Riesenmaschine

23.03.2006 | 15:43 | Anderswo | Was fehlt

Google nun wieder


Red Rocket, bald googlebar (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)
Google wird allmählich zu einem lästigen Zustand. Erst Zensurdebakel in China, dann Datenschutzspektakel in Amerika, und zwischendurch eine gute Idee nach der anderen, so dass es für alle anderen so langsam zur Qual wird. Wir Karteileichen in der letzten Reihe wollen schliesslich auch mal was wissen dürfen, und auf die Idee, eine generische Suchmaschine für öffentliche Nahverkehrsnetze in allen Städten weltweit anzubieten, wären wir nach ein paar Nachmittagen angestrengtem Herumliegen sicherlich auch gekommen. Aber jetzt ist es zu spät, Google Transit läuft seit Dezember 2005 in einer Testversion für Portland (Oregon), und funktioniert offenbar gut genug, um in anständige Länder zu expandieren: Kanadische Medien berichten jetzt von Verhandlungen zwischen Google und TTC ("Toronto Transit Commission"), dem wichtigsten Nahverkehrsanbieter in GTA ("Greater Toronto Area"), mit dem Ziel, in schon wenigen Tagen die Google-Routensuche für den Nahverkehr Torontos zu etablieren, Start und Ziel eingeben, suchen, fertig.

Warum allerdings diese Entwicklung nicht in Europa, sondern in Amerika stattfindet, wo die Nahverkehrssysteme so gerippeartig aussehen, dass man sie auch ganz ohne Drogen bedienen kann, und wo Strassenbahnen aus den 20er Jahren "Rocket" genannt werden dürfen, bleibt rätselhaft. Diese altbekannte Amerikafixiertheit wird Klassenstreber Google vermutlich einen Minuspunkt im Abschlusszeugnis einbringen, und unser hämisches Gelächter ist ihm gewiss. Nagut, sagt die Suchmaschine, dann biete ich halt eine Detailkarte der Marsoberfläche an, mit Canyons, Bergen und Vulkanen in schillernden Farben, was sagt ihr jetzt? Wir werden Google wohl in der grossen Pause gründlich vertrimmen müssen.


22.03.2006 | 17:33 | Berlin | Anderswo | Alles wird schlechter

Das nennst du Kunst?


(Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)
Hartnäckig und unausrottbar hält sich die Auffassung, es liesse sich nicht über Geschmack streiten, wohl aber über Kunst. Dabei weiss jeder, der ein bisschen bei Trost ist, dass es sich natürlich exakt andersrum verhält. Der Schriftsteller David Sedaris beschrieb kürzlich im New Yorker sehr vergnüglich, wie seine Eltern ihn von vermeintlich guter Kunst zu überzeugen versuchten, und nicht er sie – er, der nicht nur besseren Geschmack hatte und hat, sondern auch genau wusste, dass das, was sie da anschleppten, Schrott war. Bei ihnen steht, weil sie geschmacksunsicher sind, immer eine diffuse Gleichung Kosten/Ausführung im Vordergrund. Und was Sedaris' Eltern nicht wussten, ist, dass sie momentan in gar nicht so schlechter Gesellschaft wären.

Denn wie die gerade eröffnete Whitney Biennale zeigt, grübelt man auch dort, wie und mit welchen Mitteln man aus der derzeitigen finanzkräftigen Sinnkrise herauskommt, ob das jetzt Glamour ist oder Infantilität, Konsum oder anonymes Kollektiv, oder schon wieder die abgedroschenen Subversionsaktiönchen des notorischen Clowns Maurizio Cattelan, der eine Galerie gründet und einen echten "Outlaw"-Künstler ausstellt, den, man kennt sowas ja bereits, es gar nicht gibt. Sowas passt dann doch eher in das Museum der schlechten Kunst in Boston, statt der diesen Text hier illustrierenden dünnen Indianerin des echten echten Outlaws Carlos Rangel. Grund zum Fremdschämen und Beweis für die Provinzialität Berlins ist, dass man sich einen Schaumschläger wie Cattelan auch noch als Kurator für die am Freitag beginnende 4. Berlin Biennale als Kurator geholt hat, Motto: "Spass am Mythos von Mitte". Ebenfalls viel schlechte Kunst, oder gute im falschen Kontext, gibt es auch in Wien zu sehen, wie dieser sehr komische Text von Diedrich Diederichsen zeigt. Schön, dass immerhin miese Kunst gute Texte wie die beiden erwähnten generiert.

Tex Rubinowitz | Dauerhafter Link | Kommentare (2)


22.03.2006 | 13:52 | Anderswo | Supertiere

Auf das Ding gekommen


(Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)
Firmentiere und -maskottchen, in anderen Branchen gern gesehen, eignen sich nur mässig für Geldinstitute. Zu gross ist die Diskrepanz zwischen Seriösität und Knuffigkeit, deutsche Banken vertrauen lieber auf komplett abstrakte Logos. Eine Ausnahme bildet da höchstens die Dresdner Bank, deren Elefant Drumbo (im Bild links) schon seit über 30 Jahren als Spardose treue Dienste leistet, sich aber in der Primärkommunikation (Anzeigen, Logo, etc.) dezent im Hintergrund hält.

Wie aber müsste ein funktionierendes Bank-Maskottchen aussehen? Vielleicht wie ein Stier, der die üblichen Börsen/Bulle/Bär-Assozationen bedient? Oder wie ein Sparfuchs, der diese Funktion schon für eine Bausparkasse und für Waschmittel erfüllt? Gar wie ein Eichhörnchen, das ja auch in der Natur als vorausschauender Sammler und Depotanleger auftritt? Oder etwa gänzlich anders? Wie ein wirr gezeichnetes Alien-Strichmännchen aus dem Nachlass von Keith Haring? Ja. Genau so muss es wohl aussehen. Danke, Bancaja, dass du uns die Augen für diese einfache Wahrheit geöffnet hast.

(vielen Dank an Philipp Dietrich für den Hinweis)


21.03.2006 | 17:08 | Anderswo | Fakten und Figuren

Die Kleinen, die Bösen und die Geburtstagskinder


Der Kleinstaat Seborga ist eigenen Angaben zufolge
nur wenige Minuten von der Autobahn Genua-Nizza entfernt (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)
Am 24. März ist es nun auch wieder so weit, der Baron von Caux, Johannes I Corvinus hat Geburtstag, er wird schlanke 52 Jahre alt. Gratulieren wird ihm mit Sicherheit neben dem Volk von Lucastan ("We will not be undersold!") natürlich der Herrscher von Sealand Prinz Michael, aber auch die durch den unappetitlichen Hundekadaverkrieg mit den USA zu zweifelhaftem Ruhm gekommenen Molossen. Nicht nur, weil diese Staaten untereinander durch eine mehr oder weniger innige Bande verknüpft sind, sondern auch und gerade durch die überlebenswichtige Zweckgemeinschaft der Mikronationen und Kondominaten untereinander. Mit Sicherheit auszuschliessen ist, dass Fürst Giorgio (im Bild) von Seborga gratulieren wird, er nimmt Baron Johannes übel, mit Prinz Michael befreundet zu sein, weil Bürger dessen Staates in den Mord an Gianni Versace verwickelt waren, mit dem wiederum Giorgio glaubte befreundet zu sein. Das ist insofern schade, weil die Geburtstagsgesellschaft, wenn man z.B. in Seborga, einem auf sanften Gemüsehügeln gelegenen Staat, der durch den weltweiten Export seiner Mimosen und seines Ginsters bekannt ist, gefeiert hätte, sich den einzigartigen Nusskuchen Seborgas nicht hätte entgehen lassen müssen. Weitgehend fern von solch zänkischen Scharmützeln ist die Republik Kugelmugel und der Freistaat Flaschenhals, allerdings auch von globalen Veranstaltungen, wie sie im unten verlinkten Beitrag beschrieben werden.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Die Ausgestossenen

Tex Rubinowitz | Dauerhafter Link


21.03.2006 | 05:42 | Anderswo | Fakten und Figuren

Cute Culture in Deutschland


(Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)

(Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)

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(Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)

(Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)

(Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)
Wie H5N1 darf auch Cosplay nun endgültig als in Deutschland angekommen gelten. Der ursprünglich aus Asien stammende Virus ist mutiert und befällt nun nicht mehr nur japanische Teenager, die als Manga-Characters verkleidet auf Shibuyas Strassenkreuzungen posieren, sondern deutsche Teens und Pre-Teens. Übers Internet eingeschleppt scheint er vor allem die östlichen Landstriche zu befallen, wo er als legitimer Erbe der Gothic-Kultur auftritt. Ein Vorbote war bereits Ende 2005 der frenetisch gefeierte Auftritt von Dir en Grey, die ohne grosse Marketingunterstützung und unterhalb des Radars der meisten Feuilletons bereits über eine riesige Fanbasis in Deutschland verfügen.

Visual Kei, übersetzt etwa "visuelles System", liefert als neue Musikrichtung aus Synthiepop, Dark-Wave, Glam-Rock und New Romantic zusammengepanscht so etwas wie den Soundtrack zum Cosplay. Auch der Erfolg von Tokio Hotel dürfte eher als erster Ausläufer von Visual Kei in Deutschland zu erklären sein als mit allem anderen. In einer der letzten Bravo-Ausgaben fanden sich bereits mehrere Doppelseiten über andere Visual Kei-Bands. Mit Videospielen, Mangas, Visual Kei und Cosplay liegen nun alle Zutaten auf dem Tisch, die es für eine voll ausgebildete und nachhaltige Jugendkultur braucht, die man unter dem Label "Cute Culture" zusammenfassen könnte. Sie tut das, was alle Jugendkulturen immer gemacht haben: Sie liefert Gelegenheit zum Austesten von Identitäten und sexuellen Orientierungen, stiftet Rituale und bietet Anlässe zum gemeinsamen Abhängen. Vor allem aber erfüllt sie das Kriterium völliger Unnachvollziehbarkeit für Erwachsene und eröffnet damit einen konstitutiven Schonraum. Dabei liegt das Eintrittsalter wegen der Niedlichkeit, in der auch die gesamte Düsternis verpackt wird, noch einmal deutlich niedriger als bei den Vorläufern. Die Cute Culture wird grösser sein als Techno, grösser als HipHop, sie wird alles in sich aufsaugen.

Wer es noch nicht glaubt, hätte sich am vergangenen Wochenende auf der Leipziger Buchmesse überzeugen können. In Halle 2, gut getarnt hinter gähnend leeren Ständen mit den pädagogisch wertvollen Kinderbüchern war das Manga-Zentrum eingerichtet, wo auch die Cosplay-Convention abgehalten wurde. Der Carlsen-Verlag, grösster Abräumer im Mangasegment, hatte eine Grossbühne aufgebaut, vor der es, als Mangas gratis unters Volk verteilt wurden, zu tumultartigen Szenen kam. Die gesamte Halle war – mehr noch als in den Jahren zuvor – angefüllt mit kostümierten Zwölf- bis Fünfzehnjährigen, die sich von ihren Manga-Vorbildern – genauso wie in den Jahren davor – durch deutlich sichtbaren Babyspeck und deutlich wahrnehmbaren, ortstypischen Akzent unterschieden, aber bereitwillig und routiniert die Fotoposen einnahmen. Autofahrer durften sich über mit Handschellen und Häschenohren ausgestattete Teenager wundern, die trampend an der Autobahnauffahrt standen. Dass Cosplay gerade im Osten so gut ankommt, kann vulgärsoziologisch mit der allgemeinen Orientierungslosigkeit ebenso erklärt werden wie mit der vorherrschenden Tristesse, der Neigung zum Kitsch und zum Rekurs auf archaische Mythen. Wie auch immer: Es ist eine neue Farbnote, die dort in Zukunft das gefühlt hegemoniale Braun empfindlich stören wird. Manga-Characters klatschen keine Ausländer. Schon allein deshalb sagen wir: Willkommen in Deutschland, Cute Culture!


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"Daybreakers", Michael Spierig / Peter Spierig (2009)

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