Riesenmaschine

27.03.2009 | 03:15 | Anderswo | Alles wird besser

Don't cry for me, Philosophia


So sieht die Zukunft aus: Berliner Polizisten halten auf der re:publica'09 Ausschau nach Deleuzianern (Foto,Lizenz)
Endlich eine Nachricht, die Anlass zu Jubel, Trubel und Heiterkeit bietet: In Argentinien kommt ein Philosophie-Professor möglicherweise ins Gefängnis, weil er unautorisierte Übersetzungen von Derrida-Texten auf seine Website gestellt hatte. Keineswegs handelt es sich dabei nämlich, wie Boingboing andeutet, um ein weiteres unsinniges Unglück im verminten Grenzbereich von Wissenschaft und Urheberrecht. Vielmehr ist der Vorfall Zeichen für die Ankunft der langersehnten antikontinentalphilosophischen Polizeidiktatur. Jochen Hörisch, der sich sicherlich unter den ersten Opfern im deutschsprachigen Raum befinden wird, raunte schon 2004 cassandramässig vor sich hin: "Analytische Philosophie fungiert als diskursive Polizei." Damit lag er metaphorisch standesgemäss daneben, denn wie zu erwarten fungiert natürlich die Polizei als diskursive Polizei. Schon in wenigen Stunden wird es vermutlich auch an deutschen Universitäten heissen: "Diskurskontrolle, Kripke-Papers und Logikschein, bitte." Als Promillegrenze für Metaphern und aufgeblasene Wortspielereien schlagen wir 0,5 vor, alles andere kann getrost dem gut aufgestellten Polizeiapparat überlassen werden.


03.03.2009 | 21:35 | Nachtleuchtendes

Google Maps Balkonangst


Blisters and pain auf den Ringen bei Einschlag der Hiroshima-Bombe in den Kölner Dom (Screenshot)
Albtraumängste lassen sich in drei Kategorien einteilen: Mikroängste, Mesoängste und Makroängste. Letztere tauchen in der Form von Riesenmonstern, grossflächigen Waffen, Kometeneinschlägen oder Nebeln des Grauens auf und gelten als die sophisticated angsts unter den Albtraumängsten. Wer noch nie rauchend auf dem Balkon stand und sich vorgestellt hat, wie am Horizont ein Atompilz auftaucht, um anschliessend zu überlegen, wer anzurufen sei und wie, angesichts von Windrichtung und Lage der Ausfallstrassen, zu fliehen wäre, hat wohl kein Herz.

Für das Multiangsttool Google Maps gibt es jetzt eine tolle Applikation, die einem bei den Balkonüberlegungen mit einer hilfreichen Übersichtskarte zur Seite steht: Ground Zero (via twitter.com/daniel_erk). Zur Auswahl stehen mehrere Atom- und Wasserstoffbomben sowie ein Asteroideneinschlag und jedes beliebige Ziel der Welt. Nach Klicken auf "Nuke it!" wird eine Karte mit verschieden eingefärbten Auswirkungszonen angezeigt, von "Sunburn like discomfort, skin redness" bis "Most people will die within 24 hours". Danach geht man zurück auf den Balkon mit einem Glas Burgunder, in dem Erdbeeren schwimmen, und wartet ab, ob irgendwann etwas passiert.


12.02.2009 | 09:55 | Alles wird besser | Vermutungen über die Welt

It's only a theory (but I like it)

Im Darwinjahr 2009 ist es endlich Zeit, dass Papst Benedikt XVI. ein paar Theorien exkommuniziert – und zwar aus der Gemeinschaft empirischer Könnte-so-könnte-aber-auch-anders-sein-Theorien in das göttliche Reich des analytischen Apriori. Denn dass, was lebt, sich auch evoluzioniert, das ist doch nicht zufällig so, nein, das ist in seiner Klarheit, Schönheit und Zugänglichkeit eindeutig eine begriffliche Wahrheit. Hinter der Evolutionstheorie ständen auf den Plätzen zwei und drei als Aufsteiger aus der Empirieliga dann der Energieerhaltungssatz und Smiths Markttheorie fest.

Weil das natürlich, wie alles in der Philosophie, entweder falsch oder trivial ist und Papst Benedikt gerade ganz andere Sorgen hat, kommt es gelegen, dass Leute, die sich wirklich auskennen, jetzt ein neues "Group Blog Devoted to General Philosophy of Science" gegründet haben, das den bescheidenen Titel It's Only A Theory trägt. Es ist nur eine Theorie, das ist ein Satz vom gleichen Schlag wie "Er will nur spielen" und "Wir sind nur Freunde", das heisst, er ist meistens wahr, nur manchmal nicht, zum Beispiel dann, wenn man an einem Felsvorsprung über einem gähnenden Abgrund hängt und wegen der Gravitation gleich herunterfällt. In dem Fall hilft einem aber auch das Apriori und der Papst nichts.


26.01.2009 | 02:05 | Anderswo | Fakten und Figuren | Sachen anziehen

Mimicry '09


Foto, Lizenz
Karneval nähert sich mit grossen Schritten. Auch 2009 sind die Verkleidungstrends wieder an die Actionfigurtrends des Vorjahres gekoppelt, womit die Prognose so eindeutig ist wie selten: Obama oder Stauffenberg!

Die Entscheidung zwischen den beiden fällt dafür um so schwerer. Für Obama spricht, dass er im Gegensatz zu Stauffenberg Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ist und schöne Reden hält, ausserdem kann man die Gesichtsfarbe vom Sternensingen noch einmal auftragen, bevor sie eintrocknet. Ein Stauffenberg-Kostüm (jetzt auch als kleiner Pilz) ist andererseits mit einfachen Mitteln schnell zusammengestellt: Augenklappe, Hakenhand, vielleicht noch ein Papagei auf die Schulter. Am wichtigsten natürlich die Aktentasche, die für die anstrengenden Tage zwischen Weiberfastnacht und Aschermittwoch statt mit Bombe auch mit Bier gefüllt werden kann.

Bevor entscheidungsschwache Menschen nun völlig verwirrt als erster schwarzer Offizier aus dem Hitler-Widerstand den Strassenkarneval der Weltgeschichte aufmischen, hier der Expertentipp der rheinländischen Riesenmaschine-Korrespondenten: Sich selbst als Stauffenberg verkleiden, damit der Lebensabschnittsgefährte sich den langersehnten Traum erfüllen kann, einmal als Hitler zu gehen, ohne politisch unkorrekt rüberzukommen. Yes, we can! Es lebe das heilige Deutschland!


29.12.2008 | 12:56 | Fakten und Figuren

Die neuen Weltuntergangsdaten sind da

Wirtschaftswachstum hin, Arbeitslosenzahlen her, Zeitpunkte braucht der Mensch für seine Krise. Schliesslich explodieren im Film die Bomben auch nicht, wenn die Prognosen unter 0,5 Prozent sinken, sondern halt dann, wenn die Uhr abgelaufen ist. Die letzte grosse Krisenfrist verstrich 2000 allerdings recht konsequenzenlos – zum Glück muss aber niemand 1000 Jahre auf die nächste warten: Bereits 2038 droht beispielsweise das Jahr-2038-Problem. Für alle, die sich nicht mit Computergedöns auskennen oder nicht mehr so lange warten wollen, lohnt auch der Blick in die Kalender fremder Kulturen. Jener der Maya hält auch gleich eine in nicht allzu ferner Zukunft endende Epoche bereit: Am 21. Dezember 2012 springt hier der grosse Zeiger eins weiter und hinten alles auf null. Vermutlich jedenfalls, denn wer kann sowas schon so genau sagen, bei einem System das Datumsangaben wie "9.12.11.5.18 6 Edznab 11 Yax" enthält. Nun ja, Roland Emmerich kann es natürlich. Darum tut er schon mal, was ein Roland Emmerich tun muss, schürt mit plumpesten Mitteln schlimmste Befürchtungen und vergisst auch den mystischen Hinweis "Find out the truth – google search: 2012" nicht. Wen seine Flutwelle übriggelassen hat, der lässt sich dann einfach 2038 vom Geldautomat in Endlosschleife in den Wahnsinn treiben. Oder ihn erwischt's an einem anderen Tag, irgendwas ist ja immer.


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"Let the Right One In", Tomas Alfredson (2008)

Plus: 12, 37, 42, 45, 55, 80, 83, 89
Minus:
Gesamt: 8 Punkte


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