Riesenmaschine

24.06.2007 | 23:54 | Fakten und Figuren | Sachen kaufen | Papierrascheln

Interview mit H. v. Schwindt


Heiko von Schwindt (Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
Heiko von Schwindt (32) studierte Germanistik und Betriebswirtschaft in Göttingen und London, habilitierte sich dort 2002 mit einer Arbeit über den Getreidehandel in Thomas Manns Buddenbrooks und war kurze Zeit Redakteur der Financial Times. Heute arbeitet er als freier Mitarbeiter für das Börsenblatt des deutschen Buchhandels und präsentiert zusammen mit Walter Feinbeiss die tägliche Börsensendung "Bears 'n' Bulls" auf n-tv. Von ihm stammt die Idee, in der Riesenmaschine eine Klagenfurt-Aktienbörse einzurichten.

RM: Herr von Schwindt, Sie haben diesen Markt für uns organisiert und nun auch lange beobachtet. Wie würden Sie die Lage nach 6 Tagen beschreiben?
Schwindt: "Lage" ist noch milde ausgedrückt. Der Markt ist tot.
RM: Was ist Ihre Prognose, wird das so bleiben?
Schwindt: Das kann nicht in unserem Interesse sein und auch nicht im Interesse der Anleger. Wir brechen das jetzt mit dem Contenthammer auf.
RM: Was heisst?
Schwindt: Was heisst, dass ja bisher praktisch blind in die Werte reingegangen wurde und blind wieder raus. Nichts gegen Ihre Leser, aber die können doch die Scheuermann nicht von dem Zwicky unterscheiden. Die "Toptrader" konsolidieren den Markt, indem sie die Kurse halten, wo sie sind, und keiner weiss, warum. Neuankömmlinge werden abgezogen, alles drückt zur Mitte hin.
RM: Und wie genau wollen Sie das jetzt ändern?
Schwindt: Kennen Sie das Sprichwort, ein rollender Stein setzt kein Moos an?
RM: Nein.
Schwindt: Das ist Börsensprache und bedeutet: Die Lawine stürzt ab, die Karawane zieht weiter.
RM: Und konkret jetzt?
Schwindt: Autorentexte. Wir werden Leseproben veröffentlichen. Damit die Anleger einfach mal sehen, auf was sie sich da eigentlich eingelassen haben.
RM: Was wird das Ergebnis dieser Veröffentlichung sein?
Schwindt: Schweissausbrüche, Panik, Flucht in den Alkohol. Autorentexte, das ist schlimmer als eine Brezel im Hals des amerikanischen Präsidenten. Da crasht die Börse, da fliegt der Bär. Ich kann nur raten, oben schon mal alles wegzushorten.
RM: Und wann und wo wollen Sie das veröffentlichen?
Schwindt: Montag, Punkt 14 Uhr, in den Kommentaren zu diesem Beitrag. Wobei Veröffentlichung natürlich das falsche Wort ist. Weil, das ist ja alles öffentlich. Hätt sich ja jeder angucken können, was die Herren und Damen so schreiben. Aber ein Blick auf den Markt, und Sie wissen: Hat keiner gemacht.
RM: Die meisten unserer Leser haben -
Schwindt: Leser! Patati, patata.
RM: Manche hängen seit 72 Stunden auf der F5-Taste und haben viel Arbeit in ihr Portfolio investiert.
Schwindt: Sie nennen es Arbeit, ich nenne es Unfug.
RM: Ihr Schlusswort?
Schwindt: Mit Literatur hat das alles nichts zu tun.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Klagenfurt-Totalisator


Kommentar #1 von RM:

Jörg Albrecht (aus: Drei Herzen)
Im Mutterleib das Bild. Zwei Augen und ein schwarzes Haar. Eine frei schwebende Luftblase. Ein frei schwebender Tropfen Blut. Die Finger und Zehen, die sich synchron auf und ab bewegen. Der Kopf, der nickt. Die Nasenspitze, die wackelt. Ein frei schwebender Tropfen Blut. Der Embryo dreht sich im Uhrzeigersinn. Der Embryo dreht sich um hundertachtzig Grad, nicht um dreihundertsechzig Grad. Von innen ist das Beben kleiner. Was sagt der Seismograph. Was sagt der Bewegungsmelder. Was sagt der Ultraschall. Auf Power schalten. Den roten Knopf drücken. Den roten Knopf gedrückt lassen. Den LCD-Monitor ausklappen. Das Bild auf dem LCD-Monitor abwarten. Wie es sich aufhellt, wie es sich abdunkelt. Dazwischen verschwommene Konturen. Das Bild im Mutterleib. Vielleicht kennen wir da schon den verschwommenen Ausblick. Vielleicht haben wir unsere Worte da schon. Vielleicht ist die Welt da schon klein. Die RECORD-Anzeige blinkt. Die RECORD-Anzeige ist rot. Der Ton ist verzerrt, das Bild verschwommen.

25.06.2007 | 00:15

Kommentar #2 von RM:

Martin Becker (aus: Ein schönes Leben)
Ich bin der Relikteforscher mit der dicker werdenden Brille, dem vor Kummer immer krummeren Kreuz, dem nachlassenden Gehör, dem zunehmenden Gewicht. Für jede neue Erinnerung eine Handvoll Gramm schmerzhaft schweren Bauchgewebes, für jedes neue Fundstück ein Synapsenknacken, was den ganzen Hirnzellhaufen wohl endgültig zerschmettert, wenn der letzte Satz über die nicht abbezahlten Reihenhäuser meiner Kindheit erstmal gesagt ist. Erzähl weiter. Ich kann nicht. Anders fortsetzen. Ich bin der schlecht bezahlte Heimatpfleger, der die Exponate mit der Kneifzange in die Vitrinen hievt. Wir haben täglich viele Stunden geöffnet, in denen ich zwischen den Schmiedehämmern und Scheisshäusern um 1900 sitze, in den Schreibautomaten zwecklose Zeichen zur Klassifizierung der Funde haue und mich frage, warum sich keine Sau für sie interessiert, für die Gebisse des alten Adels, für die Schiessgewehre der Gutsbesitzer, für die Wanderstöcke des Sauerländischen Gebirgsvereins, mit denen irgendwer irgendwann irgendwo mal einen Bach übersprungen und die Stadt vor den heranwalzenden Truppen der Grafen Schlagmichtot gewarnt hat.

25.06.2007 | 00:17

Kommentar #3 von RM:

Christian Bernhardt (aus: tagelang)
Und es roch auch draussen vor dem neuen Reihenhaus neu, nach dem frischen Verputz der Aussenwände, wenn man am Hauseingang nah an der Wand stand, dann konnte man die neue Wand riechen. Zerbrochene oder auseinander gefallene Plastikhüllen der CDs liegen auf der Rücksitzbank und vorn im Fussraum liegt eine geschlossene Hülle. Auf dem Beifahrersitz liegt eine weitere CD-Hülle, aber leer. Auch der Inhalt des Handschuhfachs hat sich im Wagen gleichmässig verteilt. Dann schob sie die Packung zwischen den Händen höher, kippte die Packung leicht, und das weisse und blau gekörnte Spülmaschinenpulver rieselte langsam in die Dosiermulde aus Plastik, in die offene Klappe der Spülmaschine, rieselte bis zur Muldenkante.

25.06.2007 | 00:20

Kommentar #4 von RM:

Jan Böttcher (aus: Geld oder Leben)
17 Uhr 45 betraten Dennis und ich die Sparkasse. Draussen war es komplett dunkel, drinnen sah ich gleich hinauf in die Kamera über der Kasse. Wir hatten uns second hand hässliche Jacken gekauft, graubraun und rein synthetisch. Das erste Mal in meinem Leben trug ich Lederfingerhandschuhe, dazu eine Mütze, die nur Mundloch und Sehschlitze besass, ich war siebzehn, Dennis schon achtzehn, und noch als wir vor meiner Mutter standen, hatte ich das Gefühl, alles richtig zu machen.

25.06.2007 | 00:20

Kommentar #5 von RM:

Andrea Grill (aus: Der gelbe Onkel)
Tante Annie war die Schwester der Grossmutter, und doch glich sie ihr in nichts. Als ich sie kennen lernte, sah ich sie zunächst gar nicht, denn sie sass hinter der verschlossenen Tür ihrer Toilette und öffnete niemandem. Ihre Nichte stand mit glänzenden weissen Haaren vor der Tür, drückte ihre Handtasche fester unter den Arm, rief die Tante immer wieder, rief ihren Namen, Annie Annie Annie, und die Tante jammerte leise vor sich hin und blieb auf der verschlossenen Toilette sitzen. Vor der Klotüre versammelten sich neben der Nichte noch weitere erwachsene Menschen, sahen einander ratlos an, lehnten sich ratlos mit den Rücken gegen die Wände des Vorraums, schoben ihre Schuhspitzen hin und her. Schliesslich kam auch der Nachbar und fragte, ob er helfen könne. Sie beschlossen, die Tür aufzusperren und die Tante herauszuholen, ob sie wollte oder nicht, und taten das mit einer Euro-Münze. Der Nachbar erwies sich als sehr geschickt im Aufsperren von Türen mit Münzen, und binnen weniger Sekunden gelang es ihm, das befreiende Knacken zuwege zu bringen, das anzeigte, dass die Tür offen war.

25.06.2007 | 00:21

Kommentar #6 von RM:

Björn Kern (aus: Einmal noch Marseille)
Mein Vater rief an und fluchte. Sie kann nicht mehr Auto fahren, sagte er. Und scheisse sagte er, immer wieder. Ich wartete, bis er nicht mehr fluchte, und sagte dann: Das tut mir leid. Wir schwiegen eine Weile in den Hörer hinein. Als er wieder anfing, laut zu werden, sagte ich: Ich muss jetzt gehen, und legte auf. Ich sah dann eine Stunde aus dem Fenster, ich musste überhaupt nirgendwohin, wohin hätte ich gehen sollen? Ich stellte mir meine Mutter vor, wie sie mit ihrem Stock zum Auto humpelte, den Stock an das Blech lehnte, die Kratzer waren ihr schon immer egal. Ich sah, wie sie ihr Schlüsselbund in den Jackentaschen suchte, das Auto aufsperrte und sich auf den Polstersitz fallen liess. Ich sah alles, sehr genau. Ich kannte die Farbe des Autos, ich kannte den Geruch von modrigen Lumpen und Benzin in der Garage. Ich kannte die Ungeduld meiner Mutter, die noch eben schnell etwas erledigen muss. Einkaufen, zur Schule, ins Kino. Nur wie sie plötzlich die Kupplung nicht durchtreten kann, weil ihr das Fussgelenk nicht mehr gehorcht, das kannte ich nicht. Ich konnte daran denken, wie sie dasass und immer wieder ihren Fuss bewegen wollte. Ich konnte daran denken, aber begreifen konnte ich es nicht.

25.06.2007 | 00:23

Kommentar #7 von RM:

PeterLicht (aus: Buch vom Ende des Kapitalismus)
Alkohol hilft. Geld auch. Was immer alle so sagen und denken, es ist nichts als die Wahrheit. (Die Reichen leben länger und haben ein schöneres Leben). Und es ist alles ganz einfach: Es ist immer genauso wie es scheint. Es ist immer genauso wie es ist. Ja Ja. Natürlich zusätzlich daneben dies: es ist selbst redend überhaupt nicht so, wie es scheint, sondern ein wenig anders, dh völlig diametral anders. Nämlich gegenteilig. Es ist übrigens auch gleichzeitig gar nicht so schlimm, wie gern behauptet wird, sondern irgendwie ganz in Ordnung (also ich so: "ok"). Und dann aber auch leider das: es ist gleichzeitig immer eben auch ganz extrem viel fürchterlicher und sehr viel entsetzlicher, als allgemein angenommer wird. Das ist das Schöne: es ist wie es ist, und Alkohol hilft und Geld auch und der ganze Rest. Ja. Es gibt eine Stelle, an dem es dich aus der Kurve trägt und auf die Reise bringt. Dort entsteht Licht (Lichtsäulen auf Lichtungen) und die roten Waldschnecken werden geboren. Sie ziehen über den Waldboden.

25.06.2007 | 00:23

Kommentar #8 von RM:

Jagoda Marinic (aus: eigentlich ein Heiratsantrag)
Als ich ein Mädchen war, gab es nur einen Mann in meinem Leben. Wahrscheinlich der einzige, den es je in meinem Leben gegeben hat, doch war ich immer auf der Suche. Damals hatte ich gefunden. Was, das wusste ich nicht, dazu war ich zu jung, um zu fühlen, dass man im Leben noch etwas sucht. Damals war ich immer nur am Finden, ganz gleich, womit ich mich beschäftigte. Das, womit ich mich beschäftigte, ist von meinem heutigen Leben so weit entfernt, dass ich manchmal denke, diese Geschichte ist nicht meine Geschichte, sondern muss mir von jemandem erzählt worden sein; doch dann sehe ich das Mädchen mit den hellbraunen Haaren, den bernsteinfarbenen Augen, dem erschrockenen Gesichtsausdruck und weiss, es bin ich. Das Erschrockene hat sich irgendwann verloren, ich weiss nicht wann. Ich wusste nicht einmal, dass es mir anhaftete, ich habe es erst im nachhinein auf einigen der wenigen Schwarzweissphotos meiner Kindheit entdeckt, froh, dass es mir abhanden gekommen war, noch bevor ich es bemerken konnte. Ich glaube, ich wäre ein traurigerer Mensch geworden, hätte ich davon gewusst.

25.06.2007 | 00:24

Kommentar #9 von RM:

Kurt Oesterle (aus: Stammheim – Der Vollzugsbeamte Horst Bubeck und die RAF-Häftlinge)
Dazu kamen noch Fotos, die er von den vier Hauptgefangenen oder ihren Zellen aufgenommen hat. Ebenso die vom Vollzugsdienst bei Zellenkontrollen konfiszierten illegalen Basteleien des RAF-Häftlings Jan-Carl Raspe, eines hochbegabten Klein-Baumeisters, der aus einer Plätzchendose einen Pizzaofen en miniature herstellen konnte, sowie aus Nescafegläsern und Zwangsernährungsschläuchen eine Schnapsdestille, die jedoch unvollendet blieb. Raspes Arbeiten, denen die handwerkliche Anerkennung schwer zu versagen ist, hat Bubeck oft in die Vollzugsschule mitgenommen, um seinen Schülern daran die Einbildungskraft und den Erfindungsreichtum von Menschen in Gefangenschaft zu demonstrieren. Alle diese Werke offenbaren einen skurrilen Willen zur Privatheit und zum kleinen Widerstand in der grossen Knast-Ordnung.

25.06.2007 | 00:24

Kommentar #10 von RM:

Milena Oda (aus: Schritt und Tritt)
Jean Paul macht in meiner Wohnung immer mehr Schritte als ich. Er hat kürzere Beine als ich, etwa zehn Zentimeter kürzer. Ich beobachte ihn und zähle seine Schritte, die er in meiner Wohnung macht. Immer denke ich, er kann weniger Schritte machen, als er macht, aber seine Schritte richten sich nach keinem System, nach keinem Schrittsystem wie meine. Kann ich einem vierzigjährigen Mann erklären, wie er gehen soll? Mein innerster Wunsch ist, ihm mein Schrittsystem beizubringen. Das Zimmer (die Bibliothek), wo Jean Paul arbeitet – Jean ist mein Sekretär – ist 17qm gross. Meine Wohnung (mein Arbeitsatelier) ist 45 qm gross. Ich will keine grossen Zimmer bewohnen, ich habe Angst vor grossen Zimmern, wo man viele Schritte machen muss. Heute 298 Schritte am Tag. Ich mache noch zwei, damit ich eine schöne runde Zahl an Schritte erreiche. Nun, 300 Schritte am Tag, wie ausreichend und erschöpfend! Manchmal gehe ich wirklich zu viel, denke ich. Aber nicht so viel wie Jean! Ich weiss: Jean hat kürzere Beine.

25.06.2007 | 00:25

Kommentar #11 von RM:

Ronald Reng (aus: Gebrauchsanweisung für London)
Es war Januar 1997, ich hatte das Studium in München beendet, einen Rucksack und eine Sporttasche dabei und einen Bekannten in Islington, bei dem ich auf dem Boden schlafen durfte. Am vierten Tag fand ich ein Zimmer in Marylbone. Dusche und Toilette waren auf dem Gang, aus der Matratze sprangen losgelöste Metallfedern wie Stachel hervor. Ich bekam Atemnot, weil es in dem Zimmer nicht viel gab, aber reichlich von etwas, wogegen ich allergisch bin: Hausstaub. Die Miete betrug 400 Pfund im Monat, der Strom floss, wenn ich ein Fünfzig-Pence-Stück in den Zähler neben meinem Bett warf. Ich beschloss, aus London nie mehr fortzugehen.

25.06.2007 | 00:26

Kommentar #12 von RM:

Silke Scheuermann (aus: Reiche Mädchen)
Aber er wusste, dass dies viel, sehr viel mehr war als nur sehr schön, es war ein Wunder, denn das hiess, dass es so war, dass sie gemeinsam imstande waren, ins Unbekannte vorzudringen, die Grenzen ihrer Erfahrung zu verschieben und vielleicht nach einer echten Suche Erkenntnisse zu gewinnen, die schwer zu erlangen waren, ja, so musste es sein, welche Gabe! »Und du wirst morgen nicht behaupten, das hättest du nur mir zuliebe gesagt?« wollte er sicherheitshalber wissen, sie erwiderte: »Nein, werde ich nicht. Ich habe doch gesagt, ich mag Gewitter«, aber noch während Sofie nun immer wortreicher das Gesehene bestätigte und er sie dabei drückte und herzte, formte sich in seinem Kopf eine neue Theorie, eine, die davon handelte, dass sich Fähigkeiten zwar übertragen konnten, die Voraussetzung dafür jedoch war, dass zwischen zwei Menschen eine Liebe bestand, so enorm, dass das Unsichtbare sichtbar und das Unhörbare hörbar wurde, eine Liebe, die sogar zuliess, dass Sofie jetzt ungeduldig fragte: »Können wir endlich etwas zu essen bestellen?« und dabei ein Gesicht machte, als hätte sie in jeder Hinsicht gewonnen. Er ignorierte das, denn er war glücklich. Die ganze Welt war ein Lampenschirm, und er war das Licht.

25.06.2007 | 00:26

Kommentar #13 von RM:

Fridolin Schley (aus: Schwimmbadsommer)
Martina Bolisch war die Tochter meines Physiklehrers, jenes Mannes, der mich noch kürzlich über Heisenbergs Quantenmechanik an der Tafel geprüft und mit einer fünf zurück in die Bank geschickt hatte. Sie war ein Jahrgang über mir, war also schon eine gänzlich andere Form von Mensch (und ihre Mutter musste, wenn man sich ihren Vater ansah, einmal unendlich schön gewesen sein). In den Pausen sah man Martina bei gutem Wetter über den Pausenhof gehen, ja schreiten, immer umringt von Freundinnen, die viel und aufgeregt sprachen, während sie nur lächelte, und Jungen, die in Haargel schwammen und immer etwas Ernstes zu erörtern hatten. Einmal hatte ich mit ihr gesprochen, einmal, als ich in der Schlange vor dem Verkaufstand anstand, da hatte sie mir auf die Schulter getippt, hatte mir Geld in die Hand gedrückt und mich gebeten, ihr eine Käsesemmel mitzubringen. Eine Käsesemmel – darüber vergass ich, mir selbst etwas zu kaufen und reihte mich, nachdem sie sich bedankt und gelächelt hatte und wieder Richtung Pausenhof verschwunden war, erneut hinten in der Schlange ein – und war glücklich.

25.06.2007 | 00:28

Kommentar #14 von RM:

Jochen Schmidt (aus: Schmidt liest Proust)
Es ist wieder so weit, die Bibliothek stellt schriftlich Geldforderungen. Ich hatte lange nichts mehr ausgeliehen und war froh, von diesem Joch befreit zu sein, denn ich kann nichts rechtzeitig zurückbringen, das scheint bei mir ausgeschlossen. Ich habe deshalb in meinen Jahren als Bibliotheksnutzer schon so hohe Mahngebühren bezahlt, dass ich mir alle ausgeliehenen Bücher dafür hätte kaufen können. Aber ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich einmal Machwerke, wie "Du hast angefangen – Nein du", in denen absurde Wörter, wie: "Du Schmarrer!" vorkommen, verlängern würde. Auch das in der Erinnerung hell leuchtende "Wie Putzi einen Pokal gewann", erwies sich bei der Revision als leistungsverherrlichend und faschistoid. Die Behauptung, dass man besser Dame spielen könne, wenn einem nicht mehr die Nase laufe, was man wiederum durch Sport und Übungen in "bewusster Muskelentspannung" erreiche, ist unsympathisch, auch wenn sie nur für Mäuse aufgestellt wird. Am Ende benutzt die Mäusemutter den von Putzi gewonnenen Pokal als Suppenschüssel, ganz wie es der praktische Sinn der Hausfrau gebietet. Kein Wunder, dass man so geworden ist und bei den modernen Frauen auf Granit beisst.

25.06.2007 | 00:28

Kommentar #15 von RM:

Lutz Seiler (aus: vierzig kilometer nacht, "heimfahrt")
das ist jetzt alles lesbar; halb
dunkel draussen sprechen tauben aus
dem holz. stationen
bahnstationen, nachbarstaaten: ich
bin müde auf dem hocker. eben-
erdig werden birken
buchen vorgetragen. etwas
fehlt, dem ich jetzt winke. alle zeit
von gott, das wollte seneca. ich wollte
ein akkordeon & einen hund, ich sah
dinge, die vom tisch
herunter stürzten, in
denen ich enthalten war

25.06.2007 | 00:29

Kommentar #16 von RM:

Thomas Stangl: (aus: Ihre Musik)
Sie lebt, wie man nicht leben darf, jetzt weniger denn je, hat immer so gelebt, wie man jetzt weniger denn je leben darf, braucht keine Entschuldigung dafür, nicht die Krankheit und nicht das Sterben, alles was sie getan hat, ist richtig. Sie denkt noch, es ist Teil der Wiederholung, sie lässt sich noch Schnabelbecher mit Tee aufs am Rollstuhl befestigte Tablett stellen oder bildet sich ein, die Flüssigkeit in dem Schnabelbecher, den sie mit den Lippen erreichen kann und den sie in einer traumhaften Form von Geschicklichkeit niemals umstösst, würde immer erneuert, beim Schlucken scheint der lauwarme Tee ein harter Gegenstand, etwas wie eine kleine metallische Kugel mit geriffelter Oberfläche zu sein, die mit grosser Verzögerung über eine Kuppe rollt: es kann Tee sein, oder bloss (dann wächst die Kugel, wird noch härter und rauher) ihr eigener Speichel; wenn sie die Augen (trockene pupillenlose Schlitze) schliesst, kann sie in ihre Mundhöhle hineinschauen und die Szene, wie auf einer Kinoleinwand, in einem Film, der nach seinem Ende endlos weitergeht, verfolgen; alle Entsprechungen dieser Szene, in Tönen und selbst Wörtern, kommen von selbst, wenn man sie nur in Ruhe lässt und sich nicht einmischt, wenn sie selbst all das in Ruhe geschehen lässt und sich nicht einmischt.

25.06.2007 | 00:29

Kommentar #17 von RM:

Michael Stavaric (aus: Stillborn)
Ich fahre nach Hause, packe mein Leben in Kisten, umwickle sie mit knisterndem Cellophan, Musik in meinen Ohren, habe alles im Griff, griffbereit, ich nehme nur das Nötigste mit, auf alles andere kann ich verzichten, das kann ich am besten, Verzicht, fast schon eine Meditationsübung. Bett, Betttuch, Kopfpolster, Daunendecke, Tisch, Geschirr (ein Teller, Messer, Löffel, Gabel), Kühlschrank, das muss reichen, reicht völlig. Manchmal ist alles schwer, ich trage die Kisten zum Auto, die Möbel kommen morgen, an die Reihe, Leine, in eine Liste, alles lässt sich ordnen, irgendwo festbinden. Ich ziehe um, darauf freue ich mich, wie schnell man doch zufrieden ist, ruhig gestellt werden kann.

25.06.2007 | 00:30

Kommentar #18 von RM:

Dieter Zwicky (aus: Reizkers Entdeckung)
Die Gipfelweinflasche, bedeute ich meinem ohrengeschädigten Vater schon jetzt derart laut, dass die leicht nach Nordosten hängende Gipfelraststelle einfach mithören muss, die gekühlte Weinflasche habe ich zu Hause am inneren Klosettrand erledigt, das heisst zerschellt!

25.06.2007 | 00:34

Kommentar #19 von einem verzweifelten Anleger:

Und hier steht ab 14:30 welche verheerenden Folgen das auf den Ölpreis gehabt haben wird.

25.06.2007 | 00:50

Kommentar #20 von Bulle und Bär:

Müsste es nicht heissen: "... das ist schlimmer als eine Brezel im Hals des amerikanischen Präsidenten."?

25.06.2007 | 09:25

Kommentar #21 von RM:

richtig, geändert

25.06.2007 | 15:05

Kommentar #22 von sopran:

Ich habe jetzt von jedem Teilnehmer ein Buch gelesen, jedenfalls so weit zumutbar, und mich erneut mit den Erfolgschancen der einladenden Juroren befasst. Gerade bin ich auf der Suche nach meiner inneren Simone. Nein, nach meiner inneren Iris Radisch. Iris Radisch übrigens hat noch nie einen Bachmannpreisträger eingeladen, hingegen März und Rakusa... Und wer von Herrn Ebel eingeladen ist, kann auch bei Maria Loretto am Strand bleiben. Und trotzdem sitze ich weiter auf meinen 5000 plus schwankenden paar hundert. Mir fehlt Kapital, kann mal jemand ganz schnell ein paarhundert Albrecht und Grill kaufen?

25.06.2007 | 18:40

Kommentar #23 von irgendwem:

Ich habe noch 5.000 frei, von den Leseproben her machen allerdings Albrecht und Grill, gelinde gesagt, den bizarrsten Eindruck, der eine kann nicht schreiben, die andere hat nichts zu erzählen, warum soll ich das kaufen?

25.06.2007 | 19:12

Kommentar #24 von Heiks:

Stangl! Stangl ist am substantiellsten. LeseVERGNÜGEN garantiert keiner und keine, kein Einziger und keine Einzige!

26.06.2007 | 10:02

Kommentar #25 von irgendwem:

Hier noch eine andere Quelle für Leseproben.
http://sopran.twoday.net/stories/3782542/
Die Begeisterung der RM für short selling kann ich schwer verstehen. Es hat zwar schon was, andauernd von shorten zu reden, aber es bindet einfach zu viel Kapital. Ganz anders als in der Wirklichkeit.

26.06.2007 | 11:49

Kommentar #26 von irgendwem:

ich kauf eh NUR nach Aussehen An dieser Stelle habe ich einen überflüssigen Smiley hingemacht, wofür ich mich dereinst schämen werde.

26.06.2007 | 17:33

Kommentar #27 von irgendwem:

pah, substantiell.
Grill verrührt Eichhörnchen-DNA, das gibt bei der Jury einen Kauz-Bonus. Stavaric fand ich selber unlesbar wegen dieser muffigen "Klavierspielerin"-Athmosphäre in dem Buch. Psychotrübes Wiener Frauengespinne. Aber das heisst ja nicht, dass es der Jury nicht gefällt.
Die Prädikate der Jury hiessen übrigens zuletzt
stimmig
unprätentiös und in diesem Jahr wahrscheinlich
passig.

26.06.2007 | 20:40

Kommentar #28 von irgendwem:

Namen vergessen. sopran schrieb's. nicht irgendwer.
Ich hab Stavaric gekauft. War gerade billig.

26.06.2007 | 20:41

Kommentar #29 von RN:

Björn K. Rotter (aus: Zitronenmelisse)
Dies eine hatte ihm aber immer zu denken gegeben: Die Gleichgültigkeit mit der Angelika ihn beim Akt ansah. Während die Welt um sie herum dem langsamen Verfall entgegentrottete wie die alte Frau Sütterlin, die in der Tonne vor dem Haus ihren Müll deponierte, war da nicht viel in Angelikas Augen was ihm Halt gab. War das überhaupt Angelika?

28.06.2007 | 12:32

Kommentar #30 von RN:

Angelika Novok (aus: Trübe Tasse, seitwärts)
Verdammt. Jetzt war es soweit. Die Luftschleuse würde sich jede Sekunde öffnen. Draussen konnte sie brechreitz die Literaturkritiker kratzen hören. Ein letzter prüfender Griff an den Klagenfurth-Atomisator, ein letzter kurzer Gedanke an Björn, die taube Nuss, unten auf Zebra 4. Sie lachte kurz auf. Die Schleuse sprang auf. Das Blutbad begann.

28.06.2007 | 12:48

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