Riesenmaschine

02.07.2007 | 17:21 | Anderswo | Nachtleuchtendes

Vor dem Knall


Ist unser Kosmos daraus entstanden? Vielleicht werden wir die Antwort nie erfahren. (Foto: emdot) (Lizenz)
Wenn es knallt und kracht, wenn zum Beispiel ein Auto gegen einen Baum fährt, dann fragt der Mensch sich unweigerlich nach der Vorgeschichte, und er wird forschen und nicht Ruhe geben, bis die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen sind. Und auch wenn es an Silvester rummst, geht das einher mit stundenlanger Vergangenheitsbeleuchtung und Jahresrückblicken auf allen Kanälen: das alte Jahr ist kaputt, wie konnte es so weit kommen, und wie wird das neue werden?

Das physikalische Äquivalent einer Kreuzung aus Autounfall und Silvester ist ja bekanntlich der Urknall, und auch dabei fragte man sich schon immer, was eigentlich vorher war: eine Riesenstange Dynamit mit brennender Lunte, eine schon längst nicht mehr tragfähige Beziehung, oder ein grosser umfallender Baum in einem noch viel grösseren Wald. Intuitiv denkt man, dass man durch eine punktförmige Singularität, für die man den Urknall auf den ersten Blick halten muss, nicht durchsehen kann, aber die Quantenmechanik hält mal wieder Überraschungen bereit, und man kann doch, wegen Quantengravitationsschleifen. Hübsch. Allerdings, so rechnet man uns jetzt in Nature Physics vor, sieht man dabei nicht viel, und die Frage, wie genau das Universum vor dem Urknall ausgesehen hat, bleibt, einer vom Autor so genannten "eingebauten kosmischen Vergesslichkeit" wegen, unbeantwortbar. Dieser Kosmos aber auch, was für ein clownsnasiger Schussel.


29.06.2007 | 01:40 | Supertiere | Alles wird besser

Zebrafinksexen


Keine Reittiere, keine Lasttiere: es handelt sich um konvergente Evolution.
(Foto: 28481088@N00) (Lizenz)
Zebrafinken wird übel mitgespielt. Nicht nur, dass man sie oft fälschlich für gestreifte Pferdefinken hält, auch die bisherige Methode der Geschlechtsbestimmung, bei der der Fink mit Bier vollgemacht und danach belauscht wurde, war nicht nur entwürdigend, sondern ausserdem auch noch unzuverlässig. Jetzt gibt es endlich eine einfache Methode, bei der ein degenerierter Primer aus einem winzigen Tropfen Finkenbluts PCR-verstärkt wird, was immer das heisst. Das effektive und vogelfreundliche Verfahren zur Zebrafinkensexung, auf das die Zebrafinkensexende Industrie seit Jahren gewartet hat, mit anderen Worten. Das Morgen kann kommen.


23.06.2007 | 20:23 | Nachtleuchtendes | Fakten und Figuren

Betrachtungen über den Klecks


Warmes Bauchgefühl schön und gut, aber muss man das denn auch noch unterstützen? (Foto: loneconspirator) (Lizenz)
Es ist billig, der Kernspintomographie an sich, und speziell ihrem klingelnden Gebrauch in der sogenannten Neuroökonomie eine Narrenkappe aufzusetzen. Bunte Flecken im Gehirn, Zentren für dies und jenes, für Geld, Gold und Glück, es ist eine zirkusgleiche Bedeutungshuberindustrie, die da um die selbst löbliche und lustig komplizierte Technologie gewachsen ist (für die es völlig zu Recht letztes Jahr den Nobelpreis gab, für die galoppierenden Interpretationen kann der Kernspin ja nix). Und weil das Billige meist ja auch recht ist, gehts jetzt los. In einer aktuellen Studie zum Dauermodethema Altruismus, publiziert in Science, fanden Forscher heraus, dass das Belohnungszentrum im menschlichen Gehirn aktiv wird, wenn man seine Besitzerinnen zwingt, vom Geld, das man ihnen vorher geschenkt hat, einen Teil für einen guten Zweck weiterzuspenden, und dass es aber noch viel aktiver wird, wenn man sie die Spende freiwillig machen lässt. Ganz begeistert schliesslich sind die Forscher davon, dass die Aktivität dieser Gehirnteile beim Geldempfang ihnen auch grobe Vorhersagen erlaubt, wer wieviel Geld wieder herschenken wird. Das klingt alles ein bisschen wie Zauberei und Gedankenlesen, und man möchte schon ergriffen zur Börse greifen und die Forschung selbstlos weiterfinanzieren. Aber sehen wir nur ruhig ein wenig genauer hin. Was haben wir wirklich erfahren? Wir haben erfahren, dass die, die sich über was Geschenktes mehr freuen, es weniger gern wieder hergeben. Und wir haben erfahren, dass Menschen möglicherweise uneigennützig spenden, weil sie sich dabei gut fühlen. Die Studie spricht vom warm glow, und meint dabei wohl nicht den roten Klecks auf dem Gehirn, sondern das gute Gefühl im Bauch, das man beim Klecksbetrachten bekommt.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Ansichten aus dem Nonneninnen


23.06.2007 | 11:54 | Supertiere

Schimpansen: abmakaken


Klüger als gedacht, dehnbarer als der Hegelsche Wahrheitsbegriff: Makak und Sohnkak. (Foto: genista) (Lizenz)
Der Mensch, am sechsten Tag als Schöpfungspublikum erschaffen, um Gott – dem angesichts der Seegurke und des Seetölpels erste Zweifel gekommen waren – zu bestätigen, dass es durchaus gut sei, gilt ja sehr zu Recht als Krone der Schöpfung. Selbstaufblasende Luftmatratzen, Bierpulver und der Göffel sind einmalig im Tierreich und zeugen von Überlegenheit und Herrschaftsauftrag des stolzen Zweibeiners. Einher mit dieser Sicht der Dinge ging bislang eine wohletablierte Hierarchie der Tierwelt. Würmer unten im Dreck, Uhus etwas höher auf Ästen, Delfine zwar nass, aber dafür schlau (Flipper!), und Schimpansen, dem gottesebenbildlichen Menschen gleichend, waren sozusagen die zweite Ableitung Gottes und damit Vizeweltmeister. Einen kleinen Knacks bekam dieses angenehm sortierte Weltbild erst in jüngerer Vergangenheit, als sich nämlich herausstellte, dass Makaken nicht nur über eine sogenannte Theory of Mind verfügen, also sich eine Vorstellung davon machen können, was in anderen so vorgeht (man bewies das, indem man ihnen die Wahl gab, Futter aus einem lärmenden und einem stillen Behälter zu stehlen. Sie bevorzugten den stillen, aber nur, wenn man sie nicht gleichzeitig sehen konnte), sondern auch verstehen, was eine menschliche Zeigebewegung soll – etwas anzeigen, nämlich. Diese kürzlich nachgewiesene semiotische Einsicht verbindet die Makaken mit den Hunden und Silberfüchsen, und trennt sie von den traditionell für weit überlegen gehaltenen Schimpansen, die mit einem ausgestreckten Zeigefinger rein gar nichts anzufangen wissen, ausser reinzubeissen natürlich. Saubere Vizekönige der Schöpfung, diese Schimpansen.


22.06.2007 | 00:43 | Supertiere

Das erste Siegel


Und ich sah, und siehe, ein Hund aus Blech. Und der ihn gemacht hatte, dessen Name war: Der Tod, und die Hölle folgte ihm nach. (Foto: extraketchup) (Lizenz)
Stünde an entsprechender Stelle in der Offenbarung des Johannes der Vers "Und ich sah, und siehe, eine mutierte Robotermaus. Und ihre Augen waren rote Schwerter aus Licht, und ihre Beine waren Panzerraupenketten, und auf ihr ritten Computerviren und trugen Verderben in den Viertteil der Welt, der da heisst: das Internet", die Untergangsgefühle, die uns beim Lesen des Aufsatztitels "Behavioural characterisation of the robotic mouse mutant" erfassen, könnten kaum stärker oder bedrohlicher sein. Auch nicht schwächer oder erleichternder, andererseits, sondern genau so, wie sie eben sind.


1 2 [3] 4 5 6 7 8 9 10 ...

*  IN DER RIESENMASCHINE


*  ORIENTIERUNG



Werbung
Werbung Ratgeber

*  SO GEHT'S:

- Dekra-Check für Gebrauchte

- Eurozentrismus

- Datenträger-Wundertüte

- Elch im Rucksack (man weiß ja nie)

*  SO NICHT:

- Kotze brûlée

- vom Ende der Eulen sprechen

- Kein Herz und eine Drohne (Armeen, Hisbollah usw.)

- Einbildungskredit


*  AUTOMATISCHE KULTURKRITIK

"The Beckoning Silence", Louise Osmond (2007)

Plus: 1, 37, 41, 89, 101
Minus: 141
Gesamt: 4 Punkte


*  KATEGORIEN


*  ARCHIV