Riesenmaschine

20.02.2007 | 01:29 | Essen und Essenzielles

Milch und Bier rat ich dir


(Foto: Interllectual/Lizenz)
Ein nichthegelianischer, vielmehr knowledgeesoterischer Weltgeist ist dafür verantwortlich, dass Dinge, die zum Beispiel in Japan erfunden werden, mit hoher Wahrscheinlichkeit, aber ohne physische Verbindung, an anderen Orten auf der Welt nur wenig später auch entdeckt werden. So bezeichnen sich bis heute viele verschiedene Nationen als Erfinderland des Telefons, so etwa Kanada (Alexander G. Bell), Frankreich (Charles Bourseul), Italien (Antonio Meucci) und Deutschland (Dieter Telefon). Wenn dieser Weltgeist in Form von morphogenetischen Feldern auf moderne Nachrichtenverarbeitung trifft, dann entstehen multipel von sich selbst abgeschriebene Meldungen, die sich zur selbstbestätigten News-Woge verstärken.

So geschehen bei der Nachricht, unter anderem entdeckt bei Slashfood, in Japan würde Herr Chitoshi Nakahara Milch mit Bier mischen mit dem Ergebnis Bilk. Selbst Kathrin Passig – die der Meinung ist, dass der schleichenden Krankheit Kulturpessimismus vorgebeugt werden solle, indem man häufiger Eierlikör mit Cola oder ähnliche Getränke, deren hervorstechende Eigenschaft ihre Neuheit ist, zu sich nehme – würde hier vermutlich die Lippen runzeln. Das ist wohl auch der Grund, weshalb viele, viele Menschen die Bilkgeschichte übernommen haben, inklusive vieler bunter Seiten in Zeitungen – und niemand erwähnt, dass es Milchbier in leicht abgewandelter Form seit 1875 gibt. Da waren die morphogenetischen Felder aber auch noch nicht erfunden.


14.02.2007 | 03:31 | Alles wird besser

Die Religion der Musik


(Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
Die Art, seine täglich Musik zusammenzustellen, ist die neue Religion und sie ist besser als die alten. Last.fm-Gläubige sind Buddhisten, die ihr Innerstes auch anderen zugänglich machen wollen. Pandora-Anhänger sind Atheisten, die Zahlen und Wissenschaft mehr vertrauen als dem Glauben an ein höheres, verbindendes Musikwesen. iTunes-Nutzer sind leicht rückschrittlich, weil sie nur bekannte Musik hören können, dafür lässt sich iTunes fast beliebig feinjustieren, wie man es gerade braucht; Christen also. Anhänger physischer Musikträger leben gefühlt im Jahr 1428, sind also Muslime. Schliesslich gibt es auch AOL-Radio, das aus technischen Gründen häufiger in der Presse ist, als es die Anzahl der Anhänger vermuten lassen würde.

Und nun gibt es eine neue neue Religion. Sie heisst Musicovery und funktioniert nur noch mit Stimmungen und Musikrichtungen. Ihre Stärke ist, dass die Feinjustierung der gespielten, neuen Musik nicht über tumbes Ja-Nein-Geschreie funktioniert, sondern über die selbst eingestellten Stimmungen, parallel dazu die äusserst notwendige Baujahreingrenzung, was soll man mit Musik aus den 90er Jahren? Da nimmt man gern in Kauf, dass eine LowFi-Version kostenlos ist und die HiFi-Version wenige Dollar im Monat kostet. Dafür ist auch alles schön bunt und noch webzweinuller als in den kühnsten Träumen jedes Venture-Capital-Vogels. Der allerbeste Vorteil ist jedoch, dass man, wie im Steuerfeld nebenan zu sehen, Reggae einfach ausschalten kann.


13.02.2007 | 11:06 | Anderswo | Zeichen und Wunder

Eingeschränktes eingeschränktes Halteverbot


Dieses Bild ist von Luzie, die im Übrigen auch hervorragende Torten macht (Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
Berlin – eine famose Stadt, die es als eine der wenigen versteht, ihrem eigenen Klischee hinterherzuperformen und damit die Gefühlsamplituden der Menschen auszuloten, obwohl man ihr aus Zweckgründen verbunden sein muss. Wäre Berlin Web 2.0, es hätte vier Millionen Xing-Kontakte, aber maximal anderthalb Millionen Myspace-Freunde. Deshalb ist es wichtig, Berlin nur mit Gebrauchsanweisung zu betreten, so aufgeschmissen ist man ohne KnowHow und KnowWhom sonst nur noch in der kanadisch-tschechischen Wildnis. Das weiss auch die Administration, deshalb gräbt sich tief ins Gedächtnis jedes Berliner Oberstufenschülers die im Sozialkundeunterricht gelernte Ansage, was man zu tun habe, wenn es in der U-Bahn zu Aneinandergerätlichkeiten kommt. Man ruft nicht "Hilfe, Hilfe", sondern spricht die Mitfahrenden gezielt an, nach der Art: "Sie mit dem albernen Haarschnitt und dem Schnurrbart, helfen Sie mir, ich werde überfallen!" Die direkte Ansprache weckt das Verantwortungsgefühl und erhöht die Chance auf kooperatives Verhalten dramatisch.

Dieser Mechanismus wird in Neckarsulm nun einer interessanten Gegenprobe unterzogen. Wie an dieser Stelle nachzusehen, gibt es dort das nebenstehende Verkehrsschild, das sich weder nach Berliner Methode an explizite Einzelne noch nach gehabter Verkehrskommunikation an alle richtet, sondern an alle ausser explizite Einzelne, in diesem Fall Brautpaare. Die spieltheoretische Annäherung sagt, dass dort mehr Menschen häufiger heiraten werden, um seltener falsch zu parken, sehr wahrscheinlich kann so per Verkehrsschild der Rückgang der Geburtenrate bekämpft werden; entgegen der verbreiteten Ansicht wird die Welt besser durch mehr Schilder (mit Ausnahmen).

Dieser Beitrag ist ein Update zu "Präzision und Alltag" und "Verkehrssicherheit muss lustiger werden".


11.02.2007 | 17:24 | Alles wird besser | Listen

Mein Kunde Harvey


Privater Mailverkehr anderer Leute. (Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
Aus der deutschen Ferne konnte und kann man kaum die Spektakularität und die weltwirtschaftliche Gefahr der Enron-Pleite begreifen. Dabei ging es weniger um die Veruntreuung von Milliarden Dollar aus den Rentenkassen, als vielmehr um die kunstvolle Art der Luftgeschäfte; man könnte von der dritten Ableitung des Luftgeschäfts mit sich selbst sprechen: Noch nicht existierende Waren wurden in Warentermingeschäften zu selbst eingeschätzten Preisen verkauft und dann sofort als Einnahmen verbucht (was von den Käufern nur deshalb akzeptiert wurde, weil sie nicht existierten, sondern im Geheimen selbstgegründete Offshore-Firmen waren), womit wiederum Bankkredite abgesichert wurden. Die hervorragende, unterhaltsame Dokumentation "Enron: The smartest guys in the Room" zeigt, wie Enron drohte, das amerikanische Finanzsystem zum Kollaps zu bringen.

Man kann sich diesem Fall aber auch unendlich viel detaillierter nähern, denn im Zuge der Untersuchungen veröffentlichte die US Federal Energy Regulatory Commission alle internen Mails der Führungsebene von Enron von 1999 bis 2002. Die klugen Werbeverantwortlichen der Firma Trampoline Systems luden alle 200.000 Mails herunter und speisten sie in ihr famoses Visualisierungs- Archiv- und Suchsystem. Dort liegen sie nun und können nach Stichwörtern, Urhebern und Herzenslust durchsucht werden. So kann Werbung also auch funktionieren.


06.02.2007 | 15:11 | Nachtleuchtendes | Zeichen und Wunder

Snowfakes


Schneeflocken: Kennste eine, kennste zwei
Foto:michgm/Lizenz
Es gibt keine zwei gleichen Schneeflocken, so erzählten uns die Eltern und nun ist klar, dass sie logen. Wie so oft. Das mit dem Weihnachtsmann glaubten von Anfang an eh nur die dummen Kinder. Dann aber der Milchzahn, der sich unter dem Kopfkissen von allein in zwei Groschen verwandeln sollte: billige Erfindung. Dass es regnet, wenn man nicht aufisst: dreiste Lüge. Dass die Augen so bleiben, wenn man sich beim Schielen erschrickt: ausgedacht. Dass Geschwister nur kommen, wenn sich Mami und Papi ganz, ganz lieb haben: unzutreffend. Blumen, Bienen, Störche, der Mann im Mond, Rentensicherheit, gesunder Spinat, eine ganze Kindergeneration wurde in Lug und Trug mit gespaltener Zunge erzogen; ein guter Teil wurde aus schierem Frust, weil es nichts Allgemeingültiges zu geben schien, zu Protestwissenschaftlern. Und doch war die letzte Lüge, die wir zu glauben bereit waren, die, dass es keine zwei gleichen Schneeflocken gäbe, "so wie es auch dich nur ein einziges Mal auf der Welt gibt, liebes Kind". Bis heute. Eigentlich war es klar. Enttäuscht seht ihr uns trotzdem.


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