Riesenmaschine

13.09.2005 | 15:29 | Alles wird besser

Klingeltöne für Erwachsene

Sich über Handyklingeltöne oder Handyklingeltonwerbung zu mokieren, ist mittlerweile so avantgardistisch wie die CDU scheisse zu finden oder zu Flugzeug Flieger zu sagen. Daraus folgt, logisch, Handyklingeltöne runterladen is the new Handyklingeltöne verachten. Also schnell einen Trend aus dem Antitrend gemacht und die Seite mit den wahrscheinlich uncoolsten – und natürlich gerade deshalb so entzückenden – Klingeltönen dieser Welt angeklickt: Auf der Website der Deutschen Wildtierstiftung findet der geneigte Mittdreissiger Klingeltöne von nahezu manufactischer Qualität: zartes Grillengezirp (perfekt für die Weckfunktion), charmantes Spechtgeschrei und kerniges Rotwildgeröhr. Parallel dazu kann man schon einmal Familienplanung üben und einen Spechtbaum als Patenkind erwerben.


22.08.2005 | 17:02 | Alles wird besser | Essen und Essenzielles

Europa, Deine Würste I

Zwar war dieser Sommer grillwettertechnisch gesehen ein glatter Reinfall. Vom Grillgut her war er aber eine reine Freude, war es doch zum ersten Mal möglich, die Wurst "Torfstecher" der Firma Meica, die sich sonst durch eher durchschnittliche Wurstwaren bemerkbar machte, auf einen von Holzkohle gespeisten Grill zu packen.
Torfstecher Würste sehen ziemlich hässlich aus, das muss man zugeben. Da kann selbst die ausgefallenste Salatvariation nichts mehr reissen. Die von der Oberflächenstruktur an Spanplatten gemahnenden, angenehm schwer in der Hand liegenden Hackquader entfalten tatsächlich erst im Mund, aber dann hach, eine derart betörende Wirkung, die alles, was vorher den Sehsinn beleidigt hat, vergessen macht. Und dabei sei es egal, ob da Chemie oder Glutamat der Auslöser ist, denn unsere Sommer sind ja seit letztem Jahr so kurz, dass es selbst bei täglichem Torfstecher-Grillen unmöglich ist, sich damit zu vergiften.
Die wurstuntypische Form bietet demjenigen, der am Grill stehen muss, einen entscheidenden Vorteil, denn erstmals ist es möglich, eine Wurst von allen vier Seiten zu braten, was für Lob und Anerkennung bei den Esserinnen und Essern sorgt (Wobei findige Leser jetzt sicherlich diskutieren, ob die Urwurst, wie wir sie kennen, überhaupt vier Seiten hat. Ja. Hat sie: neben oben und unten gibt es nämlich auch noch Kurve lang und Kurve kurz.)
Es gilt, den kleinen leckeren Freund länger auf dem Grill zu lassen, als man denkt, denn erst, wenn sein Äusseres dem von leicht verbranntem Laugengebäck ähnelt, ist er reif, auch noch die kritischste Geschmackspapille und den zögerlichsten Knosp zu überzeugen.
Auch peripher bietet die mutige Innovation im Wurstmarkt nur Fun, Fun, Fun: sie kann nicht vom Teller rollen, und es ist immer für einen Lacher gut – gerade bei Leuten, die man nicht so gut kennt und bei denen man sich selbst zum Grillen eingeladen hat –, ihren Namen mit vollem Mund norddeutsch auszusprechen und beim "St" über den spitzen Stein zu stolpern. Wenn es also einen Wurstgott gibt, dann sei der Torfstecher sein Sohn.


19.08.2005 | 16:18 | Alles wird schlechter

Was ist da los, Frankreich?

Der Stolz Frankreichs, die Haute Couture, ist am Ableben, und so bleibt die Frage offen: Wohin denn nun mit der kreativen Energie unserer lieben Nachbarn? In die Musik? Nicht anhörbar. In die Küche? Nicht nachkochbar (Bocuse; Frosch). In die Pantomime? Nicht zumutbar (Marcel; Marceau).
Ins Verpackungsdesign? C'est ça! Für uns restlichen Alteuropäer heißt das: seit knapp einem Jahr finden wir im Kühlregal einen Sahneverschnitt aus Pflanzenöl und Milch, der Rama Cremefine heißt und aussieht wie, ja, wie eigentlich? Katzenmilch von Whiskas? Wie die mit einer Schicht aus Jahre altem Nikotin und Staub benetzten Kegel der Bundeskegelbahn eines chinesischen Restaurants? Vielleicht auch wie die Keulen mittelloser Kleinkünstler in Fußgängerzonen, wir wissen es nicht. Wir wissen nur: da ist viel Lila auf dem Ding. Nun gibt es für die Nahrungsmittelaufnahme und -industrie Regeln. Eine lautet, dass Lila schwer sahelzonisierend auf Mundhöhlen wirkt. Der französische Verpackungskriminelle aber denkt sich: Regeln sind zum Brechen da. Genau, zum Brechen.


17.08.2005 | 16:44 | Anderswo

Von den Machern von "Die Pest": "Die Cholera".

Die alte Hanse Hamburg hat etwas sehr Sympathisches mit Berlin gemeinsam: sie hat kein Disneyland. Einige Versuche strandeten in Form von Heide-, Hansa- und Eselpark weit vor den Toren der Stadt. Der Engländer jedoch war es, der vor einigen Jahren me not, you not, das Grusel- Erlebnis-Kabinett Hamburg Dungeon in die City flanschte. C-Klasse-Schauspieler dürfen hier den großen Brand, die Pest, Zeter und Mordio nachspielen, im Dunkeln und mit viel Plastilin am Kopf. Menschen mit doofen Kindern dürfen sich das anschauen und es – vermutlich – scheiße finden. Wie einem großen Plakat am Baumwall zu entnehmen ist, wartet der "live Gruselschocker" nun mit einer neuen Attraktion auf: "Hamburg Dungeon. Neu: die Cholera TM von 1892." Die Cholera als Trademark. Ich bin gespannt aufs Merchandising: Knuddelabwasser, Plüschgedärm und Durchfall zum Anziehen.


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"Mr. Magoriums Wunderladen", Zach Helm (2007)

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