Riesenmaschine

23.11.2008 | 17:34 | Fakten und Figuren | Papierrascheln

Wissenschaftsfeuilleton und Notwendigkeit


Wenn Saul A. Kripke David Lewis wäre, hätte dieses niedliche Katzenbild wenigstens etwas mit ihm zu tun (tommyhj, Lizenz)
In den Säulenhallen der Philosophie ist die Aufregung gross, alle hibbeln mit den Beinen, kippeln mit den Stühlen und tuscheln: Der grosse, wenn nicht grösste Logiker und Sprachphilosoph Saul A. Kripke hat ein neues Paper veröffentlicht, das zweite in den letzten zwanzig Jahren.

Über Saul A. Kripke liessen sich nun die üblichen wissenschaftsfeuilletonistischen Anekdoten erzählen: hat im Alter von zwei Jahren die Grundlagen der Arithmetik bewiesen, war mit drei Jahren der erste Princeton-Professor, der noch Windeln trug, usw. usf. Aber wen interessiert schon Wissenschaftsfeuilleton, wenn er das neue Kripke-Paper lesen kann?

Unter dem bescheidenen Titel "Frege's Theory of Sense and Reference: Some Exegetical Notes" wird dort die Frage behandelt, wie die Hierarchie indirekter Sinne, doppelt-indirekter Sinne und mehr als doppelt-indirekter Sinne bei Frege zu verstehen ist. Kripke macht einige hellsichtige Bemerkungen dazu, dass Referenz ... also ... Referenz impliziert, dass ein Sinn gegeben ist, der ... äh. Nun ja, so genau können wir das jetzt auch nicht erklären und selbst wenn, würde es ja eh wieder keiner verstehen. Aber wussten Sie, dass Kripke gläubiger Jude ist? Nicht? Spannend, oder?


20.11.2008 | 16:27 | Anderswo | Supertiere | Listen

Der grosse Ameisenbär


Hollywood-Denkmal im Smithsonian National Zoological Park, Washington, DC (Foto: Kimberlyfaye, Lizenz)
Hollywood muss man sich im Prinzip vorstellen wie einen grossen, mechanischen Ameisenbär, der seine zahnlose Röhrenschnauze überall hineinsteckt, um die besten Geschichten herauszulecken. Nachdem der Bär in den letzten Jahren auf den Geschmack von in Plastikschutzfolie aufbewahrten Papierheftchen gekommen ist, will er jetzt mehr und hat einen neuen, leckeren Futtervorrat entdeckt: Animes.

Gleich vier Life-Action-Verfilmungen von Anime-Klassikern wurden dieses Jahr angekündigt. Begonnen hat alles im Februar, als Warner mit der Meldung vorpreschte, dass man sich bereits 2009 einen Akira-Film mit echten Schauspielern im Kino angucken kann und irgendwann später sogar noch einen zweiten. Im April hiess es dann bei Dreamworks, Spielberg persönlich habe sich erfolgreich darum bemüht, die Rechte für eine Verfilmung von "Ghost in the Shell" zu erwerben. Im Juli schliesslich war auch "Cowboy Bebop" fällig und vor ein paar Wochen "Ninja Scroll". Wem das noch nicht genug ist, der kann noch die seit mehreren Jahren gärende Dragonball-Verfilmung dazunehmen.

Der grosse Ameisenbär wird das östliche Kulturgut nun in seinem Magen intensiv verdauen und lange darüber nachgrübeln, wie er den Schauspielern die genre-üblichen Frisuren verpassen kann. Bestenfalls spuckt er am Ende den besten Science-Fiction-Film seit "Blade Runner" wieder aus, schlechtestenfalls ist er einfach nur satt geworden. Bis er sich dann das nächste Kulturgut einverleibt.


15.10.2008 | 08:55 | Alles wird schlechter | Was fehlt

Turn, baby, turn


Hat auch mal Verwirrung gestiftet und damit eine Wende ausgelöst: Günther Schabowski (Quelle) (Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
Früher musste alles fliessen, heute muss sich alles wenden. Weil epistemic, linguistic und conceptual turn schon etwas länger her sind, besteht in der ananlytischen Philosophie dringender Bedarf nach einer neuen Wendemöglichkeit. Glücklicherweise gibt es seit geraumer Zeit X-Phi. X-Phi hat die schönen Intuitionen der Philosophie zu wichtigen Themen wie Scheunenattrappen und Kurt Gödel mit empirisch-sozialwissenschaftlichem Methodenschmutz beworfen und damit soviel Verwirrung gestiftet, dass ein turn in greifbare Nähe gerückt ist.

Unsicherheit herrschte bisher allerdings noch, welchen Namen er tragen soll: experimental turn? psychological turn? Das Erkenntnistheorie-Weblog Certain Doubts hat jetzt einen Vorschlag in die Diskussion eingebracht, der sich vermutlich durchsetzen wird: Dort nennt man die ganze Chose in Anlehnung an einen Text von Eric Schwitzgebel "genetic turn". Das Adjektiv "genetic" bezieht sich dabei nicht aufs Erbgut, sondern auf die Genese, jene junge, wilde Schönheit, die man uns schon in der Schule verboten hatte, mit ihrer etwas drögen, aber sympathischen Freundin Geltung zu verwechseln.

Die genetische Wende ist, jetzt, wo sie endlich einen Namen hat, natürlich höchstbedauerlich. Man kann ja schon kaum mehr mit Krethi und Plethi über Beziehungsprobleme oder Fussball diskutierten, ohne sich dauernd die Genese seiner Argumente vorwerfen zu lassen, geschweige denn mit Krethi- und Plethi-Poststrukturalisten. Nun fällt mit der analytischen Philosophie auch noch die letzte Bastion der Geltung. Wir flaggen Trauer, erkennen aber an, dass sich eben alles wenden muss und dass nie jemand was von "zum Guten" gesagt.


19.09.2008 | 03:54 | Anderswo | Alles wird besser | Essen und Essenzielles

Crowdsource the disco


Die neue längste Theke der Welt (Foto, Lizenz)
Provinz- und Grossraumdiskotheken waren immer schon Horte des besinnungslosen Fortschritts. Seit Jahren werden die Getränke dort vollkommen elektronisch mit ausgegebenen Chip- oder Magnetkarten bezahlt, und an den Kassen akzeptiert man auch EC-Karten. Die Verbannung des Kleingelds, ein uralter Traum der Menschheit, ist zwischen den Themenräumen Discostadl und Rittersaal längst Realität. Im Agostea Koblenz hat man beispielsweise den Gedanken der Automatisierung völlig verinnerlicht. Nicht nur, dass die Chipkarten hier beim Eintritt durch ein hochkompliziertes visuelles Aufnahmeverfahren mit einem Bild des Gastes versehen werden, um Missbrauch vorzubeugen. Es wurden auch, vorerst als Ergänzung zur Theke, Getränkeautomaten aufgestellt, die kalte Softdrinks und Bier zu vergünstigten Preisen bereithalten. Informanten berichten, dass sich Ähnliches anderswo schon viel länger beobachten lässt, aber das lässt es sich ja immer.

Die Einführung von Getränkeautomaten in Clubs steht dem Geschäftsmodell der Tanz-Gastronomie jedenfalls nur auf den ersten Blick diametral gegenüber. In Wirklichkeit ist damit der Grundstein gelegt, um endlich auch hier das Prinzip des Crowdsourcing durchsetzen zu können: In Zukunft werden Diskotheken alle Bars abschaffen und nur noch Getränkeautomaten aufstellen. Kostspielige DJs werden ersetzt durch die Möglichkeit für Gäste, eigene CDs mitzubringen, für die Lichteffekte hat einfach jeder eine bunte Taschenlampe dabei und den Strom macht man auch selbst. Morgens früh räumen dann alle zusammen auf und putzen die Klos. Das alles zu "vergünstigten Eintrittspreisen"! Wer würde da nicht gerne in der Provinz oder im Grossraum wohnen?


10.09.2008 | 02:16 | Was fehlt | Papierrascheln | Vermutungen über die Welt

Das Internet ist zum Vergessen da


Irgendwas bleibt immer zurück. (Foto / Lizenz)
Das Schönste am neuen Google-Browser Chrome ist nicht die lustige Figur mit Schlapphut, Sonnenbrille und hochgeklappten Mantelkragen, die erscheint, wenn man ein Inkognito-Fenster öffnet, und auch nicht der Hinweis, dass trotz Inkognito-Fenster Vorsicht geboten sei bei "Überwachung durch Ermittlungsbehörden" und "Personen, die hinter Ihnen stehen". Das Schönste am neuen Google-Browser Chrome ist das Fehlen einer vernünftigen Verwaltung der Bookmarks. Dass eine fehlt, behaupten jedenfalls die einschlägigen Medien. Nachprüfen lässt es sich nicht. Wie bitte sollte man sich auch eine vernünftige Verwaltung von Lesezeichen vorstellen?

Der kaum zu überschätzende Burkhard Müller schrieb vor einiger Zeit im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung den für alle Ewigkeiten gemachten Satz, Romane seien zum Vergessen da. "Man weilt bei ihnen zu Gast, und ein Besuch währt nicht ewig. Mitnehmen darf man den Anklang einer Atmosphäre, die Färbung eines abendlichen Gesprächs, die Erinnerung an das Lächeln der Gastgeberin. Aber das Tafelsilber einzustecken, ist roh und taktlos. Man soll nicht darauf beharren, nach zwanzig Jahren noch genau den Handlungsgang und die Namen der Hauptfiguren zu rekapitulieren. Es bleibt schon was zurück, keine Sorge, und zwar das Beste; doch lässt es sich in seinem Bestand keine Kontrollen gefallen."

Was für Romane gilt, gilt für das Internet natürlich allemal. Wer einmal anfängt, irgendwo Zettel und Notizen hinein zu machen, sei es in Bücher oder Browser, hat die Kapitulation vor der unübersichtlichen Quasiunendlichkeit des menschlichen Wissens schon so gut wie unterschrieben. Wer einmal anfängt, irgendwo Zettel und Notizen hinein zu machen, der kann das Lesen eigentlich gleich sein lassen. Er wird eh nie das Gefühl haben, das Richtige gelesen und sich daraus das Wichtigste gemerkt zu haben.

Wer hingegen darauf vertraut, dass das Beste schon zurückbleiben und dass alles Wichtige und Interessante einem so oft über den Weg laufen und winken wird, bis man darauf aufmerksam geworden ist, kann ohne grosse Angst weiterlesen. Er wird auf seinem Sterbebett vielleicht auch nicht das Wichtigste vom Richtigsten wissen, durfte dafür aber sein Leben lang bequem ohne Bleistift in der Hand lesen und konnte mit seinem Geld statt Notizzettel und Lesezeichenverwaltungssoftware der Liebsten schöne Geschenke kaufen. Irgendwann wird ihm auch ein Browser zur Seite stehen, der beherzigt, dass das Internet zum Vergessen da ist. Das Fehlen einer vernünftigen Lesezeichenverwaltung bei Chrome ist da nur ein Anfang. Bestimmt.


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