Riesenmaschine

24.05.2008 | 16:45 | Alles wird besser | Was fehlt | Essen und Essenzielles

This flesh is my bread


Einmal Hand mit Fuss bitte.
Wer sich in München im buddhistisch-veganen Restaurant Au-Lac verköstigen lässt, kann zur Speise auch ein Freiexemplar des Büchleins "Der Schlüssel zur sofortigen Erleuchtung" der Höchsten Meisterin Ching Hai Wu Shang Shih gereicht bekommen, einer bündigen Einführung in den Veganismus. Auf dem Speisenplan hat man die Auswahl aus verblüffend echt aussehendem und noch verblüffender echt schmeckendem Sojahuhn, aus Sojaente, Sojaschwein, Sojatintenfisch, und vielem mehr. Selbst die geschmorte Haut des überzeugend gefälschten Broilers ist aus rein pflanzlichem Material perfekt nachgebildet, die Ente wirkt wie frisch geschossen und der fleischlose Polyp zappelt vor täuschender Echtheit nahezu noch in seinem eigenen Aufguss. Die Höchste Meisterin lehrt sodann in ihrem Werk: "Ich sehe um mich herum so viel Brutalität gegenüber Tieren. Ihr könnt einkaufen, wisst ihr, ihr könnt aussuchen, was ihr wollt. Ja, ihr könnt vergleichen und mit eurer Weisheit, eurem Intellekt auswählen: 'Oh, dieser hier ist besser!', oder: 'Ich mag diesen mehr'. 'Der sieht schrecklich aus!', 'Oh, dieser – eklig.' [Lachen]" (S. 39f.).

Die strikte Konsequenz aus diesem Übergang von der omnivoren Ernährung zur Metaebene des rein gewächsbasierten Imitats ist das nun gesichtete Menschenfleisch aus Getreide und Brot – Leichenteile, geschmackvoller als die von Gunther von Hagens: Organfetzen, verwesende Schädel, abgetrennte Gliedmassen ... eklig zwar, aber doch entsprechend der von der Höchsten Meisterin geforderten Weisheit rundum bekömmlicher als das echte faulende Fleisch.

Ruben Schneider | Dauerhafter Link | Kommentare (4)


19.01.2008 | 09:32 | Anderswo | Alles wird besser | Was fehlt

Moschee mit Migrationshintergrund


Bald auch als deutsche Wertarbeit: Riesenmoscheen.
Moscheen in Deutschland: Von der einheimischen Bevölkerung immer gern gesehen, solange sie so gross sind wie eine Schuhschachtel, hinter einem Einkaufsmarkt in der Vorstadt versteckt und am besten noch von Überwachungskameras und Polizeikontrollen umgeben. Deutsche Moscheen im Ausland aber ganz anders: Dass das deutsch-arabische Verhältnis nicht ganz so zaghaft ist wie in München oder Köln, zeigt nun die Tatsache, dass nichts Geringeres als die drittgrösste Moschee der Welt in Algier von deutschen Unternehmen gebaut werden wird. Mit anderen Worten: Die grösste Moschee der Welt nach der Prophetenmoschee in Medina und der Al-Haram-Moschee in Mekka (820.000 Menschen Fassungskraft) wird von Unternehmen aus Deutschland erbaut: Kleiner als Mekka, aber grösser als der Petersdom (60.000 Menschen) und wohl auch das Strahov-Stadion in Prag (250.000) und fast so lang wie und eindeutig höher als der Drei-Schluchten-Damm am Jangtse (das Minarett soll das höchste der Welt werden, über 210 Meter hoch) – das dürfte jeden innerdeutschen Moscheenstreit mit dem megalomanischen Glanz globalisierter Wirtschaftskooperation überstrahlen. Der Islam ist ohnehin so eine Massenbewegung.

Ruben Schneider | Dauerhafter Link | Kommentare (3)


08.12.2007 | 07:13 | Nachtleuchtendes

Schutzverdunkelung


Sehr sympathisch: Florian Silbereisen für ein besseres Klima im Dunkeln verschwunden.
Der Klimaschutz trägt nachweislich religiöse Züge: es gibt Klimapäpste (Al Gore), es gibt ein Weltuntergangs- und Höllenszenario (die Klimakatastrophe), eine Erbsündenlehre ("die Menschheit ist schuld") und eine Erlösungslehre: Wenn sich alle nur schön brav bekehren und ihre Umweltsünden abbüssen und ein nunmehr sündenfreies Leben leben, werden wir noch gerettet. Es fehlen auch nicht die gutmenschlichen Gesichter dazu, die klimafrommes Überzeugtsein dokumentieren und Pilgerpfade zum Ziele säumen, wie jetzt die neue Büsseraktion "Licht aus! Für unser Klima." Überzeugt am Ausschaltknopf und auf der Seite der Guten: Jeanette Biedermann, Frank Elstner, Marie-Luise Marjan, die Pfarrerin des Berliner Doms, das Brandenburger Tor, (wo ist Oberausschalter Peter Lustig?). Und dazu Google, das mit einer nun verfinsterten Startseite schon vorsorglich unsere Bildschirme ausgeknipst und sich unsichtbar gemacht hat. Alle Lampadinen und Stromverbraucher aus, bis auf den Fernsehbildschirm als Notbeleuchtung natürlich, denn Pro 7 wird das Licht der Rechtschaffenheit in unser Dunkel bringen und live berichten von der luziden Verfinsterungsaktion. Wenn auf den Flughäfen auch noch die Positionslichter ausgelöscht werden, dann sind wir obendrein auch noch errettet von den klimazerstörenden Kerosinbombern in der Luft. Klimakatastrophe, geh weg, es ist niemand zu Hause.

Ruben Schneider | Dauerhafter Link | Kommentare (17)


04.12.2007 | 16:53 | Anderswo | Alles wird besser | Zeichen und Wunder

Antigegner


Auf dem diffizilen Terrain hegelscher Dialektik ungeschlagen: Die WPO.
Ein Sprichwort sagt: Zwei Linke, drei Meinungen, vier Parteien. Die linke globalisierungskritische Bewegung ist bekanntlich solch ein bunter Fleckenteppich wie die europäischen Fürstentümer im Hochbarock. Alle möglichen Organisationen und Gruppierungen tummeln sich dort. Wie dieses Spektrum einen weiteren satten Farbspritzer erhielt, konnte man am Samstagabend in München bestaunen: Hier war die Presse geladen zur Gründungspressekonferenz der "World Party Organisation", einer Partei, die sich die "vollständige Beseitigung aller Armut" und die Errichtung der "Vereinigten Staaten der Erde" auf die Fahnen geschrieben hat. Zur Fragestunde wurden Bier und Partybrötchen gereicht. Der arglose Zuhörer sah sich zwar zunächst etwas länglichen und verzwickten Ausführungen zu gewagten Finanzkonzepten ("Erster Schritt: Umsatzsteuer 100% + x") ausgeliefert, fand dann aber willige Antwortgeber aus dem Parteivorstand für die essentiellen Fragen: Wieviel Mitglieder hat die Partei bereits? – "Etwa 100, aber von mehr als 60 haben wir die Kontaktdaten nicht mehr." – Wieso wird die Partei als 'Erste Globalisierungspartei' gehandelt, aber unter Globalisierungsgegnerschaft aufgeführt? – "Wir sind Antiglobalisierungsgegner. Realpolitik. Deshalb." Eine tröstliche Tatsache: Die linkshegelianische Dialektik lebt noch.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Piratenpartei

Ruben Schneider | Dauerhafter Link | Kommentare (8)


28.08.2007 | 23:23 | Zeichen und Wunder | Vermutungen über die Welt

Wundersames Unwissen


Vektorraumbasen: Wer erinnert sich noch? Die Basisvektoren (rot) spannen den dreidimensionalen Raum auf.

Banach-Tarski-Paradoxon: Aus eins (rot) mach zwei (auch rot).
Während sich anderswo Leute mit wenig vertrauenserweckenden Energy-Drinks nächtelang wachhalten, um Bücher darüber zu schreiben, was die Menschheit noch nicht weiss, beweisen andere Leute Sachen, die man sowieso niemals wissen kann. Beispielshalber beweisen Mathematiker, dass es Vektorraumbasen gibt, deren Existenz zwar beweisbar ist, von denen man aber niemals wissen kann, wie sie aussehen und wie man sie überhaupt an eine Tafel schreiben soll, kurz: Dass es etwas gibt, wovon man gar nichts bis überhaupt nichts wissen kann und das für immer. Mirakulös. Solche Behauptungen kennt man sonst nur von Theologen, die sagen: Es gibt einen Gott, aber der ist ein deus absconditus, also völlig und für immer verborgen. Schuld an diesem prinzipiellen Unwissen der Mathematiker ist das sogenannte Auswahlaxiom, mit dem sich noch viel tollere Mirakel erzeugen lassen, z.B. das Banach-Tarski-Paradoxon, dem zufolge sich in bestimmten Räumen aus einer Kugel zwei neue Kugeln mit gleichem Volumen der Ursprungskugel basteln lassen. Wundersame Brotvermehrung! Mathematik löst Welthungerproblem! Bei so vielen Wundern wundert es nicht mehr, dass sich mit dem Auswahlaxiom auch die Existenz Gottes beweisen lässt, wie der Philosoph Reinhard Kleinknecht in dem Buch "Klassische Gottesbeweise in der Sicht der gegenwärtigen Logik und Wissenschaftstheorie" dartut, das allerdings nicht als PDF vorliegt und von dessen konkretem Inhalt wir hier also leider nichts wissen. Noch oder für immer.

Ruben Schneider | Dauerhafter Link | Kommentare (14)


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