Riesenmaschine

05.03.2007 | 15:28 | Nachtleuchtendes | Zeichen und Wunder

La Terra Trema


Trema in Neon-Pink (Foto: Maya McKechneay)
Es soll ja Leute geben, die haben es noch nie bewusst zur Kenntnis genommen. Die deutsche Rechtschreibreform behauptet sogar, dass sie es nicht mehr kennt.
Die Rede ist vom Trema, jenen zwei Pünktchen über einem Vokal, die signalisieren, dass dieser Individualist ist, und sich mit seinem Nachbarn nicht – nein, sicher nicht! – zum Diphthong verbünden mag. Gar nicht neiv eben, sondern naïv.

Der italienische Regisseur Luchino Visconti hat dem Sonderzeichen vor 60 Jahren seinen Tribut gezollt: La Terra Trema ("Die Welt, ein Trema", 1948, in Deutschland auch unter dem missverständlichen Titel: "Die Erde bebt" in Umlauf) erzählt von Abgrenzung, Lücken und Kluften, vor allem aber davon, dass harte Arbeit Erfolg alles andere als bedingt.

Nach jahrhundertelangem Dienst soll also das Trema ausgedient haben und findet Zuflucht allein im Fremdwort, Citroën oder – Aïda. Bei letzterer handelt es sich im österreichischen Sprachgebrauch um eine Kaffeehauskette, deren Internationalisierung seit Jahrzehnten auf sich warten lässt, während ihr Design nach ebenso langer Renovierungsträgheit dieser Tage wieder topschick ist. 1912 von einer gewissen Frau Rosa gegründet, präsentieren sich die zwei Dutzend Wiener Filialen auch heute in dieser Farbe. Und mit dem schönsten Pink-Trema, das man online findet, seit kurzem auch im Netz.


03.03.2007 | 14:29 | Anderswo | Alles wird besser

Gegen den Strunk


(Foto: Pressefoto vom Verleih)
Lange Zeit galt ja Michael Kliers "Überall ist es besser, wo wir nicht sind" als der schönste topophobe Titel in der Geschichte des deutschsprachigen Films. Am 9. März bekommt dieser nun Konkurrenz, wenn in Österreich Antonin Svobodas "Immer nie am Meer" (Trailer hier) startet, eine Komödie, die nicht nur im Titel Ortsfrust verbreitet, sondern tatsächlich 70 Minuten in einem eingekeilten Mercedes spielt.
Am Drehbuch schrieben neben Svoboda die drei Darsteller, die Wiener Radiomatadoren Christoph Grissemann und Dirk Stermann, sowie das Hamburger Studio-Braun-Mitglied Heinz Strunk mit, und so verzweifelt wie deren Humor ist auch der Film; als Komödie ist er Helge Schneiders miesepetrigem Meisterwerk "Jazzclub" verwandt, und wer dort gelacht hat, tut es vermutlich auch hier.

Das Schönste an "Immer nie am Meer" ist aber wahrscheinlich nicht mal Absicht: Nach zehn Millionen europäisch koproduzierten Roadmovies, die möglichst viele Grenzen überfahren, während schrullige Aussenseiter zu sich selbst finden – "Im Juli", "Heller als der Mond", "Blue Moon", "Donau" (als Dampfschiffvariante) undsofort – war es höchste Zeit, dass dieser Film passiert. Dass mal jemand die Karre nimmt und das perfideste aller EU-Filmförderungs-Abzock-Genres gegen den Baumstamm setzt. Schluss, aus. R.I.P.


12.02.2007 | 17:43 | Sachen kaufen | Essen und Essenzielles

Becherchen

Vor genau 200 Jahren machte in Karlsbad, dem Mineralquelleneldorado Böhmens, ein findiger Apotheker mit Namen Becher eine Entdeckung. Statt dem angeborenen Label aufs Erstbeste zu genügen und Sprudelwasser auszuschenken, brannte Josef Becher Lebkuchenschnaps, den Karlsbader Becherbitter, und tatsächlich erfreut sich dieser als Becherovka bis heute einer gewissen Beliebtheit. Ins Ausland exportiert man ihn in jacketttaschengrossen Fläschchen mit aufgeschraubtem Trinkgefäss. Das sieht nett aus, und wer knapp bei Kasse ist, kann in Lokalen billig bestellte Softdrinks mit einer schnellen Kappe B. zum Cocktail upgraden. Diesen kleinen Getränkemogel mag ein Feldforscher der Supermarktkette Billa beobachtet haben. Nicht unfindig, beschloss er, in den eigenen Regalen diebstahlgefährdete, weil teure Spirituosen anderer Marken mit einem aufgeschraubten Becherchen als Köder auszulegen. Sollten doch die zechprellenden Becherovkatrinker zugreifen und versuchen, die Flaschen zu stehlen.

Am Ausgang gäbe es lautstark die Quittung: der Dosierbecher, gar kein Becher, sondern eine elektronische Warensicherung. Ha! Bottlekey heisst der Evil Twin des tschechischen Bechers, logisch ist das nicht, braucht doch die Billakassiererin erst recht einen Patentschlüssel, um ihn zu entfernen. Aber wo gibt es schon noch ehrliche Namen in der Welt des Konsums? Seit den sechziger Jahren steht Billa für "Billiger Laden", im Billa Corso in den Wiener Ringstrassengalerien steckt der "Mogelbecher" allerdings vornehmlich auf Weinen über 25 Euro. Nur der Becherovka heisst wie er ist: ein ehrlich bekennender Becherbitter – pappt an der Zunge und kratzt im Hals. Happy Birthday, old B.


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