Riesenmaschine

17.08.2006 | 17:07 | Anderswo | Supertiere

Ungeziefer, beinahe endgültig ausgerottet


Ganz anderes Tier,
merkt ja doch keiner
und es musste schnell gehen
(Foto: 南宮博士 / Lizenz)
Als Käfer hat man es nicht leicht. Entweder man würgt sich unter Verpestung der Umwelt steile Hügel hoch, läuft und läuft und läuft, wird am Ende – von ein paar Unverbesserlichen abgesehen – doch verschrottet und muss mit dem ewigen Makel leben, Adolf Hitler zum geistigen Vater gehabt zu haben. Oder man stirbt aus, einsam und verlassen in einer slowenischen Höhle, mit der kalten Schulter der Welt im Blickfeld, allein weil der eigene Taufpate anno 1933 unglücklicherweise ein Nazi war.

Letzteres Schicksal, das Schicksal des Anophthalmus hitleri, wird die Welt ab sofort zu Tränen rühren. Wie nämlich die National Geographic Deutschland in ihrer Septemberausgabe zu berichten weiss, steht der sowohl braune als auch blinde Hitler-Käfer vor der Ausrottung, wovon aber weder Wissenschaft noch Umweltschutzaktivisten Kenntnis nehmen – des Namens wegen. Man kann es verstehen: Die eigenen 15 Minuten Ruhm mag man nun wirklich ungern in Gesellschaft eines kleinen Höhlengetier fressenden Käfers namens Hitler verbringen.

Allein unter Neonazis erfreut sich der Käfer grosser Beliebtheit. Doch was hilft's? Selbst braun und blind, werden diese kaum den endgültigen Tod des Anophthalmus hitleri zu verhindern wissen, auch wenn er unter ihresgleichen mittlerweile ein begehrtes Sammlerstück darstellt. Und während man Sorgfalt bei der Namenswahl nicht oft genug anmahnen kann, wird offenbar: Der Käfertod, auch er ist ein Meister aus Deutschland.


20.06.2006 | 02:50 | Alles wird besser | Alles wird schlechter | Sachen kaufen

Die Toilettentiefseetaucher


Unterwasser, Marsch

Roller, blöder
Wenn ein Produkt zu nichts, aber auch gar nichts nütze ist oder von einer solch abgrundtiefen Hässlichkeit, dass keine, wirklich aber auch keine Minderheit dieser Welt wenigstens eine Hassliebe entwickelt, dann versteigt sich ganz bestimmt jemand zu der Aussage, "die Zeit sei noch nicht reif gewesen". Wie und wo diese Zeit reifen soll, woran man merkt, dass sie reif bzw. irgendwann überreif und dann faul ist, sind Fragen, deren Antworten bis auf weiteres ausstehen. Und nie, nie, nie liegt der Misserfolg statt an der Zeit einfach daran, dass die Erfindung unsinnig, unansehnlich oder unnötig ist.

Eine dieser Erfindungen, die dennoch aus dem Strassenbild verschwand, war der City Cruiser C1 von BMW, eine überdachte, mobile Behindertentoilette für vormalige Kickboardfahrer. Nicht ganz verschwunden, wie man nun erfahren muss, denn dem Gefährt ist offenbar eine submarine Wiedergeburt unter dem Namen ScubaDoo vergönnt. Wenig überraschend, immerhin ist in den dunklen Tiefen des Meeres die Hässlichkeit kaum noch von Bedeutung. Dass der ScubaDoo immer noch von senioresker Missgestalt ist, fällt auch angesichts der hervorragenden Features, einer sinnigen Mischung aus historischem Tauchhelm und Eiserner Lunge, kaum ins Gewicht.

Die Zielgruppe des ScubaDoo dürfte sowieso eher unter den kaufkräftigen, agilen Alten zu finden sein. Warum den senilen wie aktiven Herrschaften aber nicht gleich ein echtes Luxus-U-Boot angedreht werden soll bleibt unverständlich. Immerhin gibt es die preiswerte Volksausgabe schon für nur 1,5 Millionen. Aber dererlei kleingeistige Einwände haben ja schon den C1 dem Scheitern Preis gegeben – und sollen an diesem zukunftsfreudigen Ort daher keinen Platz bekommen. Vielleicht ist ja alles nur eine Frage der Zeit und bald, sehr bald, wird man die Augen öffnen und merken: Die Zeit ist reif. Der C1 ist ein hervorragendes Vehikel. Und der ScubaDoo eine ganz wundervolle mobile Unterwasserbehindertentoilette.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Rolling Stones


13.06.2006 | 01:27 | Alles wird besser | Sachen kaufen | Papierrascheln

Mach 10

Mit einem entsprechend lautenden Sprichwort kann man jeden Krimskram rechtfertigen und man kann lange debattieren, ob man in diesem, aktuellen Falle (siehe Bild) lieber das alte rumänische Sprichwort "Alte Wecker wecken besser" oder das pragmatische deutsche "Viel hilft viel" bemühen mag.

Ganz einerlei, der Gewinn, den diese Welt durch die zehnklingige Schere einstreichen darf, spielt selbstredend in einer ganz anderen Liga als Rasierer mit fünf Klingen und Geschirrspülmittel mit fünf Phasen. Nicht nur, aber ganz sicher auch, weil zehn eben ganz locker ungefähr das Doppelte von fünf ist.

Die japanische Firma Tokuseti, Erfinderin und Verkäuferin der zehnklingigen Schere, hat jedenfalls ganz genau hingeschaut, in unserem Alltag und bei unseren Bedürfnissen. Endlich kann nicht nur Helmut Kohl Akten vernichten, und endlich bleiben Bastelarbeiten nicht den Haltern feingliedriger Hände vorbehalten. Und mitnehmen kann man das Ding auch total einfach. Fehlt zum grossen Glück rumänischer Wecker nur noch das passende Sprichwort.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Wer hat das Rädchen erfunden?


16.05.2006 | 10:31 | Gekaufte bezahlte Anzeige

Die tollkühnen Männer in ihren mit regenerativem Kraftstoff befüllten Kisten


Ein Auto fährt über eine sandige Strasse.
Wer angesichts der Schönheit Mittelamerikas nur das Gaspedal, den Kraftstoff und den Strassenverlauf im Sinn hat, ist entweder nicht ganz dicht oder hat höhere Ziele. Auf Matthias Jeschke, Kfz-Mechaniker und Limburger Veranstalter von Offroadreisen, trifft eindeutig beides zu. Gemeinsam mit Kompagnon Jörg Sand, einem Kamerateam und weiteren sieben Fahrern aus Deutschland, Belgien und den USA brettert Jeschke in diesen Tagen die gleichzeitig längste und klimatisch abwechslungsreichste Strecke der Welt, die Panamericana von Alaska bis
Guatemalteken, Jeschke, Augenringe
Feuerland, runter um a) den Weltrekord von knapp 15 Tagen Fahrtzeit zu unterbieten, b) zu beweisen, dass Biodiesel den Anforderungen stand hält, c) um neuartige Autoreifen an, nicht aber über ihre Grenzen zu bringen, d) den durchrasten Ländern touristische Aufmerksamkeit zu verschaffen und e) um den zum Teil armen Kindern der Panamericana zu helfen. 25.000 Kilometer Fahrt, 14 Länder, 11.000 Liter Treibstoff, 5-Stunden-Schichten am Steuer, geschlafen wird im Kofferraum.
An Ehrgeiz nur knapp unterhalb der Hybris fehlt es dem Jeschke-Team ganz offenbar nicht. Was davon aber angesichts eines grosszügigen Verständnisses vom "Bio" im Diesel und Motorsportattitüde im Schwellenland tatsächlich bleibt, wird erst nach dem Zieleinlauf einzuschätzen sein. Aber ach, man will's ja auch nicht immer kaputt reden.

(Der Artikel ist blau markiert und gilt als gekauft, weil der Autor von Goodyear nach Mittelamerika eingeladen wurde.)


29.04.2006 | 09:58 | Anderswo | Alles wird besser | Sachen kaufen

Rolling Stones


Querfeldeinschnittlähmung
Schon der Mensch an sich ist eine recht mangelhafte Konstruktion. Doch inmitten der Gattung gibt es Menschen, die noch mehr als andere durch ihre speziellen Mängel und Bürden fremdbestimmt waren.
Die Zeiten, in denen Alter und Behinderung ein Stigma waren, sie scheinen nun wie weggewischt. Ein unglaublich naheliegende Erfindung wird den Alltag Gehbehinderter in naher Zukunft dermassen aufmöbeln, dass es kaum abzusehen ist. Einfach Ketten statt Räder an einen Rollstuhl schrauben und schon geht sie los, die neue Zeit. Während betagte, ältere Damen, von Gendefekten und artverwandten Bugs Geplagte sowie Opfer von Unfällen bislang stets auf Hilfe angewiesen und in ihrem Aktionsradius massiv eingeschränkt waren, steht nun eine Zukunft ins Haus, bei der man beim winterlichen Spaziergang durchs verschneite Dickicht euphorisierten Rollstuhlfahrern ausweichen müssen wird. Oder unsanft auf der Treppe von hinten überrollt wird. Einigermassen absehbar, dass bei all der entstehenden Begeisterung der ein oder andere Gehbehinderte die Fähigkeiten des neuen Geräts überschätzen wird. Wer aber zerrt dann den gestrauchelten Panzerstuhl samt Fahrer aus den gefährlichen Schneemassen? Es ist ein Kreuz. Die Mängel, sie vernichten die Träume des Menschen ein ums andere Mal.


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