Riesenmaschine

11.05.2007 | 09:33 | Anderswo | Was fehlt | Zeichen und Wunder | Vermutungen über die Welt

teutographie mäde in ÜSÄ


Looks so falsch but feels so richtig
Gut zehn Jahre, nachdem die "Fette Fraktur" unter viel "Aber, aber..." von Grafikdesignlehrern und teils spitzen Schreien von Kreativdirektoren durch grelle Farbgebung, experimentelle Handhabung und harsche Dekontextualisierung faktisch entnazifiziert wurde, haben die Typomanen von House Industries die Weiterentwicklung der längst wieder im Mainstream angekommenen gebrochenen Schriften in Angriff genommen. Die gestern erschienene Schrift Blaktur ist eine zackige gotische mit dekorativ-mutwilligen pseudo-diakritischen Punkten, die anderswo auf der Welt beim Betrachter offenbar ein fritziges Bratwurstfeeling erzeugen. Sie kommt nicht nur zum denkbar lustigsten Zeitpunkt, erwägt doch gerade die Zeitung für Deutschland, ihre Titelschrift abzuschaffen – sondern auch mit einem "umlaut randomizer" und Alternativ-Schnitten, deren offene Versalien und Lang-s sich für die Hausindustriellen so anfühlen wie "a bunch of archaic letter forms that only a 16th century German papal scribe could decipher". Nun fehlt eigentlich nur noch eine aufgebohrte Version des umlaut randomizers, die auch ein bis drei getürmte diakritische Punkte oder zwei unterhalb der Grundlinie erzeugt – fertig wäre der perfekte Zeitgeistfont für deutsche Nationalisten mit Kufiya, die Brot- und Pideschrift für die Fans von Fler und Bushido.

Dieser Beitrag ist ein Üpdate zu: Ünd mörgen die gänze Welt

Natascha Podgornik | Dauerhafter Link | Kommentare (17)


11.05.2007 | 01:28 | Fakten und Figuren

Unbewusst reinmachen


Die Angst des Tors vor dem Schlechtwetter. (Foto: itsgreg) (Lizenz)
Wenn eine Kugel auf einen zugeflogen kommt, hat man nicht viel Auswahl. Man kann ihr ausweichen wie Neo, oder stehenbleiben wie Handkes Tormann, die Pille fangen, und hoffen, dass sie nicht zu bitter ausfällt. Jahrelang stand Handkes Fussballer sprichwörtlich aber unbelegt für das Gefühl, das man hat, wenn man auf einen Lampenpfahl zuläuft und sich nicht entscheiden kann, ob man links oder rechts vorbeigehen soll. Unbelegt, weil die subtilen Vorgänge in diesen Sekunden vor dem Strafstoss nie sorgfältig untersucht wurden. Eine neue Studie macht damit jetzt Schluss, und belegt, dass der Tormann in der Regel nicht genau in der Mitte des Tors steht, ohne das selbst zu wissen, und dass auch dem Schützen dieser Unterschied zwischen linkem und rechtem Zwischenraum zwischen Torpfosten und Tormann zwar nicht bewusst wird, wenn er nur klein genug ist, er aber dennoch mit grösserer Wahrscheinlichkeit in diese – wenn auch von allen Beteiligten unbemerkt – breitere Lücke schiessen wird. Man wird aber deshalb nun weder die Fussballregeln ändern, noch Handkes Roman wiederlesen müssen.

(via Mixing Memory)


10.05.2007 | 19:52 | Anderswo | Nachtleuchtendes

Das Mooresche Gesetz


Credits: aesop, Lizenz
Alle 50 Jahre strahlt die BBC eine Jubiläumssendung von Sir Patrick Moore's The Sky at Night aus, so auch am 6. Mai 2007 zum 50. Jahrestag der ersten Sendung. Zu diesem Anlass kann man den Rest der Welt ruhig mal daran erinnern, dass er noch lebt, Patrick Moore – Xylophonvirtuose, Ritter, Komponist, Autor tausender Bücher und vermutlich berühmtester Amateurastronom der Welt. Bei der Gelegenheit kann man sich auch gleich noch mal ins Gedächtnis rufen, wie er einst in seiner Sendung eine Fliege verschluckte, wie er 2004 fast an einem schlechten Gänse-Ei starb und in der Folge zum ersten Mal eine Sendung ausfiel, dass er Füchse gut leiden kann, dafür Ausländer nicht so. Seit 50 Jahren sitzt er jeden Monat in seinem Arbeitszimmer inmitten von Globen, die Hose bis zum Kinn, die Krawatte in der Hose, das Monokel zieht seinen Kopf auf die Brust, wo er sanft auf mehreren Kinnausbildungen ruht. Es ist eine grauenvoll langweilige Show, und schon aus der Tatsache, dass es sie nach 50 Jahren noch gibt, kann man irgendwas Wichtiges über das englische Fernsehen lernen. Was das ist, sagt der alte Mann uns auch gleich: "The trouble is the BBC now is run by women." Sogar bei Star Trek gäbe es jetzt weibliche Commander, so Moore. Skepsis ist angebracht, hat derselbe Mann doch auch schon behauptet, die Erde sei flach, Grossbritannien gehöre nicht in die EU, es gäbe weder Aliens noch UFOs und Cricket wäre ein attraktiver Sport. Keine Ahnung, was er davon ernst meint und was nicht.


10.05.2007 | 13:56 | Anderswo | Nachtleuchtendes

60 Grade der Ratlosigkeit


Luxusseele. (Foto: 72486075@N00) (Lizenz)
Wie sieht es aus in den Köpfen der Menschen? Liegen verwarzte schwarze Klumpen in leeren Hallen? Erstrecken sich endlose Pampas mit argentinischem Rindfleisch in Kuhform darauf bis zum geistigen Horizont? Schwimmen bizarre Fische durch die Bullaugen eines längst gesunkenen Luxusdampfers? Das sind drei plausible Modelle für die Seele, ein viertes erdachte die Künstlerin Eva Lee jetzt, verführt vom süssen Summen der Zahlen. EEG-Daten fünf verschiedener Gefühlszustände bei 12 Probanden, also die von der Kopfhaut abgeleiteten elektrischen Impulse weitgehend unbekannter Herkunft, hat die Künstlerin genommen, und den hochdimensionalen Datensalat in Landschaftsform gebracht. Sie spricht von der "Innenwelt von zwölf Individuen", aber in Wahrheit zeigt der entstandene Film natürlich keine Gefühlswelten, sondern die Landschaft, in der die Hirnforschung sich gern und oft verläuft, und dann staunend steht wie's argentinische Rindfleisch vor dem inneren Gefühlsberg.


10.05.2007 | 02:02 | Alles wird besser

Der Geschmacksbutler bittet zum Tanz


filter, happier, more productive
Gestern noch ein Wunder, heute schon ein Plunder: so ulkig könnte man formulieren, wenn man über den Shuffle-Modus des iPod schreiben sollte. Weil kaum ein Mensch die Disziplin besitzt, in seiner mp3-Sammlung ausschliesslich Perlen zu konservieren, sondern üblicherweise auch Unhörbares (John Cage), Peinliches (ein für die Tochter ambulant erworbenes Pippi-Langstrumpf-Lied), wie durch ein Wunder hineingeratenes (Katie Melua) und Stimmungstötendes (Shellac) auf der Festplatte schlummert, ist der vorgenannte Shuffle-Modus in Wirklichkeit auf Dauer eher ein Folterinstrument als Freund oder Fortschritt, und ausschliesslich in Verbindung mit der Skip-Taste zu ertragen. Das haben die munteren Gesellen von thefilter.com verstanden und ein Werkzeug bereitgestellt, welches iTunes und sogar den störrischen Windows Media Player Mores lehrt. Man lädt sich den schlappe 630K grossen Installer herunter, installiert die Applikation, schaut dann mit etwas mulmigem Gefühl zu, wie sie die Titelinformationen aller jemals in iTunes importierten Lieder in ein fernes Datennirwana überspielt, auf dass sie indiziert werden mögen, und dann beginnen sich magische Dinge abzuspielen. Man öffnet iTunes, markiert dort mit der Maus 1-3 Lieder, die der aktuellen Gemütslage entsprechen, klickt den "F"-Button der Filter-Tools und schon generiert es in iTunes eine Playliste, welche zwei Handvoll Songs enthält, die musikalisch den ausgewählten fürchterlich nahe kommen. Für Menschen, die sich in ihrer eigenen Musiksammlung nicht mehr zurechtfinden, ein echter Mehrwert.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Die Religion der Musik


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