Riesenmaschine

15.08.2008 | 08:15 | Zeichen und Wunder

Man schreibt nie zweimal in dasselbe Blog


Foto, Lizenz
Mark Cuban kennt wohl jeder. Er hat zweimal seine Firma verkauft, einmal für sechs Millionen Dollar an Compuserve, einmal für sechs Milliarden an Yahoo. Wenig überraschend handelte es sich um vollkommen unterschiedliche Firmen. Denn man verkauft nie zweimal dieselbe Firma.

Mark Cuban ist eine Legende. Ihm gehören knapp drei Milliarden Dollar, und er steht im Guinness Buch der Rekorde, weil er via Internet 40 Millionen seiner Dollar in einen Gulfstream-Jet umtauschte. Er erstand eine Basketballmannschaft für 285 Millionen und bald wird ihm auch eine gehören, die Baseball spielt. Er ist vermutlich der einzige Mensch im Universum, der anderthalb Millionen Dollar Strafe für Schiedsrichterbeleidigungen bezahlt hat. Denn jeder Dollar, den man heute besitzt, ist morgen schon ein ganz anderer Dollar.

Mark Cuban ist ein Genie. In seinem Blog "Blog Maverick", dem Mark-Cuban-Weblog, lässt er uns an seinem Genie teilhaben. In seinem vermutlich kürzesten Beitrag aller Zeiten vermerkt er luzide, dass wir nicht in der Welt wohnen, in der wir geboren worden sind. Mit anderen, Marks, Worten: You Don't Live in the World You Were Born Into. Mit nochmal ganz anderen (jetzt wirklich) Worten: Unaufhörlich rinnt die Zeit davon. Dinge ändern sich. Aus Bäumen werden Mobiltelephone. Aus Giraffen Nähzubehör. Und wenn Mark Cuban das nächste Mal in sein Weblog sieht, wird er ganz viele sogenannte Kommentare finden. Nichts bleibt so, wie es einmal war.

Mark Cubans Gehirn ist jetzt im Moment schon ein ganz anderes als noch am 12. August. Dieser Blogeintrag wird sich sofort nach seiner ordnungsgemässen Verwendung in ein Walross verwandeln. Das Wetter war auch schonmal anders.


05.07.2008 | 00:21 | Fakten und Figuren | Papierrascheln

Stahl von heute (Stahl war gestern)


Baustelle aus Stahl (Foto, Lizenz)
Stahl! Fast wäre es in Vergessenheit geraten: Stahl! So viel besser als, sagen wir, Baumwolle oder Windhunde, vor allem, weil es das einzige Material ist, das komplett aus Stahl besteht. In der neuesten Ausgabe von Faszination Stahl kann man alle aktuellen Details zur Grossartigkeit des Stahles genau nachlesen. Die neue Brücke nach Rügen, das neue Olympiastadion in Peking, die Rammpfähle der neuen Offshore-Windanlage vor Borkum, das neue schwimmende Eigenheim und das neue Sturmflutwehr in Rotterdam – alles aus Stahl. Neu und Stahl, zwei Wörter, die wesensgleich in hochfestem Glanz aus dem Schlamm ragen.

Wussten Sie eigentlich, dass Blech aus Stahl besteht? Und dass es so etwas wie verzinkten Betonstahl gibt? Faszination Stahl wird herausgegeben vom Stahl-Informationszentrum, der frühereren Propaganda-Abteilung der Stahlwerks-Verband AG. Stahlpropaganda ist Stahllyrik. "Stahl. Mehr als auf den ersten Blick."

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Stählerner Stahl (Stahl)


27.06.2008 | 09:18 | Anderswo | Papierrascheln

Automatische Literaturkritik Preis der Riesenmaschine – Tag 1

#1: Thorsten Palzhoff, "Livia"
Plus: 1, 2, 5, 7, 18, 39, 40, 43, 62
Minus: 41, 52, 60, 61, 70, 75
Gesamt: 3 Punkte

#2: Alina Bronsky, Aus dem Roman "Scherbenpark"
Plus: 1, 4, 7, 10, 11, 17, 26, 28, 31, 40, 41
Minus: 3, 5, 6, 12, 13, 18, 19, 35, 52, 77
Gesamt: 1 Punkt

#3: Clemens J. Setz, "Die Waage"
Plus: 1, 2, 7, 10, 16, 22, 25, 26, 27
Minus: 19, 22, 39, 47 , 64
Gesamt: 4 Punkte

#4: Angelika Reitzer, "Super-8"
Plus: 1, 7, 10, 11
Minus: 9, 18 doppelt, 21, 50, 53 doppelt
Gesamt: -3 Punkte

#5: Martin von Arndt, "Der Tod ist ein Postmann mit Hut"
Plus: 1, 2, 7, 9, 12, (14), 18, 54
Minus: 1, 2, 8, 14, 18 doppelt, 19, 50, 61
Gesamt: -2 Punkte

#6: Patrick Findeis, "Kein schöner Land"
Plus: 1, 2, 3, 10, 35, 39, 44
Minus: 6, 8, 14, 17 doppelt, 19
Gesamt: 1 Punkt

#7: Markus Orths, "Das Zimmermädchen"
Plus: 1, 2, 5, 15, 18
Minus: 2, 64, 72
Gesamt: 2 Punkte

(Beitrag wird regelmässig aktualisiert, Liveblogging bei sopranisse.de. Wer übersehene oder falsch vergebene Punkte findet, weise bitte in den Kommentaren darauf hin.)

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Automatische Literaturkritik Preis der Riesenmaschine

Kathrin Passig, Wolfgang Herrndorf, Sascha Lobo, Angela Leinen | Dauerhafter Link | Kommentare (12)


21.06.2008 | 10:28 | Alles wird schlechter | In eigener Sache

Gestern war alles besser


(Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
Radio ist in vielerlei Hinsicht schlechter als Internet. Dazu gibt es Literatur und Talkshows, deshalb soll hier nicht weiter darauf eingegangen werden. Andere Medien sind aber durchaus auch manchmal deutlich schlechter als Radio. Das traditionelle Fenster zum Beispiel. Es beschlägt bei Nässe, zeigt jeden Tag dasselbe Bild und ab und zu scheissen die Vögel drauf, alles Nachteile, die das Radio elegant vermeidet. Die Welt vor dem Radio war darum klar schlechter als die Welt nach dem Radio. Zum Beispiel auch deswegen, weil man, als es das Radio noch nicht gab, auch nicht im Radio erfahren konnte, dass es in Wahrheit umgekehrt ist und die Welt prinzipiell immer schlechter wird. Dieses denkwürdige Ereignis wird sich in der Nacht von Samstag auf Sonntag abspielen, und zwar in der ZIA-Radioshow Folge 137, "Gestern war alles besser – Das kulturpessimistische Magazin". Deutschlandradio Kultur, 00:05 bis 01:00.


18.06.2008 | 08:59 | Anderswo | Alles wird schlechter

Nazivergleiche in die Steinzeit gebombt


Bunker (Foto, Lizenz)
Hitlervergleiche sind ein unverzichtbarer Bestandteil unserer Kultur, nicht nur, weil sie Kohärenz von Vergangenheit und Gegenwart herstellen, sondern auch wegen ihrer inhärenten Unschlagbarkeit. Wer sich so ähnlich verhält wie Hitler, hat verloren, nicht nur den Weltkrieg, sondern auch seinen Ariernachweis oder so. Der Hitlervergleich, das einäugige unter den blinden Totschlagargumenten.

Aus Amerika jedoch kommt heute Kunde von einem Debakel in der neuzeitlichen rhetorischen Nutzung des Nazidebakels. Jemele Hill, kurzatmige Kolumnistin des Sportgiganten ESPN, kommentiert am Samstag die Finalserie der NBA mit folgender Sentenz: Rooting for the Celtics is like saying Hitler was a victim. It's like hoping Gorbachev would get to the blinking red button before Reagan. Ein Hitler- und ein Gorbatschowscherz in einem einzigen Satz! Grossartiges Beispiel abwegiger Sprachentartung.

Dann aber der Untergang. ESPN entschuldigt sich am Montag für den absolutely unacceptable comparison und entfernt die Statements. Was soll bitte daran inakzeptabel sein, eine altgediente rhetorische Figur in neuem Gewande zu verwenden, vermutlich historisch zum ersten Mal im Zusammenhang mit Basketballfans? Dumm, ja, aber inakzeptabel? Was soll's, Hill jedenfalls ist vorerst beurlaubt, um über ihre Worte nachzudenken.

Aber jetzt der eigentliche Skandal. Was folgt, ist die zensierte Fassung der Kolumne: Rooting for the Celtics is like supporting inflation, unemployment and locusts. It's like praying for Eva Mendes to get married and for Brad Pitt to be disfigured. So ja nun nicht, ESPN. Wer Hitlervergleiche durch Brad-Pitt-Vergleiche ersetzt, klebt auch Micky-Mouse-Sticker auf die Goldedition von "Mein Kampf". Celtics trotzdem 131:92.


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"Franklyn", Gerald McMorrow (2008)

Plus: 5, 86
Minus: 1, 14, 54 doppelt, 74, 91, 101, 134, 135, 161, 173
Gesamt: -9 Punkte


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