Riesenmaschine

19.10.2006 | 18:21 | Sachen kaufen | Essen und Essenzielles

Inside out Nackenrolle


Foto: theoriginalsushipillow.com
Am Anfang war die Bettwurst, und sie sah meist mehr oder weniger aus wie ein Bonbon. Dann kam der Kuscheldöner und hatte seine fünf Minuten, in denen er wirklich lustig war. Bald darauf folgten Wurstteppiche, und nun gibt es für Dekowütige mit gehobenen Essgewohnheiten und simplem Humor endlich auch das Sushikissen (via Spareroom). Doch erst, wenn Emmentaler Aufschnitt Fleecedecken und Leberkäse-Matratzen in den Läden liegen, wird man feststellen, dass Essen im Schlafzimmer nichts verloren hat. Oder Schwarzwälder Kirsch Keilkissen herstellen.

Natascha Podgornik | Dauerhafter Link | Kommentare (4)


09.10.2006 | 12:30 | Essen und Essenzielles | Vermutungen über die Welt

Green Machine


(Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)
Das Vokabular der industriellen Revolution hat jetzt endlich auch die Bioläden eingenommen: Die Ökosäfte von Naked Juice nämlich heissen "Green Machine", "Red Machine" und "Blue Machine", und setzen so den Siegeszug der "Energy"-, "Power"- und "Fuel"-Lebensmittel konsequent fort. Denn insgeheim sehnen wir uns doch alle nach dem 19. Jahrhundert zurück, einer einfacheren und besseren Zeit, in der man sich noch auf viele Dinge verlassen konnte, z.B. den Stahlofen, ein klares Klassenbewusstsein und die Unantastbarkeit von Raum, Zeit und Kirche. Nach einer kurzen Phase des Überdrusses, getriggert von der Öko-Bewegung und (vorausahnend) konterkariert von der Gruppe "Kraftwerk", bricht sich seit einigen Jahren die Re-Erkenntnis Bahn, dass man auf keinen Fall auf "Strom" und "Maschine" verzichten kann, auch wenn man jetzt die Grünen wählt. Ökonomie und Ökologie sind natürlich trotzdem nicht versöhnbar, aber, also, Maschine, wie toll sich das schon anhört.


05.10.2006 | 18:12 | Essen und Essenzielles | Papierrascheln

Finsler im Fülscher


Falsche Spiegeleier, Nr.1149 (Bild: Johanna Fülscher)

Pomeranzenbrötchen Nr.1521, und anderes (Bild: Hans Finsler)

Falscher Salm Nr.194, Schwedische Eier Nr.159 und anderes auf Sulz Nr.165 (Bild: Bernhard Moosbrugger)
Die einen hängen in Frankfurt auf der Buchmesse auf blauen Sofas rum und stellen ihre Werke vor. Die anderen müssen zuhause bleiben. Und dort können sie nicht viel anderes tun als Bilder anschauen oder Fotzelschnitten kochen.
Diese Tätigkeiten aufs trefflichste verbinden kann, wer ein Fülscher-Kochbuch sein eigen nennt. Dieses nämlich glänzt nicht nur durch sein Fotzelschnittenrezept (Nr.1670) und seine 1758 weiteren Rezepte 'von internationalem Niveau', sondern ebenso durch seine Abbildungen, welche beim Kochen ganz nebenbei eine kleine Kulturgeschichte der kulinarischen Illustration erzählen.
Die funktioniert im Fülscher wie die Schweizerische Altersvorsorge: auf drei Säulen aus drei Epochen. Zuerst hat Johanna Fülscher in den 20er Jahren jedes einzelne Rezept mit einer kleinen, lehrreichen Tuschezeichnung illustriert (beachtlich: Äpfel als Igel, Nr. 1095). Später, in den 40er Jahren, hat Hans Finsler, das Bauhaus der Schweizer Photographie, eine dem Gegenstand – hier Kekse – angemessene Bildsprache zu entwickeln versucht. Diese Neue Sachlichkeit trifft dann völlig unvermittelt auf die Bilder eines offensichtlich Perversen von Bernhard Moosbrugger, einem Schüler von Finsler. Ganz im Geiste der 70er Jahre wird hier das Essen immer symmetrisch, aber lieber noch gepunktet, gemustert (Rauten!), geschichtet oder getürmt angerichtet – wobei die Königsdisziplin wohl die Gegenständlichkeit (Tannenzapfen mit Mokka-Buttercrème, besteckt mit Mandelschuppen, Nr.1363) gewesen sein dürfte.

Die verlegerische Geschichte des Fülscherkochbuchs verliert sich irgendwann im Dunkeln, dem Weltbild Verlag gebührt Dank dafür, ungefähr die achte Auflage jetzt wieder neu aufgelegt zu haben. Stören wir uns nicht zu sehr am stinkenden Papier dieser Ausgabe, der miesen Druckqualität der Finslerbilder oder daran, dass aus unerfindlichen Gründen fast alle Tuschzeichnungen fehlen, freuen wir uns vielmehr am zurückgewonnen Wissen. Denn wer weiss denn heute noch, wie 'Verbrühte Kugeln' (Nr.1685), 'Plattenmüesli (Nr. 1206), Hirnpudding (Nr.291) oder 'Plaisir des Dames' (Nr. 1585) gehen? Die Herren auf dem blauen Sofa sicher nicht.


02.10.2006 | 20:44 | Alles wird schlechter | Essen und Essenzielles

Sittenbild mit Nüssen


Sorat Hotel Berlin: ein billiger Rausch (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)
Dass routinierte Besucher von wissenschaftlichen Kongressen ihre Minibars plündern, beim Bezahlfernsehen über die Stränge schlagen und japanische Telefonsexnummern ausprobieren, dass offen beschilderte Tagungsteilnehmer angetrunken durch die Innenstädte ziehen, anstatt auf ihren Panels zu erscheinen, dass Vorträge entweder entfallen oder von lächerlichen Novizen gehalten werden, deren wirrer Wortsalat in leeren Auditorien verhallt – all das ist ein alter Hut. Auch die Veranstalter wissen das und fürchten um ihren dünnen Rückhalt in der Bevölkerung. Um zumindest ihre knappen Budgets vor den Eskapaden der Gastwissenschaftler zu schützen, beugen sie vor. Alkoholische Getränke, Pay-TV und auswärtige Telefonate, heisst es kalt und feierlich beim Einchecken, sind aus eigener Tasche zu bezahlen. Die roten Köpfe, wenn am Abreisetag vor den Augen von heimlichen Mitwissern absurde Rechnungsüberschüsse zu begleichen sind, gehören zum Spiel. Nur: Es bleiben Schlupflöcher, kleine abgabenfreie Oasen, die findet, wer das Knabbern liebt. Heureka!

Philipp Felsch | Dauerhafter Link | Kommentare (2)


01.10.2006 | 12:15 | Alles wird besser | Essen und Essenzielles

Manna und ihre Schwestern


(Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)
Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde, doch die Erde war eine Servicehölle, das Erscheinen der ersten, noch sehr unhandlichen schriftlichen Gebrauchsanweisung des Herstellers war noch ein ganzes Buch Mose entfernt, und so waren Missgeschicke durch falschen Obstkonsum nur eine Frage der Zeit. Für die Folgeschäden kam der Herr auch nach Jahrtausenden nicht auf ("hamwa Ihn' doch jesagt!"), man fügte sich in Bindegewebeobsoleszenz und Materialermüdung und wurde darob esoterisch.

Nun begab es sich aber, dass ein Bäcker namens Ströck dies sah und sich sagte: "Es ist nicht gut, dass die Frau an Migräne und Ballaststoffmangel leide", und er ging hin, buk einen Laib Brot für sie und bestreute ihn mit den üblichen sinnlosen Dekohaferflocken. Und der Herr schaute herab, las den Beipackzettel, dachte sich, "Substanzen, die das Brustkrebsrisiko deutlich verringern, wobei noch nicht restlos geklärt ist, welche Inhaltsstoffe diese Wirkung entfalten, also so vage und zaghafte Produktbeschreibungen gab es zu meiner Gründerzeit nicht", und wandte sich wieder seinem Spalierobst zu.


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