Riesenmaschine

04.05.2009 | 13:46 | Berlin | Alles wird besser | Zeichen und Wunder

Strëët Ärt


Die schönste Street Art sind nicht komplettverzierte Brandwände oder massenhaft aufgebrachte, vorher zuhause vorbereitete Stencils und Cut-Outs. Nein, es sind Dinge, die nur ganz beiläufig in das bereits vorhandene Setting von Strassenmobiliar, Werbung, Architektur, Stadtnatur, Plakaten und anderer Street Art eingreifen und gleichsam damit korrespondieren. Die mittlerweile sattsam bekannten Ampelschablonen, aufgemalte Augen und Münder zur Vermenschlichung von Stromkästen oder die fabelhaften Human Beins von Dave the Chimp fallen in diese Kategorie. Und natürlich kann man auch mit weissen und schwarzen kreisrunden Aufkleber tolle Effekte erzielen – so geschehen in der Wiener Strasse in Kreuzberg, wo mit einfachsten Mittel die Röck Döts endlich mal wieder ins Lïcht der Offentlichkëit gebracht wurden. Dem unbekannten Künstler gebührt ein Bïer im Mobël Ölfe!

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Backwaren ohne Umlaute


22.04.2009 | 19:31 | Alles wird besser | Was fehlt | In eigener Sache

"Weil es geht"-Award 2009

14:54 michaelbrake kannst du mir euren drehplan schicken?
14:55 michaelbrake ich wollte euch vielleicht mal besuchen
16:40 punkteundstreifen gerne
16:44 punkteundstreifen aber die meiste zeit sind wir (hoffentlich) gar nicht am set

16:52 michaelbrake achso
16:52 michaelbrake egal, schick erstmal, seh ich dann ja
16:53 punkteundstreifen moritz sitzt da dran
16:54 michaelbrake äh... versteh ich nicht genau?
16:55 michaelbrake es gibt ein word-doc und du kommst nicht rein?
16:55 michaelbrake ihn fragen kann ich nicht bzw. hab ich schon und er reagiert nicht
16:57 punkteundstreifen word?
16:57 punkteundstreifen quatsch
16:57 punkteundstreifen indesign!

16:57 michaelbrake ihr habt den drehplan nur als indesign-datei?
16:58 punkteundstreifen klar
16:58 punkteundstreifen wir sind halt styler!

16:58 michaelbrake entweder hab ich das funktionsspektrum von indesign noch nicht verstanden oder ihr habt ein absolut bescheuertes projektmanagement


Der obenstehende Skype-Dialog mit der aufstrebenden kleinen Filmproduktion Punkte und Streifen ist nicht ausgedacht. Wieso auch, InDesign als Zeiterfassungstool, total naheliegend. Überhaupt sollte das starre und schematische Denken, das in den meisten Büros herrscht, endlich aufgebrochen werden. Warum nur stumpfes Matching von Arbeitsvorhaben mit den immergleichen Spezialprogrammen? Warum muss immer alles genau so genutzt werden, wie es vorgesehen ist? Hätte die Menschheit Teflon-Pfannen wirklich nur zum Braten verwendet, gäbe es noch immer keine Städte auf dem Mond!

Deshalb ruft die Riesenmaschine den "Weil es geht"-Award 2009 aus. Gesucht werden ernstgemeinte Vorschläge für den innovativen Einsatz bestehender Technik, nachweisbar existierende Praktiken bekommen einen Sonderpunkt. Wenn in Ihrer Firma also die Grafikabteilung Broschüren in Thunderbird erstellt ('Vorteil: Ist mit einem Klick an die Druckerei geschickt'), oder wenn Sie selbst eine richtig praktische Idee haben, wie man den Windows-Taschenrechner zum Erstellen von To-Do-Listen nutzen kann, dann schreiben Sie uns. In die Kommentare. Teilnahmeschluss ist der 30. April 5. Mai, als Preis stiftet Kathrin Passig eine handbetriebene Taschenlampe, mit der man Nägel in sehr weiche Wände schlagen kann.


02.04.2009 | 18:18 | Alles wird besser | Sachen kaufen

Luftkissenmilch


Milchtüte der frommen Denkungsart
In den 1970ern war die Zukunft pneumatisch. Wenn wir gross wären, würden wir auf aufblasbaren Sitzlandschaften in schwimmenden Traglufthäusern lümmeln, und uns mit Luftkissenbooten besuchen fahren. Die Milch für unsere Frosties kam damals noch aus galobberig wobbelnden Plastikschläuchen, die mittels türkisener Haltevorrichtungen aus Kunststoff, die ästhetisch noch aus den 1950ern herüberlappten, in Form gehalten wurden. Trotzdem knickten sie immer ein und ergossen sich über das Plastikgeschirr auf dem Frühstückstisch. Es hat über dreissig Jahre an kubistischen Irrungen und Wirrungen in Tetrapak bedurft, bis unsere aufgeblasenen Zukunftsträume in einer pneumatischen Milchtüte gipfeln konnten, die nun wirklich keine Wünsche mehr offen lässt. Dass diese Revolution im Packaging ausgerechnet aus dem Ökodorf Brodowin nördlich von Berlin stammt, zeigt, welch langen Weg die Öko-Landkommune mittlerweile zurückgelegt hat. Ausführlich heisst es dazu auf deren Website:

Das Material unseres neuen Milchbeutels besteht zu 40 % aus Kreide (Calciumcarbonat). Verbunden mit recycelbarem Kunststoff entsteht daraus eine sehr leichte Verpackung, die mit ihrem Gewicht von 16 g, im Vergleich zu anderen Einwegverpackungen, sparsamer in Energie- und Wasserverbrauch ist. Sie reduziert Abfall, denn weniger Gewicht ist weniger Müll.

Und weiter:

Dieser Milchbeutel bietet Ihnen weiterhin den vollen Geschmack, weniger Aufrahmung durch flexible Hülle, Reissfestigkeit und Standfestigkeit bis zum letzten Tropfen, einfaches und bequemes Öffnen, weniger Verpackungsmüll, produktschonende Abfüllung und ein minimales Gewicht (16 g).

Weniger Aufrahmung und Verpackungsmüll – schön und gut. In falscher Bescheidenheit wird jedoch kein Wort verloren über die eigentlich genrestiftenden Innovation: den angeflanschten Aufblasgriff, der als Rückgrat der Tüte Halt gibt und damit das plastene Exoskelett überflüssig macht. Zudem und vor allem ist er derart handschmeichlerisch, dass nicht nur Materialfetischisten die Tüte nur sehr ungern wieder aus den Händen geben. Eigentlich möchte man – wie bei Blisterfolie -natürlich die Blase zum Platzen bringen und die Luft entweichen lassen, scheitert aber zwangsläufig mit schierer Muskelkraft. So trägt man die schlaffe Tüte unvollendet am immer noch formstabil-prallen Rückenwulst zur gelben Tonne, wohlwissend, dass es kein zurück mehr gibt – dass die Milch der Zukunft einen druckluftbetankten Henkel in Spindelform haben wird.


27.03.2009 | 03:15 | Anderswo | Alles wird besser

Don't cry for me, Philosophia


So sieht die Zukunft aus: Berliner Polizisten halten auf der re:publica'09 Ausschau nach Deleuzianern (Foto,Lizenz)
Endlich eine Nachricht, die Anlass zu Jubel, Trubel und Heiterkeit bietet: In Argentinien kommt ein Philosophie-Professor möglicherweise ins Gefängnis, weil er unautorisierte Übersetzungen von Derrida-Texten auf seine Website gestellt hatte. Keineswegs handelt es sich dabei nämlich, wie Boingboing andeutet, um ein weiteres unsinniges Unglück im verminten Grenzbereich von Wissenschaft und Urheberrecht. Vielmehr ist der Vorfall Zeichen für die Ankunft der langersehnten antikontinentalphilosophischen Polizeidiktatur. Jochen Hörisch, der sich sicherlich unter den ersten Opfern im deutschsprachigen Raum befinden wird, raunte schon 2004 cassandramässig vor sich hin: "Analytische Philosophie fungiert als diskursive Polizei." Damit lag er metaphorisch standesgemäss daneben, denn wie zu erwarten fungiert natürlich die Polizei als diskursive Polizei. Schon in wenigen Stunden wird es vermutlich auch an deutschen Universitäten heissen: "Diskurskontrolle, Kripke-Papers und Logikschein, bitte." Als Promillegrenze für Metaphern und aufgeblasene Wortspielereien schlagen wir 0,5 vor, alles andere kann getrost dem gut aufgestellten Polizeiapparat überlassen werden.


23.03.2009 | 20:56 | Alles wird besser | Sachen kaufen | Gekaufte bezahlte Anzeige

Besser einkaufen, mehr besitzen


Aus der Antipreneur-Abteilung "Herrlich hausen":
Waldbrandtapete "Bushfire", 35€
Wie schwer ist es oft, die Warenwelt angemessen zu glorifizieren. Begehrenswertes kommt nie über das Prototypenstadium hinaus, und Designer bohren ganztags in der Nase, um das Ergebnis dann zu vergolden, in Waffenform zu bringen oder ein Weinregal daraus zu bauen. Aber die Riesenmaschine steht nicht allein in ihrem Kampf für das Kaufenswerte in der Welt. Unterstützt wird sie seit einigen Wochen vom Antipreneur-Shop, über dessen Hang zu fragwürdigen Wortspielen wir an dieser Stelle hinwegsehen wollen, weil wir dafür bezahlt werden. Inhaltlich ist das Angebot des Antipreneur-Shops jedenfalls tadellos, es umfasst Waldbrand-Fototapeten, ein von uns bereits getestetes, ausgezeichnetes Kriegsquartett, Not-to-Do-Listen, Unglückskekse und eine platonische Einkaufstasche.

"Nun", mag da mancher Riesenmaschineleser sagen, "genau solche Ideen und noch viel bessere hatte ich neulich unter der Dusche!" Worauf wir entgegnen: Ausgedacht ist schnell was. Aber eine Website, mehrere Logos, einen Onlineshop, Fotos von Waren, die sich vorschriftsmässig in der Unterlage spiegeln, mit Preisen in Euro, eine Service-Hotline und Werbung in der Riesenmaschine, das hat nur der Antipreneur-Shop.


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- Quallensalat statt Pausenbrot

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- Hemd in die Hose

- Buchten der Weisheit

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"Bone Tomahawk", S. Craig Zahler (2015)

Plus: 14, 23, 24, 33, 34, 38, 80, 84, 89, 112, 132, 156
Minus: 7, 43, 99, 118, 138, 166, 183, 184, 202, 214 doppelt
Gesamt: 1 Punkt


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