Riesenmaschine

14.07.2008 | 12:18 | Anderswo | Alles wird besser | Fakten und Figuren

Endlich Schmidt-Werbung


Terima kasih, XL!
Das Heer der Schmidts auf diesem Planeten ist gewaltig. Allein in Deutschland bringen sie es auf 235.000 Einträge im Telefonbuch; zusammen mit den Hilfstruppen Schmitt, Schmid, Schmied oder Schmitz usw. sind es knapp 400.000. Damit steht der Name an der Spitze der deutschen Nachnamencharts. Smith, der angelsächsische Namensvetter, führt die Hitlisten in England, Schottland und Australien an und natürlich auch in den USA. Allein hier tragen 2.501.922 Menschen diesen stolzen Namen. Verstärkt wird die Schmidt-Armee um die Faber und Fabricius aller Länder, die italienischen Ferraris, die Kowalski- und die Kovác-Bataillone aus Polen, Ungarn, Tschechien und der Slowakei, die französischen Lefebvres, die Sepps aus Estland (sie bringen immerhin noch 3.550 Leute ein) und die russischen Kuznetsows (Platz 3 der dortigen Charts). Alles Schmidts in der jeweiligen Landessprache, und Mitglieder einer starken Gemeinschaft, die es mit jedweder politischen Internationale und den gesammelten Weltreligionen aufnehmen kann.

Wenn man wollte, könnte man sogar eine ganze Weltgesellschaft nur mit Schmidts betreiben. Die funktionierte besonders gut, dürften neben den aktuellen auch die gewesenen Schmidts mitmachen. Der gereifte Helmut könnte beispielsweise regieren, Arno Bücher schreiben, Adam übernähme das Philosophieren, Enzo baute die Autos und The Smiths machten die Musik dazu. Andere Namensträger wären in dieser idealen Welt schlicht überflüssig. Abgesehen davon aber sind die Millionen von Schmidts auf diesem Planeten auch eine grosse Gruppe potentieller Konsumenten. Um so unverständlicher, dass sie bis gestern nie gezielt beworben wurden. Jetzt jedoch hat der indonesische Mobilfunkanbieter Excelcomindo Pratama, kurz XL genannt, die Schmidt-Werbung entdeckt. Mit "Selamat Datang, Pak Schmidt" – "Guten Tag, Herr Schmidt" – begrüsst die Firma auf Plakaten im balinesischen Kuta freundlich die angereisten Schmidts aus aller Welt. Wenn es nun auch noch ein weltumspannendes XL-Mobilfunknetz gäbe, wüsste zumindest ein Schmidt schon mal, wo er stante pede unterschriebe.

Christian Y. Schmidt | Dauerhafter Link | Kommentare (8)


10.07.2008 | 14:23 | Alles wird besser | Sachen kaufen | Essen und Essenzielles

Glücklicher experimentieren


13 Köstlichkeiten (Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
Die Welt der Experimentierkästen war in den verwichenen 30 Jahren eine Welt der Langeweile. Kristalle züchten, Mittelwellenradios zusammenklötern, mit müden Chemikalien wie Kupfersulfat und Natron herumpanschen – als stark rockende Experimente konnte man das alles nicht bezeichnen. Schön, dass das Unternehmen Kuenen unter der Produktlinie "Wahnsinnswissen" nun endlich Experimentierkästen für Kinder anbietet, die Eltern das Fürchten lehren. Da gibt es z.B. das kinderzimmergefährdende Set "Explosive Experimente", die Kiste "Gewaltiger Vulkan", den "Schaurigen Augapfel" für den jungen Medicus und – was wirklich hoffen lässt – den "Kranken Magen", inklusive der ermutigenden Mottozeile: "Stelle dein eigenes Erbrochenes her". Wie täuschend echt der hiermit erstellbare regurgitierte Mageninhalt aussehen kann, wird auf der Website des Anbieters unter der selbstkritischen Rubrik Erfahrungsberichte in aller Deutlichkeit gezeigt. Das ideale Weihnachtsgeschenk.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Das Geschenk für den Jungen


30.06.2008 | 23:19 | Berlin | Alles wird besser

Balkon ohne Auftrag


Abbrüstung jetzt! (Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
Ist nicht das Unfertige jedem von uns eine Mahnung, dass das Leben eine Reise ist ohne Ziel? Nein, ist es natürlich nicht, dieser Spruch ist einem ausgedachten ökumenischen Kalenderblatt entnommen. Das Unfertige ist vielmehr in der Kultur das, was die Mutation in der Biologie ist. Irgendwann ergibt es sich halt aus irgendeinem Grund, erst denkt man so "Mist", dann wird es ausprobiert und in einem von zehn Fällen kommt heraus, dass es auch so geht, vielleicht sogar besser. In der Biologie sind so zufällig das Auge, bedecktsamende Farnarten und wohl auch der Pimmel entstanden. In der Kultur dagegen hat das Unfertige die Erkenntnis vorgebracht, dass es auch ohne angenähten Kragen geht und sogar ganz ohne Kragen. Dass Heissgetränke auch ohne Untertasse getrunken werden können und dass Autos nicht unbedingt ein Dach brauchen.

Das Unfertige bringt uns also weiter, und zwar dorthin, wo durch Verzicht das Wesentliche deutlich wird. In einer der zahlreichen indischen Mythologien gilt die Besitzlosigkeit, die Loslösung von allen irdischen Gütern als Ideal. Und auch im Westen kennen wir den gesellschaftlichen Grosstrend zur Besitzlosigkeit der Menschen einerseits (wie im aktuellen Armutsbericht eindrucksvoll bestätigt wird) und zur Körperlosigkeit der Dinge andererseits (wie die allgemeine Verschiebung von der Hardware zur Software zeigt, siehe iPhone-Tastatur).

So ist es kein Wunder, dass die Abkehr vom Dinglichen nicht haltmacht vor der grossen, alten Dame der Weltgestaltung, der Architektur, obwohl epochale Zyklen etwa im Netz allenfalls Stunden dauern, während die Architektur wie ein Wal am Strand ruht und sich nur langsam bewegt, wenn nicht gesprengt wird. Stuck, anderthalb Meter lichte Höhe, Küchentüren und Bodenbeläge aus Holz lässt man beim Gebäudebau schon länger weg und nun, wie auf der Fotografie zu erkennen, auch Balkongeländer. Und warum auch nicht? Ist nicht ein Geländer letztlich nur der trügerische Schein eines Schutzes, manchmal sogar regelrecht gefährlich?

Vielleicht. Die Gäste dieses Hostels in Berlin Prenzlauer Berg, das schon mal mit einem Fassadenexperiment in der Fassadenwelt für Aufsehen gesorgt hat, werden es im Selbstversuch erproben können. Vermutlich erweist sich das Geländer als ebenso schadlos weglassbar wie Bordsteine.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Fassadeure


22.06.2008 | 19:14 | Alles wird besser

Zwölf Sekunden bis Buffalo


Auch das wird man in Zukunft nicht mehr sehen müssen: Der Hai ist schon da, hat aber noch niemanden gebissen. (Foto: candiche, Lizenz)
Es war entweder Calvin oder Hobbes, der die Meinung vertrat, Werbespots von 15 Sekunden Dauer seien 14 Sekunden zu lang für die durchschnittliche amerikanische Aufmerksamkeitsspanne. Das ist natürlich haltlos übertrieben und hat zu verfehlten Investitionen in Projekte wie The 1 Second Film (1 Sekunde Film, 90 Minuten Abspann) geführt. In Wirklichkeit ist jeder gesunde erwachsene Mensch mit etwas gutem Willen in der Lage, sich zwölf Sekunden lang auf ein Thema zu konzentrieren. Das bestätigt die Forschungsabteilung der neuen Nanovlogging-Website 12seconds.tv: "The scientists here at the 12seconds dodecaplex have conducted countless hours of research to determine the precise amount of time it takes for boredom or apathy to set in during typical Internet video viewing. Our patent pending Electro-Tear-Duct Prongers have determined that exactly 12 seconds of video is the ideal amount of time to keep anything interesting." Wer will schon sehen, wie sich die Katze langsam dem Swimmingpool nähert, Swimmingpool, Katze, Swimmingpool, Katze, aufgeregte Geigenmusik, bis es nach mehreren uninteressanten Minuten endlich zur Katzenkatharsis kommt? Wie soll man da je das Internet vollständig rezipieren? Hallo 12seconds.tv, auf Wiedersehen, YouTube.


11.06.2008 | 16:26 | Anderswo | Alles wird besser | Effekte und Syndrome

Na endlich ein EM-Beitrag!

Aus einem regulationstheoretischen Ansatz heraus lässt sich die Gesetzmässigkeit formulieren, dass je durchkapitalisierter ein gesellschaftliches Teilsystem ist, desto schwerer es sich tut mit der Hervorbringung von immer neuen Innovationen, die zu einer Steigerung der Leistungsfähigkeit des Systems führen.

Beispiel Hochleistungssport: Abgesehen vom Kempa-Trick im Handball 1954, vom Fosbury-Flop im Hochsprung 1968, der den bis dahin hegemonialen Straddle ablöste, und von der V-Stil-Revolution von Jan Boklöv im Skispringen Anfang der 1990er, der die parallele Beinhaltung zur Geschichte machte, hat sich in den letzen Jahrzehnten nicht mehr viel getan.

Aus den USA ist jetzt aber beim Fussball eine Neuerung am Herüberschwappen zu uns, die man vielleicht sogar bei der gerade begonnenen Europameisterschaft erstmals beobachten können wird, wer weiss: Der Flip Throw-In, bei dem durch einen zum Zwecke der Beschleunigung dem Einwurf vorgeschalteten Überschlag der Ball viel weiter und also viel gefährlicher in den Strafraum der gegnerischen Mannschaft gebracht, ja katapultiert werden kann als mit der herkömmlichen Technik.

Bilddokumente belegen, dass an der Technik aber noch gefeilt werden muss, will man verhindern, dass einen der dicke Schiedsrichter im gelben Hemd vom Platz stellt.


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