Riesenmaschine

12.12.2006 | 03:06 | Anderswo | Supertiere

Spechte raus!

Wenn man in unseren Breiten gerade mal froh darüber ist, dass endlich ein einheitliches Rauchverbotsgesetz für öffentliche Verkehrsmittel durchgesetzt werden konnte, ist man in Taiwan bereits etwas weiter, seit November diesen Jahres gilt es nun endlich, das totale Vogelmitfahrverbot in allen Bussen Taipeis. Stellvertretend für alle Piepmatze, Rallen wie Schnäpperartige, Ruderfüsser wie Schwalme weist das Verbotsschild dezidiert auf zwei ganz besonders verhaltensauffällige Kollegen hin, die Ente und den Specht. Schluss mit uninteressantem Geschnatter, den bürzelbedingt eingefetteten Sitzen, Schluss auch mit dem nervtötenden Geklopfe und Gehacke in den Bussen. Denn das ist es doch letztlich, warum wir alle lieber im Taxi weinen als im Bus.

Tex Rubinowitz | Dauerhafter Link | Kommentare (6)


11.12.2006 | 17:44 | Berlin | Sachen kaufen

Alles muss raus!


Falsch: Zu viel besitzen (Quelle: Crazy eBay Mom)

Richtig: Japanische Ästhetik
Nach Weihnachten herrscht kein Mangel an gut gemeinten Sachenloswerdetipps, jedoch der gutherzige Schenker kann sich bei ihrer Lektüre des Gedankens nicht erwehren, es könnten seine Geschenke sein, von deren Entsorgung da die Rede ist. Das ist unfein und unnötig, denn statt nach Weihnachten die schönen neuen Sachen wegzuwerfen, kann man ja auch einfach vor Weihnachten das alte Zeug aus dem Weg räumen. Sieht man mal davon ab, dass alle Materie im Universum bereits mehrfach gebraucht wurde und es daher zwischen alten und neuen Sachen gar keinen so fundamentalen Unterschied gibt, wie uns die Werbung weismachen will, bieten sich in Berlin folgende Möglichkeiten:

Bücher und andere Medien kann man an das Antiquariat Gregor Gog spenden, die meisten anderen Gegenstände an den Motz-Laden. Beide kommen, wenn man einen Abholtermin vereinbart, sogar zu Hause vorbei und nehmen alles mit. Das kostet nicht nur kein Geld, sondern man bekommt auch keines für die Sachen – und wer schon einmal von einem Antiquar den Satz "Also für Zettels Traum kann ich dir 'nen Zehner geben, aber den Rest musst du wieder mitnehmen" gehört hat (vgl. auch Jonathan Franzen, The Corrections, S. 92f.), weiss das zu schätzen. T-Shirts können für die Riesenmaschine-Serie 2007 zu denselben Bedingungen wie 2006 an uns geschickt werden. So. Medien, T-Shirts und Gegenstände sind jetzt weg, aber wohin mit dem Hauptproblem, den Bergen alter Schlafsäcke? An Obdachlose spenden, fertig. Weihnachten kann kommen.


11.12.2006 | 12:03 | Anderswo | Essen und Essenzielles

Öl in den Tank

In Ontario ist der Winter die Jahreszeit für Bier: Es gibt ausreichend Strom, man braucht sowieso keinen Kühlschrank und würde man am See trinken, käme man vor Kälte um, weswegen draussen trinken auch verboten ist. Alles passt zusammen. Einziges Problem: Auch wenn man auf ausländische Produkte vollkommen verzichtet, verfügt das kalte Land über mindestes 30, wahrscheinlich 50 oder 100, jedenfalls aber sehr viele winzige Bierakkumulationsorte, über das recht riesige Land verteilt und versteckt in Getreidesilos, Hinterhöfen und Bärenquartieren, an denen es aus jeweils mehreren Hähnen fröhlich tröpfelt. Was soll man nur trinken? So fragt man sich daher ratlos jedes Jahr zum Winteranfang. Weil Ratlosigkeit schlecht für das Selbstbewusstsein ist und angekratztes Selbstbewusstsein Infektionskrankheiten provoziert, empfiehlt es sich, ausschliesslich nach Name und Etikett des Getränks zu urteilen, denn heute, wo die Welt im Kern ausgehöhlt ist, sorgt nur die Oberfläche für Distinktionsgewinn.

Im letzten Winter 2005/06, geprägt von Redundanz und Rekursion, gab es keine vernünftige Alternative zu Cool Beer mit seiner eiskalt blauen Beschriftung. Dieses Jahr jedoch ist anders, das merkt man sofort. Es ist ein ernsthafter, substanzieller, kerniger Winter, jedoch geplagt von Ruckeln und Klappern. Nichts geht vorwärts. Zum Glück bietet die makrohistorische Nano-Brauerei Neustadt in Neustadt am Lake Huron, das nichts zu tun hat mit den vierundachtzig Neustadt-Varianten in Europa, ein Derivat namens 10W30 an, mit einen altmodischen Kühlergrill auf dem Cover, das in den Überfarben der Saison (blau-orange) getönt ist. 10W30, dabei handelt es sich, wie jeder Bierfachmann weiss, um ein Leichtlauföl mit der Grundviskosität 30, das auch im W (Winter) leicht läuft. Mit 10W30 muss der Winter zu schaffen sein, und wenn das immer noch nicht hilft, muss man eben Gin trinken.


11.12.2006 | 02:30 | Alles wird besser

Bäumchen, wandle dich


Funktioniert wie ein Firefox-Plugin für die Natur, nur ganz anders

Irgendwie möchte man doch manchmal glauben, dass wir Menschen vor vielen Jahren von einem anderen Planeten eingeflogen wurden, denn das würde unsere komplette Inkompabilität mit der Natur erklären. In so ziemlich keiner Frage stimmen unsere Bedürfnisse mit dem überein, was wir hier vorfinden: Metall muss man sich mühsam in der Erde zusammensuchen und dann hat es noch nicht mal die richtige Form, Öl befindet sich an Orten, an denen keiner leben möchte (Wüste, Texas, Norwegen), Tiere müssen erst gehäutet, zerlegt und erhitzt werden, bevor man sie essen kann und Bäume wachsen zwar von alleine, aber meistens in die völlig falsche Richtung.
Doch nicht alle haben sich damit abgefunden, einige eifrige Pioniere versuchen weiter, der Umwelt zumindest halbwegs nützliche Dinge abzutrotzen. Wie die Leute von Grown Furniture, die eine Vorrichtung erfunden haben, mit deren Hilfe man sich aus drei Baumschösslingen einen Hocker züchten kann (via Boing Boing). Das Ganze dauert etwa fünf Jahre und damit man nicht die ganze Zeit stehen muss, kann man einfach ein Sitzkissen auf der Vorrichtung befestigen und hat einen praktischen Hocker. Oder man pflanzt noch ganz viele weitere Bäume drumherum und lässt sich eine Blockhütte wachsen.


10.12.2006 | 17:49 | Anderswo | Alles wird besser | Papierrascheln

Es stand im Spiegel


Das Zitat aus dem weltberühmten Spiegel
In letzter Zeit malte Gabor "Seitenscheitel" Steingart im Spiegel die Volksrepublik China gleich mehrmals als bösen Angreiferstaat, in dem man aus Profitgier über Leichen gehe, und der von brutalen Führern regiert werde, denen man am besten gleich morgen früh mit Quoten, Zöllen und Einfuhrverboten drohen sollte. Die Chinesen scheint diese Polemik nicht zu kratzen. Im Gegenteil, sie loben den Spiegel in den Himmel, so wie auf dieser Schrifttafel am Mausoleum des berühmten Abakh Hoja in Kashgar, wo man ihn sogar den "Bright Mirror", den superschlauen Spiegel, nennt und aus ihm zitiert wie aus einem Evangelium. Im selben Grabmal soll angeblich auch die Xiang Fei begraben sein, die noch viel berühmtere "Duftende Konkubine".

Die Geschichten, die über diese legendäre Frau erzählt werden, gehen auseinander. Einig ist man sich nur darüber, dass sie gut aussah und auch sehr gut roch, weshalb sie Kaiser Qianlong als Konkubine in seinem Harem aufnahm. Nach einer Version soll sie sich dort nicht besonders wohl gefühlt haben, weshalb sie a) Selbstmord verübte bzw. b) als aufrechte uigurische Nationalistin den Kaiser mit einem Dolch zu töten trachtete und deshalb selbst hingemordet wurde. Nach der anderen lebte die dufte Uigurin am Hof des Kaisers herrlich und in Freuden, weshalb sie auch als Symbol für die ewige und unverbrüchliche Freundschaft zwischen dem chinesischen und uigurischen Volk gilt. Diese Fassung wird hauptsächlich von Chinesen erzählt, und vom deutschen "Bright Mirror" gestützt, zumindest auf der Tafel in Kashgar: "Love between this Uygur maid and the emperor is an evidence for great unity among different ethnic groups in China."

Ob das nun tatsächlich so im Spiegel stand, könnte, wer will, mal im Spiegelarchiv überprüfen. Wahrscheinlich ist es nicht. Aber vielleicht wird dieser Satz ja noch einmal im Spiegel stehen? Dann nämlich, wenn die Chinesen diesen deutschen Musterbetrieb aufgekauft haben, und Gabor Steingart auf der Strasse liegt.

Christian Y. Schmidt | Dauerhafter Link


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