Riesenmaschine

25.07.2006 | 11:07 | Fakten und Figuren | Zeichen und Wunder

Aus dem Staub malen


(Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
Jüngst veröffentlichte die Künstlersozialkasse, wo die meisten selbstständigen Künstler versichert sind, wenn sie versichert sind, ihre Statistiken, die sie dann noch jüngster korrigierte: Der deutsche Durchschnittskünstler verdient nicht 823, sondern 901 Euro im Monat. Künstler verdienen also etwas weniger als gar nichts, wenn man die laufenden Kosten abzieht. Das Glück, deshalb ebensoviel Steuern zu zahlen wie Daimler Chrysler in diesem und im letzten Jahr, ist aber spätestens dann zu Ende, wenn man sich die Preisstrukturen im Laden für Bob-Ross-Bedarf ansieht: Einigermassen gute Acrylfarben kosten bis zu 10 Euro je 120 Milliliter, also etwa doppelt soviel wie ein okayer Jahrgangs-Champagner.

Mit Champagner malen, das ist nicht jedermanns Sache und so entscheiden sich immer mehr Künstler, nicht mit Acryl auf Leinwand zu malen, sondern mit irgendwas irgendwo drauf. Oder, analog zum Verdienst, aus nichts etwas zu machen, so wie Scott Wade, der Bilder im Staub auf Autos malt. Das ist neu, das ist innovativ, das ist toll und wenn man so eine crazy Idee hat, fällt auch gar nicht so auf, dass die in den Staub gekratzten Bilder hässlich und belanglos sind. Nichtsdestotrotz könnte Scott Wade eine grosse Zukunft bevorstehen, und zwar als PR-Experte. Wir erinnern uns: Im Bereich PR geht es häufig darum, mit belanglosem Dreck oder mit überhaupt nichts einen Namen in die Presse zu kriegen. Und das hat Wade sogar geschafft, indem er belanglosen Dreck an den richtigen Stellen in Nichts verwandelt hat.


19.07.2006 | 03:58 | Anderswo | Alles wird besser | Essen und Essenzielles

Die schwarze Null


Null & Schwarz (Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
Eines der grossen Probleme der Menschheit bleibt nach wie vor die massive Ungeficktheit und deren Folgen Gewalt und Zynismus. Zynismusverurteilung ist eine leichte Trockenübung, Zynismusvermeidung im Fluss des Alltags eine schwierige Sache. Denn weil der Kern des Zynismus Menschenverachtung ist, kann man auch beim Konsum durch Gedankenlosigkeit zynisch sein, zum Beispiel, indem man ohne gross nachzudenken drei, vier ukrainische Prostituierte ins Hotel bestellt. Trotzdem ist vollkommen unmöglich, über jedes Produkt so weitreichend informiert zu sein, dass man als Verbraucher stets auf der sicheren, unzynischen Seite steht. Zum Beispiel ahnt niemand, dass man mit dem Kauf von Schuhen der Marke Kialo eine Firma unterstützt, deren Mutterkonzern vermutlich auch vom Opiumanbau in Angola profitiert.

Die Wahrheit ist selten pur und immer kompliziert, insofern ist es nicht leicht, vorbehaltlos zwei neue Coke-Produkte vorzustellen, angesichts der vielschichtigen, verwirrenden Debatte um Coca Cola in Kolumbien, wo Gewalttätigkeit total en vogue ist und laut UN-Untersuchung in den letzten fünf Jahren anderthalb Millionen Menschen vor Gewalt im Zusammenhang mit Coca-Anbau geflohen sind. Wenn man von der inzwischen geächteten Chemiewaffe Cherry Coke absieht, kann man aber feststellen, dass Koksen wesentlich mehr Menschen der Gewalt aussetzt als Cola trinken. Erst recht, wenn es sich um zwei neue, hier kennengelernte Produkte handelt. Das neue Lightprodukt Coke Zero schmeckt, wie man sich Coke Light immer gewünscht hat, also minus Seife plus die kristalline Sämigkeit von Zucker, aber ohne Zucker. Coke Blak dagegen schmeckt ärgerlicherweise hervorragend. Wie hat man gehofft, dass der als allerletzter auf den dämlichen Kaffeetrend aufspringende Grosskonzern einen Bauchklatscher im Haifischbecken der Softdrinks hinlegt. Aber schade, Coke Blak ist leider das beste Kaffeegesöff seit Kaffee. Nur mit dem Namen hat man sich vollkommen vertan, blak heisst auf altisländisch "schlagen", das muss in diesen Tagen als klares Bekenntnis pro Gewalt gelten. Wie Coke aus diesem PR-Debakel wohl wieder rückwärts rausgeschlängelt kommt?


16.07.2006 | 13:01 | In eigener Sache

Zentrale Intelligenz Agentur


Auf dem Weg nach Zimmer 14 – Amusement oder Recherche? (Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
"Die Wahrheit ist konkret", sagt Lenin und hat damit zweifellos recht, wenn es um die Weltgeschichte geht. Wird Weltgeschichte im Privaten als Farce nachgespielt, erscheint die Wahrheit jedoch oft auch ein wenig subjektiv. Nachdem in den letzten drei Wochen nach dem Gewinn des Bachmannpreises durch Kathrin Passig ungeheuer viel und vor allem ungeheuer viel Blödsinn über die ZIA in der Presse zu lesen war, wurde von der Geschäftsleitung beschlossen, einen klärenden Bericht zur Lage zu veröffentlichen. Als Verfasser der Auftragsarbeit, die "Historie, Organisation und Strategie der ZIA in Form einer heiteren Geschichte" abbilden sollte, bot sich Wolfgang Herrndorf an. Wie kein zweiter erschien er geeignet für diesen Job: Herrndorf ist Romanschriftsteller ("In Plüschgewittern"), promovierter Historiker ("Homophobe Diskurse im III. Reich am Beispiel der Blomberg-Fritsch-Krise") und diente von der Firmengründung bis vor wenigen Tagen als inoffizieller Mitarbeiter der ZIA. Dass er einen gewissen Zeitraum der Gründungsfeierlichkeiten auf Schloss Beesenstedt in bewusstlosem Zustand verbrachte, war bekannt, schien jedoch kein Hindernis, versprach doch der Autor, seine Lücken gewissenhaft zu füllen ("Recherche ist mein zweiter Vorname, wa").

Das Ergebnis der Recherche ist jedoch eine Enttäuschung. Und mehr als eine Enttäuschung vielleicht noch das Dokument einer schweren Störung. Herrndorf gelingt es, von der Gründung der ZIA nur das Periphere abzubilden, und dieses Periphere auch nicht korrekt. Seinen Bericht subjektiv zu nennen hiesse, Waldorf und Statler den Vorzug zu geben vor dem herzerwärmenden grünen Frosch. Dennoch haben ZIA und die Redaktion der Riesenmaschine sich nach langen Diskussionen entschlossen, Herrndorfs Bericht "Die Wahrheit über die ZIA" hier zu veröffentlichen. Unter anderem, weil bereits sehr viel Geld geflossen ist. Einige Fehler wurden mit Einverständnis des Autoren korrigiert, Namen berichtigt, endlose Getränkelisten gestrichen. Anderes blieb Streitfall und ist unverändert im Text erhalten. Wir bitten daher jeden Leser, bei der Lektüre folgende Korrekturen selbst in seinem Kopf vorzunehmen:

Die Gründung der ZIA fand im April, nicht im August statt. Der Jaguar ist ein Mustang. Das Unternehmen verfolgte von Anfang an klare Ziele; das gegen Ende abgedruckte Thesenpapier stammt weder von Holm Friebe noch von einem anderen uns bekannten Mitarbeiter. Henryk M. Broder und Michael Miersch waren bei der Veranstaltung eingeladen, jedoch nicht anwesend. Die Szene, in der J. Lottmann seine Gürtelschnalle öffnet, ist ausser vom Autor und den beiden minderjährigen Kindern des Schlossherrn von niemandem bezeugt. Die äusserliche Beschreibung der Leipziger Mädchen ist pauschalisierend. Die Behauptung, Kai Diekmann habe sich den Penis verlängern lassen, stammt nicht von Julia Mantel. Holm Friebe weiss sehr wohl, wie "das Internet" aussieht. Und Wolfgang Herrndorf ist seit über vier Jahren keine Frau mehr.


07.07.2006 | 16:39 | Anderswo | Nachtleuchtendes | Alles wird besser | Was fehlt | Fakten und Figuren | Essen und Essenzielles | Zeichen und Wunder | Vermutungen über die Welt

Assoziationskettenmassaker: Behirne Gehirne!


Systemmeldungen auf Flickr als Beweis für irgendwas (Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
Heute vor 1000 Jahren fand die hellste Supernova der Welt statt. Sie leuchtete -9,5 mag hell, das mag auch die beeindrucken, die mag bisher für den österreichischen Titel mit der Bedeutung "ich habe zu Ende studiert" gehalten haben. Damit handelt es sich um die am wenigsten beeindruckende Abkürzung, die man dort an seinen Namen anflanschen kann. Schöner zum Beispiel: StGVKF oder NÖGKmtK/St. Der erste dieser beiden Orden kommt aus der Steiermark, einem Bundesland, dessen grösste kulturgeschichtliche Errungenschaft zweifellos das steirische Kürbiskernöl ist. Dieses ist nicht nur besonders reich an den tollsten Ölfeatures, sondern schmeckt auch hervorragend. Eine Eigenschaft jedoch wird oft genug unterschlagen, das Öl ist nämlich dunkelbraun, wenn es in grösseren Mengen auftritt, und wenn nur noch ein einzelnes Tröpfchen vorhanden ist, ist es grün. Es taugt damit hervorragend als reziprokes Sinnbildöl für ökofaschistische Parteien.

Ökofaschistisch nur ohne öko nennen bösartig Unterstellende die schon mal hier vorgestellte Partei BüSo. Deren Vorsitzende heisst nicht nur lustig – Helga Zepp-LaRouche – sondern tritt auch für Transrapid, Kernkraft und umfassende Kulturkontrolle ein: "Ständiges Behämmertwerden mit Gewalt, Pornographie und Techno-Lärm zerstört das Denkvermögen. Klassische Theater müssen sich wieder am gedanklichen Inhalt der von ihnen aufgeführten Werke orientieren". Der Zusammenhang zwischen zerstörtem Denkvermögen und Kultur ist aber nicht nur Thema bei der BüSo, sondern schon eine ganze Weile inspirierend für Dichter und Denker, zum Beispiel für Gottfried Benn, dessen Novelle Gehirne mit einer berühmten freien lyrischen Assoziationskette endet, angeschlossen an eine Erklärung der Hauptfigur Werff Rönne, die als teilweise autobiografisch angelegt verstanden werden muss. Gottfried Benn selbst starb exaxt heute vor 50 Jahren an den Spätfolgen der Supernova von 1006.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Assoziationskettenmassaker


04.07.2006 | 04:03 | Alles wird besser | In eigener Sache

Assoziationskettenmassaker


Hat nichts mit irgendetwas anderem zu tun (zum Glück): Frauendart. (Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
Menschen, die mit Menschenmassen kommunizieren, also Journalisten, Blogger, Werber oder Leute mit Hang zu Autoaufklebern, sollten sich überlegen, wie sie die Masse dort draussen behandeln. Hierbei gibt es grob vereinfacht drei Prinzipien. Das erste ist das des "für klug Haltens", das praktisch nie angewendet wird. Das zweite Prinzip ist das des "für dumm Verkaufens", was in der Mehrzahl der Fälle getan wird. Das dritte ist das, dem auch die Riesenmaschine folgt, eine Mischung aus den ersten beiden, das so genannte "für klug Verkaufen". Dabei nähert sich der Absender dem Rezipienten im Wissen, dass, wenn er schon keinen Plan vom Thema hat, er doch wenigstens den Hauch eines Plans ergoogeln kann. Alle können also eingeweiht tun und sind deshalb mindestens so froh wie diejenigen, die im Kino einfach mitlachen, auch wenn sie den Gag nicht verstanden haben.

Die Krux am "für klug Verkaufen" ist, dass man lange überlegen muss, wie man den Leser unterhält, ohne dass er sich vor jedem Lacher durch Wikipedia pflügen muss. Hierbei wiederum gibt es drei gängige Tricks. Der erste ist der des Wortwitzes, stufenlos verstellbar von wirres.net bis Lichtenberg. Der zweite ist die Metapher, die um so unterhaltsamer ist, je absonderlicher sie trifft; Metaphern können die Ekelfaszination des Kloakengeruchs von Sexualpartnern erreichen. Der dritte Trick hängt damit zusammen, ist aber eine Kunst für sich, es handelt sich um die Assoziation. Die Assoziation ist sowas wie ein Link, nur im Kopf. Man kann davon mehrere hintereinanderbasteln, dann spricht man von Assoziationskette und das ist das Tollste, was sich der Mensch im Bereich Kommunikation seit der Erfindung des Rats ausgedacht hat. Assoziationsketten sind so super, dass man ihnen, ähnlich wie Nagetieren, eigentlich unentwegt huldigen sollte. Genau das wollen wir hier auf der Riesenmaschine tun, mit dem Wettbewerb "Assoziationskettenmassaker", bei dem es darum geht, die gewundenste, wirrste, an den Haaren herbeigezogenste Assoziationsverkettung in einen Blogbeitrag zu pressen.

Das Publikum ist die Jury, kann aber auch mitmachen, auf den eigenen Blogs, durch simples Verlinken dieses Beitrags innerhalb des eigenen Beitrags bei gleichzeitiger Angabe des eigenen Beitrags in den Kommentaren, die dann von uns manuell verlinkt werden. Hochkompliziert, aber Assoziationsketten sind eben was für Kluge. Einsendeschluss ist am nächsten Sonntag, Auswertung ist nie. Die Kette ist das Ziel.


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Gesamt: 3 Punkte


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