Riesenmaschine

23.09.2007 | 15:44 | Alles wird besser | Essen und Essenzielles

Neuer Saft aus alten Früchten

Wenn der Mensch sich nicht ständig neuen Reizen aussetzt, wird er binnen zwei Wochen 70 Jahre alt und stirbt an Unterdruss. Irgendeine unserer archaischen Hirnregionen, die mit zunehmender Nähe zum Tod schwächer wird, zwingt uns dabei, regelmässig Neues in den Mund zu stecken. Das kann auch sehr leicht schief gehen, deshalb hat die Natur das Halbneue extra für uns entwickelt; Dinge, die einen bekannten Bezug haben, aber alle begeisternde Famosität des Neuen in sich tragen. Ein solches Beispiel in klinischer Reinform ist der Caju-Saft. "Ja, ein Saft von einer hier unbekannten Frucht halt, so what", so schallt es aus den Mündern der BTDT-Fraktion.

Doch die Frucht ist zwar in Deutschland kaum bekannt, dafür ihre Kerne um so mehr, denn es handelt sich um Cashew-Kerne. Noch viel wunderbarer ist, dass die Frucht sich um althergebrachtes Regularium nicht schert, sondern ihren Kern an der Oberfläche wachsen lässt – eine in der Natur seltene und vorbildliche Benutzerfreundlichkeit, wenn man bedenkt, wie lästig etwa die Mango um ihren Kern herum festgewachsen ist, und die Kokosnuss ist jetzt mal lieber still. Der Saft also aus der Frucht unter den Cashew-Kernen, in Deutschland noch nicht so einfach zu kaufen, ist das nächste flüssige Ding zum In-den-Mund-Stecken. Die Frucht heisst übrigens Cajuapfel, was sich anhört wie Casual Apfel und besser kann eine Frucht kaum heissen, man könnte sich regelrecht in eine Fruchtbegeisterung hineinsteigern, so überaus fantastisch ist das alles, so grossartig halbneu. Der Saft selbst schmeckt übrigens so mittel, aber immerhin sehr neu.


11.09.2007 | 09:46 | Supertiere | Zeichen und Wunder

Wabi Sabi Spinne Auto


Mit etwas gutem Willen ist das Spinnennetz durchaus zu erkennen, jede Unterstellung, ich würde ein verkapptes Selbstportrait in die Riesenmaschine einschleusen wollen, muss also als an den Haaren herbeigezogen betrachtet werden.
Weshalb mein Automobil, ein goldener Mercedes 230 CE, '89er Baujahr, natürlich Automatik, alles andere ist scheinbeschäftigtes Gepose, fast ein Jahr herumstand, kann man hier nachhören. In dieser Zeit fand es neue Liebhaber, und jetzt, da ich wieder mit dem Auto herumfahre, teilen wir es uns zu dritt: zwei unsichtbare Spinnen wohnen jeweils in den Seitenspiegeln. Mittags, wenn ich zum Auto gehe, um zum Arbeiten in ein Café zu fahren, haben die Spinnen rechts und links Netze gesponnen, die vom Rückspiegel bis an den Türkorpus, manchmal sogar bis an die nicht vorhandene B-Säule reichen.

Es zeigt sich, dass Tier, Ding und Mensch eine nennen wir es Symtriose eingehen können, die zu dreierseitigem Nutzen ist. Das Tier profitiert technisch, weil die Netze im Fahrtwind nur in der Hälfte der Fälle kaputt gehen. Ansonsten werden in zehn Minuten Fahrt mehr Luft und Insektengetier durch das Netz getrieben als in hundert Jahren Windgetöse. Das Ding hingegen profitiert ästhetisch, weil es sein durch vieltausendeuroteure Reparaturen ramponiertes Image aufbessern und sein über die Jahre durchaus klobiger scheinendes Äusseres mit filigranen fliegenden Bauten aufpeppen kann. Der Mensch zum Schluss profitiert feinstofflich, weil er mit dem Spinnennetz der verborgenen Spinne am Rückspiegel endlich das Konzept Wabi Sabi versteht und fortan Gelassenheit und Frohsinn seine Lippen umspielen, wenn er im Strassenverkehr zum Fluche ansetzt.


06.09.2007 | 16:52 | Fakten und Figuren | Listen

Blutspendeprobleme

Was wohl haben Huren, Häftlinge, Heroinabhängige, Homosexuelle, Herzkranke und HIV-Infizierte gemeinsam mit Stillenden und Personen, die in den 80er und 90er Jahren länger in Grossbritannien waren? Sie alle dürfen kein Blut spenden. So steht es im Transfusionsgesetz, bzw. in der dazugehörigen Richtlinie der Bundesärztekammer. Wo aber bleibt in dieser Risikogruppenauflistung etwa der Deutsche schwarzafrikanischer Herkunft, so fragt sich der moderne statistisch inspirierte Teilzeit-Rassist. Schliesslich gibt es dort Gegenden, wo ein Gutteil der Erwachsenen und Kinder HIV-infiziert sind. Warum ist hier der Weg, der mit Schwulenausgrenzung so vorbildhaft rückwärtsgewandt begonnen wurde, nicht bis zu Ende gegangen worden?

In demjenigen Bereich hingegen, wo Werbung und Marktwirtschaft die Spendenblutqualität gefährden, hat der Gesetzgeber ausreichend vorgesorgt: Blutspende-Einrichtungen dürfen nicht öffentlich kommunizieren, dass eine Aufwandsentschädigung für die Spende gezahlt werden kann und wie hoch sie ist – man möchte damit geldgierige Blutsaugerspender fernhalten. Die Berliner Charité hat augenzwinkernd fuchsartig darauf reagiert, indem auf dem öffentlichen Aufsteller explizit die Rede davon ist, wovon nicht die Rede sein darf, der Entschädigung nämlich. Wer jetzt nicht checkt, dass es hier Geld gegen Blut gibt und schnell spenden geht, muss ziemlich doof sein. Oder schwul.


03.09.2007 | 16:13 | Alles wird besser | Zeichen und Wunder

Die Personalisierung in ihrem Lauf

Konsum ist ein störrischer Vogel ohne Sinn und Verstand. Er verbringt den Tag bald hierhin, bald dorthin tänzelnd und mag nicht einsehen, dass Döner für 99 Cent eigentlich nur mit Gammelfleisch, Pestizidsalat und Schwarzarbeit zu bezahlen ist. Wenn überhaupt. Immer wieder bekommt er massiv auf die Fresse, Kollege Konsum, aber lernt er daraus? Nein. Wie aber dem Konsum begreiflich machen, dass Qualität rult und nicht allein der Preis? Der Königsausweg scheint, ihn bei der Eitelkeit zu packen und ihm zu bedeuten: "Schau, dieses Produkt, es ist extra für Dich und nur für Dich hergestellt, nun konsumiere es halt". Auch der schlichtgestrickte Konsum sieht ein, dass personalisierte Ware einen Mehrwert darstellt und also gut und zukunftsgewandt ist. Die Filmempfehlungsmaschine Moviepilot.de, der ich in Freundschaft verbunden bin, hat sich das zu Herzen genommen und für den am Donnerstag startenden Film "Die Bourne Ultimatum" personalisierte Trailer ausgedacht (auf "jetzt testen" klicken). Die Maschine rechnet nach ein paar Filmbewertungen aus, wie gut man den Film finden wird und spielt einem einen begeisterten Trailer vor, wenn man vom Film mutmasslich begeistert sein wird, einen beschissenen Trailer, wenn man den Film beschissen finden wird und einen so mittleren Trailer, wenn man den Film so mittel finden wird. Das mag noch nicht der Personalisierung letzter Schluss sein, aber man nähert sich an.


02.09.2007 | 13:42 | Berlin | Essen und Essenzielles

Gräserne Bienen

Schon auf den ersten 30 Googletreffern wird von sich für kundig haltenden Quellen Berlin unter anderem bezeichnet als Hauptstadt der Syphilis, Hauptstadt der Tierversuche, Hauptstadt der Hunde, Hauptstadt der Rheumatologie, Hauptstadt der Minifanten, Hauptstadt der Intoleranz, Hauptstadt der Superlative, Hauptstadt der Unterschicht, Hauptstadt der Diven sowie Hauptstadt der Revolte von 68. Vollkommen unterschätzt wird Berlin jedoch als Hauptstadt des Grases ("meinten Sie: Berlin, Hauptstadt des Glases?"). Dabei ist die Beziehung zwischen Gras und Berlin eine vielschichtig ergiebige.

Ins Gras beissen etwa ist in Berlin nicht nur preislich günstiger als anderswo, sondern auch in diesem wunderschönen Mortalitätsatlas für Berlin für jeden Bezirk einzeln nach Todesursachen nachzuvollziehen; in Neukölln sind im Jahr 2000 zum Beispiel 39 Männer durch die Einnahme psychotroper Substanzen gestorben. Aber auch beim Gras rauchen ist Berlin das Mass aller deutschen Dinge: über 30% Prozent der Jugendlichen haben schonmal gekifft; in Berlin darf man bis zu zehn Gramm Gras straffrei mit sich führen, in anderen Bundesländern wird bei dieser Menge über die Wiedereinführung der Todesstrafe nachgedacht.

Gras beissen und Gras atmen, gut und schön, was aber ist mit Gras trinken? Auch diese Lücke ist nun geschlossen, seit einiger Zeit bieten zwei Läden mit dem Namen "Grashopper Berlin" Grassaft an, Weizengrassaft nämlich. Er schmeckt, gemischt mit Apfelsaft, gar nicht so fürchterlich wie man glaubt, wenn man sich an den Geschmack von Gras erinnert. Gras trinken! Wir tasten uns an jedes noch so ungeniessbar scheinende Stück Natur heran, schon in zehn Jahren werden wir Holzsalat mit Steinsplittern essen, vielleicht sogar mit Kapern drauf.


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