Riesenmaschine

16.04.2006 | 19:04 | Anderswo | Fakten und Figuren | Essen und Essenzielles

Tortenbaustelle


Romantische Strassenszene in Peking mit Tortenbauarbeitern
Wie sie schmeckt, können wir noch nicht sagen. Vielleicht wie eine Mixtur aus in Donauwörth verlorener Radkappe, Tauberbischofsheimer totem Igel und einer Ölspur von Schillingsfürst bis Dinkelsbühl, eventuell aber auch eher nach den alten Strümpfen von Bettina von Arnim, der romantischen Torte schlechthin. Die Riesenmaschine kann hier nur der westlichen Welt als allererste verkünden, dass sie in den nächsten Sekunden auf den chinesischen Markt kommt: Die "Deutsche Romantische Strasse Torte" der Firma Waffleboy in Peking. Die Plakatwerbung hängt schon an den Kreuzungen der Hauptstadt, die Torte selbst ist – im Gegensatz zur Pückler-, Linzer- oder Schwarzwälderkirschtorte – im Netz noch nicht bestellbar. Wer auf den
Link
unter dem zur Tortenpremiere herausgegebenen Heftchen klickt, gelangt auf eine Seite, die "zheng zai jian she zhong" (under construction) ist. Mag also sein, dass die Torte noch mal schnell frisch geteert wird, bevor wir sie uns dann 24 Stunden am Tag ins Haus kommen lassen können. (Achtung: Mindestbestellung 10 Torten bei Lieferung ausserhalb des sechsten Rings!)

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Freiwillige Feuerwehr löscht (vielleicht) in Shanghai

Christian Y. Schmidt | Dauerhafter Link | Kommentare (2)


08.04.2006 | 12:16 | Anderswo | Fakten und Figuren | Vermutungen über die Welt

Früher Fake und Guten Rutsch


MISHING YOU A HAPPY AND PROSPEROMA NEW YEAR
Wann man in China genau damit begann, westliche Wort- und Bildmarken unerlaubt zu kopieren, ist wahrscheinlich kaum zu klären. Dass es aber früher war, als der gemeine Riesenmaschinenleser glaubt, beweist diese Zigarettenschachtel aus der Sammlung des historischen Museum Shanghai, die wahrscheinlich aus den Dreissiger Jahren stammt. Wie man es in China aber immer wieder schafft, einerseits durchaus komplexe Micky Mäuse perfekt zu kopieren, andererseits aber beim Abschreiben eines eher unkomplexen englischen Satzes zu versagen, bleibt wie so vieles hier im ollen Asien komplett rätselhaft. Immerhin bietet uns die alte Schachtel einen an den Haaren herbeigezogenen Anlass, unseren theravada-buddhistischen Lesern ebenfalls viel Glück und Prosperoma für das Jahr 2549 zu wünschen, das eigentlich erst am 13. April beginnt, aber bereits heute Abend im Bürgerhaus an der Rilkestrasse in 50127 Bergheim-Quadrath vorgefeiert wird.

Christian Y. Schmidt | Dauerhafter Link


07.04.2006 | 10:23 | Anderswo | Fakten und Figuren | Vermutungen über die Welt

Freiwillige Feuerwehr löscht (vielleicht) in Shanghai

Deutsche Produkte erfreuen sich in China grösster Beliebtheit, besonders im Bereich des Bauens. Das geht so weit, dass seit Dezember 2002 in der Nähe von Shanghai eine komplette "deutsche" Vorstadt für 50.000 Bewohner errichtet wird: die "German Town Anting". Was allerdings an der Suburb spezifisch deutsch sein wird, ist fraglich. Zwar wird die Stadt von Albert Speer geplant; zumindest dem Namen nach der deutscheste aller Architekten. Doch die falschen Fachwerkfassaden, die sich die Chinesen von ihm wünschten, wird es leider nicht geben. So bleibt das einzige "echte" Deutsche an der Stadt das Goethe- und Schillerdenkmal auf dem Stadtplatz, das Antings Partnerstadt Weimar spendierte – und die deutschen Firmen, die am Bau beteiligt sind.

Anders verhält es sich mit der Firma Ou Dian (Europäische Klassik), die sich auf Englisch Order Flooring nennt. Die erzählte ihrer Kundschaft in Hochglanzbroschüren, sie sei ein Joint Venture mit "Order Germany", einem der führenden deutschen Parketthersteller. Diese Firma, bereits im Jahre 1903 gegründet, habe neben vier weiteren Produktionsstätten in Deutschland ihre 500.000 Quadratmeter grosse Zentrale im bayerischen Rosenheim, von wo aus man das mit dem "Blauen Engel" ausgezeichnete Parkett in über 80 Länder exportiere. Was so urdeutsch und umweltfreundlich ist, hat natürlich in China seinen Preis, und zwar die Kleinigkeit von 200 Euro pro Parkettquadratmeter. Vor ein paar Wochen recherchierten jedoch chinesische Journalisten in Deutschland, und fanden dabei heraus: Es gibt in De Guo (Land der Tugend; der chinesische Name für Deutschland) gar keine Firma namens "Order Germany", weder in Rosenheim noch sonst wo. Sie hätten allerdings auch einfach die Homepage von Order China aufrufen können. Klickt man hier auf die deutsche Flagge, tut sich so viel wie bei den Fahnen der anderen zehn Nationen: Gar nichts nämlich.

Garantiert wirklich echt deutsch aber ist dieser Feuermelder, der die Riesenmaschine auf dem Flur der 19. Etage des Courtyard by Marriot Hotels in Shanghai ansprang. Hier hat man nun die Begeisterung für deutsches Bauen ganz gewiss übertrieben. Nicht bloss, weil im Brandfall kaum jemand mit Aufforderungen wie "Knopf tief drücken" etwas anfangen kann. Sondern auch, weil man sich fragt, welche Feuerwehr da wohl kommt, sollte doch einem das Betätigen des Alarmknopfs gelingen. Bis die Freiwillige aus – sagen wir mal – Rulle im Osnabrücker Land vor Ort ist, ist das gar nicht mal so schöne Hotel jedenfalls bis auf die Grundmauern abgebrannt.

Christian Y. Schmidt | Dauerhafter Link | Kommentare (4)


05.03.2006 | 15:18 | Anderswo | Fakten und Figuren | Papierrascheln

Pekingente besiegt Blixa Bargeld


Historisches Cover zum Ausschneiden und Sammeln
Dauernd wird in China Geschichte gemacht. Vor ein paar Wochen wurde ein Zaun errichtet – gestern erschien der erste chinesische Rolling Stone. Damit gibt das amerikanische Mutterblatt dem "Festland" – wie die Volksrepublik hier nur genannt wird – den Vorzug vor Hongkong und Taiwan, wo nur eventuell und erst zu einem späteren Zeitpunkt Lizenzausgaben erscheinen sollen. Leider enthält auch die – allerdings schön aufgemachte – chinesische Ausgabe kaum mehr als üblichen Rockkrempel. Die Coverstory ist Cui Jian gewidmet. Der ist so etwas wie der hiesige Udo Lindenberg (mit dem der Chinese auch schon auftrat), nur trägt er statt Hut eine Basecap. Er gilt als rau und ehrlich und muss seit Jahren herhalten, wenn ein westlicher Korrespondent beweisen will, dass es auch in China eine lebendige Rockszene gibt. Tatsächlich aber war seine letzte CD nicht mehr als ein Stück Ethnorockschrott aus dem Leichenschauhaus. Nicht weniger schlimm ist eine elfseitige, reichhaltig bebilderte Strecke über die übelste Band der Welt, deren Namen sie auf dem Cover selber nachlesen mögen, weil wir ihn hier garantiert nicht hinschreiben.

Auch ein Deutscher hat es in die historische Ausgabe geschafft: Blixa Bargeld, seit letztem September Neu-Pekinger. Im Interview erzählt er, wie er von chinesischen Fans vorm hiesigen Ikea erkannt und begrüsst wurde. Seinerseits habe er dann wenig später auch jemanden erkannt, und zwar in einem Taxi Brian Eno. Nur hätte er, Blixa, ihn leider nicht begrüssen können, weil er selbst in einem Taxi sass usw... So spielt das Pekinger Leben. Im Weiteren erklärt der Schwarzträger den Chinesen: "Ich ziehe Schwarz nicht an, weil ich gothic bin. Ich habe Gothic erfunden. Und viele andere Kunstformen seit den Achtzigern auch", dass er vor dreissig Jahren Vegetarier wurde, weil er nicht dasselbe essen wollte wie sein Vater ("Das war eine Rebellion"), sowie: "Ich glaube immer noch an den dialektischen Materialismus. Und ich glaube immer noch an Marx."

Wir können hier nicht sagen, ob Blixa Bargeld auch aus dialektischen Gründen mit dem Fleischverzehr wieder begann, kaum hatte er Pekinger Boden betreten. Eine leckere Pekingente war sein erstes Fleischgericht nach drei Dekaden. Zumindest teilen wir sein "Gefühl: Peking wird das Kulturzentrum der Welt." Nur wird das noch eine welthistorische Sekunde dauern. Das sagt uns auch die erste Ausgabe des chinesischen Rolling Stone.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: The Writing on the Wall (is the wall)

Christian Y. Schmidt | Dauerhafter Link


03.03.2006 | 13:55 | Anderswo | Papierrascheln | Vermutungen über die Welt

Vielleicht das falscheste Buch der Welt


Eine ältere Ausgabe des hier rezensierten Werkes
Noch ist nichts geklärt: Aber eventuell ist dieses Buch das falscheste der Welt. Es handelt sich dabei um das Xinhua-Wörterbuch, das wohl populärste Taschenwörterbuch in China. Seit 1953, dem Ersterscheinungsjahr, trägt es praktisch jedes chinesische Schulkind im Ranzen, so dass seine Gesamtauflage mittlerweile bei 400 Millionen Exemplaren liegt. Nun hat Chen Dingxiang, ein ehemaliger Hoteldirektor aus Kanton, ein Buchkaufhaus in Shanghai auf Schadensersatz verklagt, da das Wörterbuch 4.000 (nach anderen Quellen: 3.000) falsche Definitionen und sonstige Fehler enthalte. Chen, so meldet China Daily, begann bereits 1998 an der Richtigkeit des Standardwerks zu zweifeln. Damals fragte ihn seine Tochter nach einem Eintrag. Chen sah selbst nach und hielt das, was er las, für falsch. Kurze Zeit später kündigte er seinen Job, um sich ganz der gründlichen Überprüfung des Wörterbuchs widmen zu können. Bereits 2001 fasste er die ersten Ergebnisse zu einem Bericht zusammen, dem 2004 ein zweiter folgte. Da bisher kein Verlag bereit war, Chens Korrekturen zu publizieren, sah sich der Mann genötigt, das Buchkaufhaus zu verklagen. Chen will u.a. "wegen Verletzung von Verbraucherrechten" den Kaufpreis des Buches (33 Yuan = 3,44 Euro) zurück, sowie 20.000 Yuan für seine Bemühungen um die Wahrheitsfindung. Unabhängig vom Ausgang des Rechtsstreits hat die Riesenmaschine bereits jetzt beschlossen, Chen Dingxiang eine Lektorenstelle auf Lebenszeit anzubieten – vorausgesetzt natürlich, der Mann lernt noch schnell Deutsch.

Christian Y. Schmidt | Dauerhafter Link


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