Riesenmaschine

05.09.2005 | 03:41 | Anderswo | Fakten und Figuren

Ganzheitliches Treiben


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Wieder einmal erfährt man erst im Ausland, wie man mit dem Feind umzugehen hat. Der Feind, das sind in diesem Fall alle Menschen, die glauben, man müsse kleinere Probleme, bei denen unsere Großväter "kalt duschen, Kniebeugen bei offenem Fenster, mehr Schnaps" empfohlen hätten, unbedingt "ganzheitlich" z.B. mit Aromatherapie, Shiatsu und Reiki beheben. Wenn man diesen Leuten also das Leben schwer machen möchte, dann muss man, so sagt man in Kanada, sie nur mit schmutzigen Tricks unterwandern. Hierzu erlasse man hochkomplizierte Gesetze, die Prostitution zwar prinzipiell und überhaupt und seit Anbeginn aller Zeiten erlauben, aber ansonsten alles, was mit Rotlichtmilieu zu tun hat, verbieten, erschweren, zumindest das allermeiste, manches aber auch wieder nicht, und seltsam harmlose Dinge dann wieder doch. Es klingt übertrieben, aber diese Taktik zwingt die Bordellbetreiber dazu, ihre Anstalten als "Holistic Centre" zu tarnen, obwohl sie das in Wahrheit natürlich gar nicht sind, oder eigentlich ja doch irgendwie. Die unmittelbare Folge: Die, naja, richtigen ganzheitlichen Heiler müssen eine teure und an komplizierte Auflagen gebundene Lizenz erwerben, was zum einen den Nachwuchs abschrecken dürfte und zum anderen zu ständigen Unruhen und Zerwürfnissen führt. Die holistischen Bordelle dagegen können unlizensiert weiterarbeiten, denn sie sind ja ohnehin illegal. So ist alles gut und gerecht geordnet.

Aleks Scholz | Dauerhafter Link


04.09.2005 | 14:13 | Alles wird besser | Sachen kaufen

Neue Werbeehrlichkeit


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Die direkte Ansprache der Zielgruppe ist in der Werbung schon immer schöngefärbt wie nichts Gutes. Auf Literflaschen mit Billigkorn etwa stehen Sätze wie "Vollendeter Branntweingenuss für Kenner" und nicht "So werden Sie schneller blau für weniger Geld". Nun zeichnet sich eine dramatische Wende ab: Wir hatten bereits hier postuliert, dass es mit der Euphemisierung in der Werbewelt nach "Wüstenmineralien" als Wort für schlichten Sand nur noch abwärts gehen kann. Aber dass es so schnell gehen würde, wer konnte das ahnen? Denn die neue Haarpflegeserie des Shampooherstellers Guhl, Blauer Lotus, richtet sich ausdrücklich an Verwender mit "plattem Haar ohne Volumen". Früher hätte dort gestanden "für seidenfeines, glattes Haar mit einer Idee weniger Fülle als gewünscht". Dem Verbraucher werden hier knallhart und schonungslos die großen Mängel seines Haarwuchses beigebracht. Nach dem Gipfel der Schönrederei schlägt man also den wenig speichelleckerischen Weg der Neuen Werbeehrlichkeit ein, wenn auch für den Anfang wohl ein wenig harsch vorgetragen. Die Richtung aber ist klar, und so warten wir gespannt auf Deodorants "für stinkende Waschmuffel", auf Diätprodukte "für fette Schweine" und natürlich besonders auf die Riesenmaschine "von Menschen mit zu viel Zeit für Menschen mit zu viel Zeit".

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Sand auf unserer Haut


04.09.2005 | 13:56 | Berlin | Zeichen und Wunder

Business-Fusionen


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Der Berliner zeichnet sich ja grundsätzlich durch eine gewisse Vielseitigkeit in seinen Lebensentwürfen aus. Wo man in anderen, schlechter ausgestatteten Städten vielleicht über ein "Café Bar Bistro Pinocchio" verfügt, über die üblichen Läden für Kaffee und Kosmetik, Kaffee und Kuchen, Kaffee und Anwaltsberatung oder Kaffee und alles und vielleicht sogar mal über ein Bücherei-Hotel, ein Waschsalon-Lounge-Internetcafé, oder eine Bar-Versicherung-Kunstgalerie, da ist man in Berlin – siehe Abbildung – dem Rest der Welt wie immer um mehrere Wochen voraus.


04.09.2005 | 03:38 | Anderswo | Vermutungen über die Welt

Messerterrorismus


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Eigentlich sollte hier ein Beitrag über eine intelligente und menschenverachtende Fluggesellschaft stehen, die zum 11. September extrem billige Flüge nach New York anbietet. Da sich ein solches Angebot auch nach langen, oberflächlichen Google-Recherchen nicht finden lässt, soll hier stattdessen darauf hingewiesen werden, dass die berühmte kanadische Luftfahrtgesellschaft mit dem naheliegenden Namen "Air Canada" demnächst wieder auf Metallmesser in der Business-Class umsteigt, nachdem als Konsequenz aus diesen Hochhausgeschehnissen alle mit Plastikmessern zu leben hatten. (Metallgabeln waren dagegen, warum auch immer, weiterhin erlaubt.) Bemerkenswert ist Folgendes: Der Rückkehr zum Metallmesser wird, wie die NY Times berichtet, nahezu auf den Tag genau vier Jahre nach 9/11 stattfinden, was so seltsam ist, dass noch nicht mal uns dazu ein geschmackloser Scherz einfällt. Vielleicht ist es mittlerweile ohne richtige Waffe einfach zu gefährlich im Flugzeug. (Na bitte, geht doch.) Economy-Class-Passagiere haben das Problem natürlich gar nicht, weil sie die formlosen Sachen auf ihren Tellern ohnehin mit Plastikwerkzeug zerkleinern müssen, egal ob jetzt Terroristen im Flugzeug sind oder nicht. (Der Selbstversuch zeigt übrigens, dass man auch mit diesen Plastikdingern ganz schön tiefe Schnittwunden erzeugen kann.)

Aleks Scholz | Dauerhafter Link


03.09.2005 | 20:03 | Sachen kaufen | Zeichen und Wunder

Gefährliche Uhr


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Was macht man eigentlich beruflich, wenn man Philosophie studiert hat oder auch einfach so Philosoph (eventuell sogar ohne eigenes Verschulden) geworden ist? Außerhalb des universitären Lehrapparats leisten sich heute die wenigsten Unternehmen eigene Philosophen, infolgedessen scheint die Realität zu sein, dass man entweder fachfremd arbeitet – oder gar nicht. Genau dieser Realität schaut die Unemployed Philosopher's Guild ins Auge und auch hinters Auge. Aus den Dingen, die man als arbeitsloser Philosoph dort offenbar sehen kann, destillieren die Mitglieder dieser Gilde Produkte, die uns im Alltag der Philosophie ein Stück näher bringen, etwa "Nietzsche's Will to Power-Bar". Eine besonders raffinierte gebrauchsphilosophische Verknüpfung gelingt dabei in der Sisyphos-Uhr. Der ewig hastende und doch nie ankommende Sekundenzeiger ist ein Sisyphos-Figürchen mit Fels, und man ertappt sich dabei, wie einem das Strichmännchen schon nach Minuten leid tut. Einen Ausweg daraus gibt es nicht, denn noch erbarmungswürdiger ist natürlich ein stehengebliebener Sisyphos. So zeigt uns ein Blick auf die Armbanduhr stets: der Weg ist das Ziel, man kommt niemals wirklich an, alles scheint so nutzlos, man ist versucht, die Carmina Burana aufzulegen und sich einen achtfachen Single Malt einzugießen, ob mit oder ohne Eis ist auch schon egal.
Für Selbstmitleids-Anfällige ist die Uhr ungeeignet.


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