbindliches Nachschlagewerk gäbe, in dem man einfach nachsehen könnte, ob man nun "zu Hause", "Zuhause", "zuhause" oder "zu hause" schreiben sollte! Einfach irgendwas ausprobieren ging natürlich nicht, das sah man ja an den T-Home-Plakaten "Grenzenlos Zuhause", "Filmreif Zuhause" und "Neugierig Zuhause", die deutschlandweit von Germanisten mit Schmutz beworfen wurden. Das durfte der Familien für Kinder gGmbH auf keinen Fall passieren. Als die Not am grössten war, fasste sich das Mariechen ein Herz. Es war Praktikantin, und es sagte mutig: "Wir könnten alles gross schreiben, dann merkt man schon mal nicht, wie schwer das mit der Gross- und Kleinschreibung ist. Und dann lassen wir so eine ganz kleine Lücke zwischen 'zu' und 'Hause', und wenn sich dann jemand beschwert, dann sagen wir einfach 'Ist doch zusammen!' oder 'Ist doch auseinander!'. Also, das ist jetzt nur meine Meinung ..." Dann verstummte das schüchterne Mariechen wieder. Hei, war das ein Jubel in der kleinen Agentur!

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Ein schöner Tag bei der ARD


03.10.2007 | 19:08 | Anderswo | Zeichen und Wunder | Papierrascheln

Peter Pillers lange Tage bei der Carat Hamburg GmbH & Co


diffus wahrnehmbare Aufbruchstimmung – 2/05
..., er sieht auch nicht gut aus in letzter Zeit, früher hat er eher mal noch einen Witz gemacht, aber man muss sich das auch mal vorstellen, die ganze Verantwortung für 9 Angestellte, das nimmt man ja mit nach Hause, sowas, er müsste einfach mal wieder raus ...

Eine solche Litanei neben eine schnelle Zeichnung vom Chef notiert, trägt den schönen Titel: "Der Chef von unten". Gezeichnet ist es auf Briefpapier der Firma "Carat Hamburg GmbH & Co.", wo Peter Piller jahrelang und offensichtlich eher widerwillig arbeitete, um sein Leben und seine Kunst zu finanzieren. Das war lange vor der Erfindung der Digitalen Bohème und heute kann Piller denn auch von der Kunst und der Professur an der HGB Leipzig leben. Es ist ihm zu gönnen, denn selten ist Kunst vergnüglicher als bei Ausstellungen von Photographien aus dem Archiv Peter Piller.

Wir danken Piller aber trotzdem für die Zeit, die er bei der Carat Hamburg GmbH & Co körperlich anwesend war, denn schöner und präziser als in den dort entstandenen Zeichnungen wurde der trübe Wahnsinn des modernen Büroalltags nie dargestellt. Skizzen und Notizen wechseln sich ab oder ergänzen sich und die Titel – oft ebenso wichtig wie die Zeichnung selbst – geben Auskunft über den Verbleib von Pillers Geist.

Piller röntgt "Die Kammer, in der das Klopapier gelagert wird" vom Schreibtischplatz aus, rekonstruiert eine Excel-Tabelle vom Monitor aufs Briefpapier, skizziert den an den Monitor gelehnten Teddy der Kollegin und richtet den Blick bisweilen auch aufs grosse Ganze. "Wessen Kapital lenkt uns bloss? Und wohin?" steht unter der Skizze einer typischen Bürotasse – und man leidet mit beim Versuch Pillers, sich zwischenmenschlich über Wasser zu halten: "Im Gegenüber den feinsinnigen Privatmenschen vermuten".

"Herr Piller gibt sich Mühe, damit es ein weiteres Jahr keinen Ärger mit ihm gibt", gemalt in dicker Blockschrift und von Piller selbst unterschrieben, macht, dass man Piller nachträglich trösten möchte – wenn man mit Lachen fertig ist. Und dann wendet man sich der Zeichnung eines knienden, durchsichtigen Mannes zu, dem rektal ein spitziges schwarzes Etwas durch den ganzen Körper bis in den Kopf getrieben ist. "Darmspiegelung – armer Kollege. Gibt einen Tag frei."

Wir empfehlen dringend einen baldigen Ausflug ins Kunsthaus Glarus wo das Konvolut "Bürozeichnungen" neben den bekannteren Photoarbeiten Pillers zu sehen ist. Und wer jetzt meint, Glarus sei ja nicht grad ums Eck, dem halten wir entgegen, dass man die vollständige Staffel von "The Office" ja auch nicht in zwei Stunden weggucken konnte.

Peter Piller – Ästhetik und Langeweile, noch bis zum 18. November im Kunsthaus Glarus. Bei Christoph Keller Editions, JRP/Ringier, Zürich ist ausserdem die Publikation "Teilzeitkraft" mit den Bürozeichnungen erschienen.


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"District 9", Neill Blomkamp (2009)

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