Riesenmaschine

01.04.2007 | 13:33 | Anderswo | Fakten und Figuren | Essen und Essenzielles

Deutsch China

Das ist das Etikett der weltberühmten deutschen Biermarke Blue Girl. Alles ist deutsch darauf: Die Bezeichnung "Pilsener Lager Bier", die Aufschrift "Schutzmarke", die lächelnde Germania, die eine dieser neumodischen elektrischen Lampen mit der Aufschrift "Excelsior" in der rechten Hand hält. Aber halt, "Blue Girl" ist doch gar kein deutscher Name? In Hongkong schon, wo dieses Bier das bekannteste und am meisten verbreitete "deutsche" Bier überhaupt ist. Ein typischer chinesischer Fake also, so wie Bayerische Gesundheitsideologie?

Keineswegs, auch wenn Blue Girl tatsächlich einer Hongkonger Firma gehört, die wiederum dänische Besitzer hat: Jebsen & Co. Die Vorfahren dieser Besitzer aber waren einst Deutsche, die Jacob Jebsen und Heinrich Jessen hiessen. Sie gründeten 1895 eine Handelsfirma in Hongkong, die 1906 dann Blue Girl erwarb; ein Bier, das angeblich bereits seit dem 18. Jahrhundert in Bremen gebraut wurde und an dem sich die deutschen Kolonialtruppen im chinesischen Qingdao gerne labten. Erst 1909 eröffnete Jebsen & Co. auch eine Niederlassung in Hamburg. Die Kaufleute selbst aber stammten ursprünglich aus dem nordschleswigschen Apenrade, und das war letztlich ihr Glück. Als im ersten Weltkrieg sämtliche deutsche Auslandsvermögen beschlagnahmt wurden, deren die Mitglieder der Entente habhaft werden konnten, betraf das natürlich auch Jebsen & Co. Nach dem Krieg aber waren die beiden Eigentümer plötzlich Dänen, und zwar weil 1921 Nordschleswig nach einer Volksabstimmung an Dänemark fiel. Auch ihre Firma war über Nacht dänisch geworden, so dass Jessen und Jebsen, anders als die deutschen Unternehmen im britischen Hongkong, unbehelligt weiter wirtschaften konnten.

Das Bier aber blieb deutsch. Das Etikett der Flasche jedenfalls sieht heute immer noch so aus, wie Etiketten im deutschen Kaiserreich aussehen mussten. Wie allerdings der Originalmarkenname gelautet hat, ist nirgends in Erfahrung zu bringen. Wirklich "Blaues Mädchen"? Wenn ja, könnte nicht einer diesen schönen Biernamen aus Hongkong reimportieren? Besser als Beck's Gold, Beck's Chilled Orange, Beck's Level 42 oder, ächz, würg, Beck's Fünftagebart ist er allemal.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Bayerische Gesundheitsideologie

Christian Y. Schmidt | Dauerhafter Link | Kommentare (12)


Kommentar #1 von 123:

Man sollte schon auch das Etikett mitimportieren, ist doch hübsch!

01.04.2007 | 14:19

Kommentar #2 von Hasi die Wunderkuh:

Herr Schmidt, es sei aber betont, dass es fast nichts schöneres gibt, zumindest aus meiner bescheidenen Binnen-Sicht einer ehemaligen Exil-China-Kuh, als in der chinesischen Provinz zu hocken (und wir meinen hier RICHTIGE Provinz, nicht im Amateur-China rund um Peking, Shanghai oder eben Qingdao) und wenigstens vernünftiges Bier zu haben!
ABER: wofür in die Ferne schweifen. Es gibt in englischen Supermärkten eine Weinmarke names "Devil´s Rock", versehen mit einem Bild des pfälzischen Natur-Kuriosums "Teufels Tisch" im Dahner Felsenland. Kleingedrucktes verrät dem interessieren Leser, dass es in Rheinhessen abgefüllt wurde. Man muss nur mässig korintenkackig sein, um zu bemerken, dass Dahn nicht in Rheinhessen liegt und ebenso der Teufelstisch ungefähr 0,5 astronomische Einheit vom nächsten Weinstock, mitten im Wald steht.
Was die Chinesen können, können wie Pfälzer schon lange.
Frau Passig oder wer eben sonst noch anglophile Neigungen verspürt, wenn Sie mal wieder in GB sind, machen Sie mal nen Abstecher zu Tesco und knipsen Sie mal. Ich hab leider kein Bild gemacht – Mist.

01.04.2007 | 14:38

Kommentar #3 von The Missing Wolf:

Und wenn man die Vereinigten Staaten von Nordamerika weiterhin als Ansammlung räudiger Kolonien ebensolcher Strafversetzter nicht zuletzt aus Deutschland betrachtet, muss man sich auch nicht mehr aufregen, was von denen dauernd für ein ausländisches Zeug rüberkommt.

01.04.2007 | 17:44

Kommentar #4 von psycho killer:

Wenigstens dem kleinkarierten Reinheitsgebot haben die unkonventionellen China-Dänen den Garaus machen können.

01.04.2007 | 19:16

Kommentar #5 von bobo:

Vinceremos Commodore Schmidt, ich dachte Ihr Inflektiv-Aufstand wäre bereits bei den "Unfreundliche(n) Übernamen" gescheitert? Weiter so!
Ich favorisiere als Originalbiernamen ja "Blauer Engel" – das Bier zum Film, und/bzw. vielleicht beisst sich die Katze an dieser Stelle der Historie ja auch in den Schwanz und "Blue Girl" war tatsächlich der deutsche Originalname des Gerstengebräus, bewusst englisch gewählt um a) einen gewissen Hauch Weltläufigkeit zu suggerieren und b) einem erleichterten Absatz in den Überseemärkten den Boden zu ebnen. Prost!

01.04.2007 | 22:08

Kommentar #6 von matzezwo(punkt)null:

Ich klugscheisse zwar ungern, aber Pilsener IST ein Lagerbier. (Sagt nicht nur mein Wissen, sondern auch das kollektive a.k.a. Wikipedia)

01.04.2007 | 22:29

Kommentar #7 von Maddin:

Traumhaft auch das in den USA erhältliche Bier "St. Pauli Girl".
St. Pauli im Namen, Frau im Dirndel auf dem Etikett und gebraut in Bremen!
Sozusagen ein Crash Kurs in deutscher Kultur und Geografie für Amerikaner!

01.04.2007 | 22:35

Kommentar #8 von Hasi die Wunderkuh:

@7: wie genial ist das? St.Pauli Bier auf dem nächsten CSU-Parteitag!
Fei obacht Huber, do lachd der Frrangge, Frau Pauli

01.04.2007 | 23:14

Kommentar #9 von CYS:

matzezwo(punkt)null und Blue Girl haben Recht. Pilsener ist ein Lager. Das wurde bei der Recherche übersehen, weil ich zu sehr mit der Vorbereitung des Inflektivaufstands beschaeftigt war. Ist mittlerweile korrigiert, Danke, matzezwo(punkt)null! Dafuer ist der Aufstand wenigstens geglueckt. Und, Frau Wunderkuh: Sie wollen da oben doch nicht gesagt haben, dass Beck's "vernuenftiges" Bier sei? Wir hier in Amateurchina brauchen es jedenfalls nicht. CYS

02.04.2007 | 03:47

Kommentar #10 von Hasi die Wunderkuh:

Nĭ hăo Mister Schmidt,
nie würde ich sagen, dass Beck´s vernünftiges Bier ist!
Ich meinte das gute alte Qingdao.
Und mit Amateurchina meinte ich das China, wo man selbst in der vermeintlichen Provinz mittlerweile US-Bulettenbrater und US-Hühnchen-Griller findet. Wobei man ehrlicherweise sagen muss, dass es da wenigstens Kaffee gibt.
Sie wissen schon, was mit "richtiger" Provinz gemeint ist. BTW: Sie könnten mal etwas über den beliebten Bar-Snack in Form getrocknenten, übel riechenden, zerfaserten Tintenfisches schreiben. Das glaubt mir hier keine Kuh, dass man sowas essen kann.

02.04.2007 | 09:05

Kommentar #11 von CYS:

Die sind doch sehr, sehr lecker, diese Tintenfische. Ideal zum Bier. Dazu noch ein paar Hühnerfüsschen in Chili oder ölgetränkte Erdnüsschen. Wunderbar.

02.04.2007 | 11:51

Kommentar #12 von Hasi die Wunderkuh:

Tach Herr CYS, ´
eben, sag ich doch. Kann man essen, glaubt aber keiner. Da gibt´s noch viel mehr, aber das kommt ja dank Ihrer Bemühungen und RM langsam an´s Licht.
Ganz grosses Kino: ertrunkene Garnelen, danach dann einen geplfegten Essigessenz-Magenbitter.
Ich geh jetzt erst mal zum Bäcker.
Xie xie für alles,
Ihre Hasi

02.04.2007 | 12:09

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