Riesenmaschine

27.08.2005 | 22:19 | Berlin | Zeichen und Wunder

Potenzkompetenz


(Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
Einerseits: Hat sich die Gattung des frivolen Wortspiels ihren miserablen Leumund redlich verdient. Weiterhin einerseits: Ist das private Umgestalten von Wahlplakaten eine unrettbar tief gesunkene Kulturleistung. Dahin sind die goldenen Zeiten, als der junge Heinrich Heine nach Erlöschen der Straßenlaternen durch die nachtschwarze Stadt schlich und die verlogene Wahlpropaganda der herrschenden Klasse mit seinem unvergleichlich kostbaren, Eleganz und Schärfe vermählenden Witz zur Kenntlichkeit entstellte ("Friedrich Wilhelm III – ein guter König Hanswurst und Hundsfott für Preußen!"). Und heute? Ach ja, heute. Heute machen Verballhornungen die Runde, die nicht viel mehr beweisen, als dass sich der Niedergang des Bildungssystems bereits im Volkshumor abzeichnet. Insofern ist die Initiative der SPD, vorkonfigurierte Plakate in Umlauf zu bringen, nur konsequent. Einerseits.

Aber anderseits! Andererseits haftet dem Großplakat am Kottbusser Tor in Kreuzberg in seiner mit minimalistischen Mitteln herbeigeführten Neugestalt etwas durchaus Erhellendes, Stringentes, ja Zwingendes an, selbst aus der Perspektive der SPD-Wahlkampfleitung. Denn da die überklebte Friedensbotschaft nicht zur erhofften Masseneuphorie geführt hat, müssen ohnehin auf Deibel komm raus neue Themenfelder erschlossen werden. Was aber tun, wenn von der Wirtschaftskompetenz bis zur Gesundheitskompetenz in so ziemlich jedem Kompetenzbereich die Herausforderin für kompetenter gehalten wird? Man tut gut daran, sich auf Sachgebiete zu verlegen, die nur unter äußerstem Widerwillen in Verbindung mit Angela Merkel gedacht werden können. Also geht möglicherweise just von diesem einen Plakat der Funken aus, der den Regierungsparteien doch noch den Machterhalt sichert, indem es die niemals ernstlich in Zweifel gezogene Potenzkompetenz des Kanzlers ins Spiel bringt.

Weiterhin zu loben ist der geglückte Versuch, eine Spruchweisheit vom Kopf auf die Beine zu stellen. Nicht etwa Freundlichkeit, wie es der in diesem Fall ungewöhnlich weltfremde Volksmund behauptet, ist die conditio sine qua non des Vollzugs, nein: letztlich läuft, und daran zu erinnern ist verdienstvolle Leistung, doch alles hinaus auf und nichts ohne die gute, alte Standhaftigkeit.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Denkeinladung

Klaus Caesar Zehrer | Dauerhafter Link | Kommentare (1)


Kommentar #1 von irgendwem:

Für mich der beste Artikel in der Riesenmaschine.

10.04.2007 | 15:25

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