Riesenmaschine

28.10.2009 | 15:55 | Anderswo | Supertiere | Alles wird schlechter

Warum Hummeln?


Hummelbestäubt aus Kassel
Selbst in der nordhessischen Provinz lassen sich neuerdings Tomaten kaufen, die mit einer exklusiven Bestäubung durch Hummeln für sich werben. Dies wäre nun per se nichts Schlechtes, würden die "gemütlichen Brummer im bunten Pelzrock" nicht wegen ihrer Dummheit ausgenutzt und vor den Karren profitgieriger Bioproduzenten gespannt: So hält die entsprechende Informationsseite zur Hummelbestäubung fest, es sei ein wichtiger "Vorteil der Hummel", dass sie im Vergleich zur Honigbiene kein Kommunikationssystem besitze, mit dem sie ihre Artgenossinnen über attraktivere Nahrungsquellen informieren könne. Im Klartext: Während Kollegin Biene ihren Co-Bienen vortanzt, dass jenseits der langweiligen Tomaten viel leckerere Blüten warten, ist die dicke Hummel so doof, nur dort bestäubend herumzubrummen, wo man sie ausgesetzt hat.

Für die Feldversuche, auf denen das hummelverachtende Profitsystem gründet, hat man eigens eine Hummelwerkstatt eingerichtet und den Hummeln dort sogar einen "Rotlichtraum" geschaffen.

Demnächst erwarten wir artenrein bestäubte Produkte, gibt es doch in Europa allein etwa 70 verschiedene Hummelarten, darunter z.B. die Dufthummel, die Veränderliche Hummel, die Unerwartete Hummel und die Trughummel. Die "exklusiv felsenkuckuckshummelbestäubten cuore di bue" im Feinkostregal sind dann nur noch einen kleinen Bienentanz entfernt.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Single Cola, Single Cask


01.08.2009 | 09:48 | Anderswo | Alles wird besser

Ein Tag im Finanzamt

Füllgrabe standen die Schweissperlen auf der Stirn, aber gleich würde er es ihm zeigen. Keine zwei Monate waren vergangen, seitdem Niewöhner ihn in der vorletzten Sitzung des Arbeitskreises "Nutzeroptimierte Fassadengestaltung am Neubau Finanzamt Samuel-Beckett-Anlage 3-7" unangekündigt hatte auflaufen lassen. "Wenn ich Sie alle kurz nach draussen bitten dürfte", hatte er gesagt, und alle, stellvertretender Amtsleiter, Abteilungsleiter, Gleichstellungsbeauftragte, Personalrat, und Füllgrabe selbst in seiner Eigenschaft als Schwerbehindertenbeauftragter, waren ihm vor die Türe gefolgt, dorthin, wo die neue Briefeinwurfanlage projektiert war. Niewöhner hatte sich in einen von der Prothesenausgabestelle des benachbarten Sozialamtes eigens für diesen Anlass herbeigeschafften Rollstuhl geschwungen und demonstriert, wie sein Einfall, den normierten Standard-Briefeinwurfschlitz auf eine Höhe von 80 cm zu senken, es problemlos ermöglichte, ohne einen separaten Einwurfschlitz für Rollstuhlfahrer auszukommen. Das anerkennende Schulterklopfen des Etatverantwortlichen Vordemvenne für Niewöhner und der fast schon höhnische Blick in die Richtung, in der Füllgrabe sich etwas abseits postiert hatte, hatten sich tief bei ihm eingebrannt.

Die ersten Tropfen begannen bereits, an Füllgrabes Nase herunterzulaufen, als unter TOP 17 die "abschliessende Beschlussfassung zur Gestaltung der zentralen Briefeinwurfanlage" aufgerufen wurde. Er meldete sich sofort, kam auch als Erster auf die Redeliste und hob an: "Sie haben bei ihrer Planung die Belange der contergangeschädigten Rollstuhlfahrer vollkommen unterschlagen!"


11.06.2008 | 16:26 | Anderswo | Alles wird besser | Effekte und Syndrome

Na endlich ein EM-Beitrag!

Aus einem regulationstheoretischen Ansatz heraus lässt sich die Gesetzmässigkeit formulieren, dass je durchkapitalisierter ein gesellschaftliches Teilsystem ist, desto schwerer es sich tut mit der Hervorbringung von immer neuen Innovationen, die zu einer Steigerung der Leistungsfähigkeit des Systems führen.

Beispiel Hochleistungssport: Abgesehen vom Kempa-Trick im Handball 1954, vom Fosbury-Flop im Hochsprung 1968, der den bis dahin hegemonialen Straddle ablöste, und von der V-Stil-Revolution von Jan Boklöv im Skispringen Anfang der 1990er, der die parallele Beinhaltung zur Geschichte machte, hat sich in den letzen Jahrzehnten nicht mehr viel getan.

Aus den USA ist jetzt aber beim Fussball eine Neuerung am Herüberschwappen zu uns, die man vielleicht sogar bei der gerade begonnenen Europameisterschaft erstmals beobachten können wird, wer weiss: Der Flip Throw-In, bei dem durch einen zum Zwecke der Beschleunigung dem Einwurf vorgeschalteten Überschlag der Ball viel weiter und also viel gefährlicher in den Strafraum der gegnerischen Mannschaft gebracht, ja katapultiert werden kann als mit der herkömmlichen Technik.

Bilddokumente belegen, dass an der Technik aber noch gefeilt werden muss, will man verhindern, dass einen der dicke Schiedsrichter im gelben Hemd vom Platz stellt.


14.05.2007 | 20:51 | Anderswo | Was fehlt | Essen und Essenzielles

Es gibt Reis!

"Du warst das erste Mal bei mir, ich hatte immer noch keine Sitzgelegenheit" singen Tocotronic auf einer ihrer zumindest bis zur Jahrtausendwende doch sehr guten Veröffentlichungen in dem Lied "Vier Geschichten von Dir".


Mohn in Potenz
Ähnliches könnte das sich derzeit wieder einmal die Lenden gürtende und zur Welthauptstadt der zeitgenössischen Kunst rüstende Kassel singen, wenn es denn eine Musikgruppe wäre. Nachdem nämlich auf der Wiese vor der Orangerie in den Karlsauen, auf der bei vergangenen Ausstellungen die Besucherinnen und Besucher Erholung suchten, zwischenzeitlich die Bürgelschen Gewächshäuser erfolgreich errichtet wurden, fallen nach und nach die paar weiteren Rasenplätze weg, auf denen man sich bei früheren documenten kostenlos niedersinken lassen konnte: Vor ein paar Tagen wurde berichtet, dass die grosse Wiese vor dem Fridericianum von der kroatischen Künstlerin Sanja Ivekovic komplett mit rotem Klatschmohn eingesät wurde, und jetzt kam raus, dass Sakarin Krue-On aus Thailand vor Schloss Wilhelmshöhe Reisterrassen anlegen wird.

Irgendwas müssen Ai Weiweis 1000 Chinesen ja auch essen, über die der Künstler bislang lediglich verlauten liess, dass es keine Nackten zu sehen geben wird, womit sich ein zweifelhafter Bogen vom Eingangssatz dieses Beitrags schlagen liesse zu den Tocotronic-Vorgängern S.Y.P.H., die bereits 1985 "Tausend nackte Neger" am Strassenrand nicht erkannten.


01.02.2007 | 03:34 | Nachtleuchtendes | Essen und Essenzielles

Opas Haftpulver und die zeitgenössische Kunst

Was die Liste der circa 100 ausstellenden Künstler angeht, hüllt sich der künstlerische Leiter der documenta 12, Roger M. Bürgel, in fortgesetztes Schweigen. Als Zugeständnis ans Publikum liess er sich vor geraumer Zeit die Namen der beiden ersten und der beiden letzten im Alphabet entlocken, und diesem Umstand ist es zu verdanken, dass wir, nicht zuletzt dank der Riesenmaschine, wissen, dass Molekularkoch Ferran Adrià dazuzählt, während zumindest die im Künstlerlexikon gelisteten bildenden Künstler zwischen Magdalena Abakanowicz und Jankel Adler traurige Gewissheit haben, dies nicht zu tun, vielleicht.

Das Innovative an Adriàs Molekularküche ist, dass sie physikalische und chemische Prozesse bei der Zubereitung von Speisen und Getränken verwendet, die irgendwie am Aggregatzustand einzelner Produkte drehen. Adrià selbst unterteilt seine Experimente in drei Klassen: sferificación, gelificación und emulsificación. Das bleibt natürlich nicht unkopiert, und selbst in den entlegensten Provinzkoch- und Volkshochschulen halten Molekularkochkurse inzwischen Einzug.

Am bekanntesten ist wohl der sphärifizierte Melonenkaviar, bei dem der mit einem speziellen Pülverchen vermischte Melonensaft mittels spezieller Spritze ins mit einem anderem speziellen Pülverchen versetzte Kochwasser geträufelt wird, worauf die Oberfläche sofort abbindet und kaviarähnliche, innen noch flüssige Kügelchen entstehen. Will man das als Privatperson nachmachen, kann man entweder für teuer Geld Adriàs Original-texturas und -Werkzeuge bestellen, oder man geht in die Apotheke und besorgt sich für sehr viel weniger Geld Calciumchlorid-Dihydrat, eine Einwegspritze und eine Packung Protefix Haftpulver für die Dritten, das zu 100% aus dem beim Maitre "ALGIN" genannten Natriumalginat besteht.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Wer im Glashaus schwitzt


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