Riesenmaschine

21.07.2008 | 18:23 | Anderswo | Alles wird besser

Sex-Design made in Dessau


(Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)

"Das bildnerische Endziel ist der Orgasmus" W. Gropius (Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
Dass die Form der Funktion folgt, hat in Dessau eine lange Tradition; der Name der Stadt ist unauflöslich mit dem kompromisslosen Aufbruch in die Moderne verknüpft, der auch auf mentaler Ebene das ganze bürgerlich-bigotte Sitten- und Moralgerümpel des Kaiserreiches zu entsorgen trachtete. Dieser lokalen Luftwurzeln besann sich jüngst erst wieder der ortsansässige Orion Erotikshop. Sein Angebot für "Soft Tampons", mit denen Frauen (und ergo Männer) endlich auch während der Periode komfortablen und ergonomischen Sex haben können, spricht die Sprache der funktionalen Sachlichkeit, wie sie von Walter Gropius gepredigt wurde. Und der Preisnachlass von 20 Prozent knüpft an die Politik seines Nachfolgers Hannes Meyer an, Gebrauchsgüter auch für die Arbeiterklasse erschwinglich zu machen. Aber auch dem vergleichsweise neuen Feld des Service-Design hat man sich in Dessau mittlerweile zugewandt: Sollte man mal die Pille vergessen haben und sich nicht allein auf die präservative Wirkung des Soft Tampons verlassen wollen, bringt das Pillentaxi Nachschub nach Hause oder dorthin, wo man sich eben gerade aufhält. Die Verhütung folgt dem Vergnügen. Das nennen wir: die Bauhaus-Idee konsequent weitergedacht; Fortschritt, den wir meinen!


14.07.2008 | 12:18 | Anderswo | Alles wird besser | Fakten und Figuren

Endlich Schmidt-Werbung


Terima kasih, XL!
Das Heer der Schmidts auf diesem Planeten ist gewaltig. Allein in Deutschland bringen sie es auf 235.000 Einträge im Telefonbuch; zusammen mit den Hilfstruppen Schmitt, Schmid, Schmied oder Schmitz usw. sind es knapp 400.000. Damit steht der Name an der Spitze der deutschen Nachnamencharts. Smith, der angelsächsische Namensvetter, führt die Hitlisten in England, Schottland und Australien an und natürlich auch in den USA. Allein hier tragen 2.501.922 Menschen diesen stolzen Namen. Verstärkt wird die Schmidt-Armee um die Faber und Fabricius aller Länder, die italienischen Ferraris, die Kowalski- und die Kovác-Bataillone aus Polen, Ungarn, Tschechien und der Slowakei, die französischen Lefebvres, die Sepps aus Estland (sie bringen immerhin noch 3.550 Leute ein) und die russischen Kuznetsows (Platz 3 der dortigen Charts). Alles Schmidts in der jeweiligen Landessprache, und Mitglieder einer starken Gemeinschaft, die es mit jedweder politischen Internationale und den gesammelten Weltreligionen aufnehmen kann.

Wenn man wollte, könnte man sogar eine ganze Weltgesellschaft nur mit Schmidts betreiben. Die funktionierte besonders gut, dürften neben den aktuellen auch die gewesenen Schmidts mitmachen. Der gereifte Helmut könnte beispielsweise regieren, Arno Bücher schreiben, Adam übernähme das Philosophieren, Enzo baute die Autos und The Smiths machten die Musik dazu. Andere Namensträger wären in dieser idealen Welt schlicht überflüssig. Abgesehen davon aber sind die Millionen von Schmidts auf diesem Planeten auch eine grosse Gruppe potentieller Konsumenten. Um so unverständlicher, dass sie bis gestern nie gezielt beworben wurden. Jetzt jedoch hat der indonesische Mobilfunkanbieter Excelcomindo Pratama, kurz XL genannt, die Schmidt-Werbung entdeckt. Mit "Selamat Datang, Pak Schmidt" – "Guten Tag, Herr Schmidt" – begrüsst die Firma auf Plakaten im balinesischen Kuta freundlich die angereisten Schmidts aus aller Welt. Wenn es nun auch noch ein weltumspannendes XL-Mobilfunknetz gäbe, wüsste zumindest ein Schmidt schon mal, wo er stante pede unterschriebe.

Christian Y. Schmidt | Dauerhafter Link | Kommentare (8)


07.07.2008 | 12:42 | Anderswo | Essen und Essenzielles | Papierrascheln

Frau zum Trinken


(Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
Die österreichische Frauenzeitung Woman hat ein Getränk gemischt, das man laut dieser Meldung erst ab 18 konsumieren darf. Es ist eine Art jugendgefährdende Buttermilch mit Birne-/Melissegeschmack und "Ziel ist es, mit diesem neuen Produkt im Kühlregal leserinnenaffine Zielgruppen anzusprechen". Offenbar soll suggeriert werden, dass Kühlregalbesucherinnen illetristisch sind.

Aber die Womanoffensive ist nur ein logischer Schritt, denn schon länger gleichen sich bekanntlich Pflegeprodukte den Lebensmitteln an, man rückt näher, in allen sind immer auch essbare Teile, und aus Schweden kommt der Skin Drink mit Papaya und Grünem Tee, denn auch die Poren kennen Hunger und Durst. Wenn man den Woman Beauty Drink jetzt noch dahingehend bewerben würde, dass er für einen schöneren Magen sorgt, denn auf die inneren Werte kommt es ja eben auch an, kann man mit der Produktion von Spiegelbier, Bildmilch, Fazkefir beginnen. Denn dahinter steckt immer ein kluger Körper.


04.07.2008 | 14:58 | Anderswo | Sachen kaufen | Vermutungen über die Welt

Teppichmesser to go

Der 11. September 2001 war vor allem aus einem Grund im Gedächtnis der Menschheit geblieben: Als der Anfang vom Ende des Passagierflugbetriebs. War den Fluggästen zuvor bis auf die Mitfuhr von Bomben und Schusswaffen im Prinzip alles erlaubt, hagelte es danach Restriktionen: Erst wurden Scheren und andere spitze Gegenstände verboten (gefühlt 2002), danach Flüssigkeiten jeglicher Art (2006), später Löffel (2009), Papier (2011), Blackberrys (2012), Wollkleidung (2014), Göffel (2014), Obst (2017), usw. (2021) – bis es den Leuten irgendwann zu dämlich war, nur mit extraweichen Linoleumbademänteln bekleidet ins Flugzeug zu dürfen, und sie fortan wieder mit dem Zug in den Urlaub fuhren.

Die Bahngesellschaften hatten diesen Wettbewerbsvorteil freilich schon früh erkannt und seitdem behutsam zum Markenkernwert aufgebaut. Im Bild ein Pilotprojekt, das 2008 auf dem Osnabrücker Bahnhof gestartet wurde: Ein Multifunktionsautomat (baugleich mit diesem Modell), in dem die Bahnkunden günstige und sofort einsetzbare Teppichmesser kaufen können.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Schwerter zu Flugscharen


03.07.2008 | 20:18 | Anderswo | Sachen anziehen

Traurige Tropen

Die Pubertät ist ein Elend, und auch das junge Erwachsenendasein kein Vergnügen, selbst wenn sich beides auf einer, zumindest in Reiseprospekten als solche apostrophierten Trauminsel wie Bali abspielt. Das muss jedenfalls aus der Mode geschlossen werden, die ein nicht unerhebliches Segment der balinesischen Jugend bevorzugt trägt. Diese Jugend schmückt sich gerne mit Klamotten, die Skulls, Bones und Knarren zieren und mit denen man sich irgendwo zwischen Gruft, Hass, Rockabilly und Punk positioniert. Verkauft werden die Jugendtrachten in Boutiquen, die sich seltsamerweise "Bistro" nennen, obwohl es hier noch nicht einmal ein trockenes Baguette zu essen gibt. Diese Läden heissen "Traffic", "URock" oder "BlackID" und sind schon von weitem an ihren in der Manier von Achtziger-Jahre-Fanzines gestalteten Firmenschildern und markigen Claims wie "Created For Your Extreme Lifestyle" oder "Everyday is hell" zu erkennen. Tatsächlich: Jeden Tag Sonne, Strand und Nightlife – gibt es Schlimmeres?

Besonders zugespitzt repräsentiert die kleine Kleiderbistro-Kette Suicide Glam diesen Hang der balinesischen Jugend zum Morbiden. Der erste Laden wurde vor sieben Jahren von zwei Jungs in einer Garage in Balis Hauptstadt Denpasar gegründet. Heute produzieren 25 Mitarbeiter Kleidung für das lebensmüde, aber lustig auftretende Label ("Dressed like no tomorrow" / "To hell with your metrosexual crap"). Inzwischen wird der Selbstmordglanz auch in die ganze Welt exportiert; ausserdem gibt es neben einer Handansichanlegen-Filiale im nahe gelegenen Australien schon längere Zeit einen deutschen Laden. Der steht in einer Stadt, in der es ähnlich trostlos und suizidal zugeht wie am Strand von Bali: Würzburg nämlich. Seltsam: Wir hätten auf Göttingen getippt, die Kokosnuss unter den deutschen Städten.

Christian Y. Schmidt | Dauerhafter Link | Kommentare (5)


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