Riesenmaschine

20.05.2006 | 09:34 | Anderswo | Vermutungen über die Welt

Karneval der Diktaturen


Kanada: Agnostiker müssen
schwarzweisse Streifen tragen
(Foto: Laurel Fan / Lizenz)
Dass Juden im Iran schon bald zum Tragen gelber Streifen an ihrer Kleidung verpflichtet werden sollen, während Christen rote und Zoroastrianer blaue bekommen, wie die kanadische National Post am Freitag auf der Titelseite berichtete, ist eventuell gar nicht so richtig wahr bzw. total falsch. Das ist auch ganz gut so, denn wir können nicht tatenlos zusehen, wenn im Ausland deutsches Patentrecht mit Füssen getreten wird. Ebenfalls gescheitert ist die in Litauen geplante Bahnverbindung, die Touristen in Viehwaggons von Vilnius in den lustigen, gerade 5 Jahre alt gewordenen Stalin-Themenpark Grūtas Park transportieren sollte, damit, so die Parkbetreiber, auch die jüngeren Litauer mal erfahren, wie man sich das Deportiertwerden so vorzustellen hat. Warum der Sunday Mirror es für berichtenswert hält, dass englische Fussballfans die WM in einem ehemaligen Nazi-Gefängnis verfolgen dürfen, ist dagegen ein bisschen unklar.

In diesem Zusammenhang tut es uns jetzt im Nachhinein doch leid, dass Bov Bjergs Entwurf für das Holocaust-Mahnmal in Form eines 500 x 500 Meter grossen Taschentuchs mit Knoten drin nicht umgesetzt werden konnte. Vielleicht hätte es ja ein bisschen geholfen gegen die Wirrnis in der Welt.


19.05.2006 | 13:32 | Anderswo | Was fehlt | Zeichen und Wunder

Wer verkehrt verkehrt

Als Riesenmaschine-Leserin Maria Jähne uns auf den Magic Roundabout aufmerksam machte, glaubten wir zunächst, sie hätte uns die technische Zeichnung eines australischen Kühlwassersystems geschickt, das auch die antipodische Abflussstrudelrichtung auf der Südhalbkugel miteinbezieht.

(Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)

Zumindest mit Australien lagen wir nicht vollkommen falsch, denn es handelt sich um einen Kreisverkehrkreisverkehr in England, wo die Leute links fahren wie auch in Japan, Australien und auf dem Mars. Der Magic Roundabout ist ein aus fünf kleinen Kreisverkehren zusammengesetzer Überkreisverkehr, führt die fünf verkehrsreichsten Strassen in Swindon zusammen und soll angeblich die Unfallgefahr gesenkt haben, obwohl immer wieder von weinenden Touristen berichtet wird, die ihren Wagen am Strassenrand abgestellt haben und auf Godot warten, der ihnen dort durchhelfen könnte.

Es kann Euer Ernst nicht sein. (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)
Nun ist Nationalismus eine der verabscheungswürdigsten Eigenschaften überhaupt, es handelt sich dabei im Prinzip um Kinderfickerei auf Staatsebene, nämlich eigene Interessen ohne Rücksicht auf Schwächere durchzusetzen. Trotzdem ist es richtig und notwendig, über die Schwächen anderer Völker ab einer gewissen Grenze nicht hinwegzusehen, sondern darauf aufmerksam zu machen. Das kann passieren, indem man sagt: "Liebe Polen, ihr habt mit 54,04% einen Staatspräsidenten gewählt, der die Todesstrafe wieder einführen will und extrem homophobe Politik macht, seid ihr gestört? Dringende Bitte um Korrektur!" Das kann aber auch passieren, indem man die Engländer im Allgemeinen und die Swindoner im Besonderen für ihren Magic Roundabout auslacht, am besten mit den Worten "Hitler wäre stolz auf Euren Grosskreisverkehr!" Dieses Lachen hat dann eben nichts mit Nationalismus zu tun, sondern mit einer Art globalem Zivilisationsausgleich. Nebenbei gesagt wäre ich sehr froh, wenn Deutschland endlich mal für seine erbärmlich mut- und linienlose Innenpolitik ausgelacht würde.


19.05.2006 | 09:37 | Anderswo | Alles wird besser

Schilder und Strafen


(Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)

In Wien, der tierfäkalverkrustetsten Kapitale der Welt, ist soeben eine Petition speziell gegen den "urbanen Stressfaktor" Hundekot abgelaufen, 157.631 Bürger und Bürgerinnen haben unterschrieben, um das zu fordern, was die Stadt bei den vielen Pferden qua Verordnung bereits durchgesetzt hat, nämlich den Tieren eine Art Windel anzulegen. Man fordert, wenn schon keine Windel, so doch Kontrollorgane, härte Gesetze und disziplinierende Verbotstafeln. Womit eine diesbezüglich vorbildliche Stadt wie Singapur bereits recht erfolgreich ist. 500 Dollar zahlt man dort beispielsweise nach offizieller Rechtslage, wenn man mal ein merkwürdiges Objekt fallengelassen hat. Die Stadt Prag geht da sogar noch einen Schritt weiter und droht den Stadtbenutzern gleich damit, wie unsere ungarischen Riesenmaschinenkollegen recherchiert haben, bei fahrlässigem Fallenlassen von drei Würfeln in einen Kübel, dass man ihnen gleich die Fingernägel zieht und Nadeln in die blanken Wunden treibt. Dass das leider nur eine Hinweistafel auf das neueingerichtete Foltermuseum ist, ist schade, aber zumindest schonmal ein Denkansatz, vielleicht auch für Deutschland, wo es groteskerweise Gruppierungen gibt, die den Hundekot glorifizieren.

Tex Rubinowitz | Dauerhafter Link | Kommentare (2)


18.05.2006 | 15:42 | Berlin | Anderswo | Fakten und Figuren

Modern Talking Cities


(Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)
Die Entwicklung des Mai vom Wonnemonat zum Designmonat ist schon deshalb begrüssenswert, weil Ganzjahreswonne derzeit State of the Art ist. Aber auch sonst. Viele Menschen denken ja, "Design und Architektur, das interessiert mich nicht, ich wohne eh lieber im Altbau". Wie wichtig aber die Auseinandersetzung mit den politischen Aspekten von Design, Architektur und Stadtplanung ist, merkt man, wenn man im Flughafen Tempelhof steht und sich bei dem Gedanken ertappt: "Schade, dass die Grosse Halle des Volkes nie gebaut wurde". Mit ungefähr diesem Thema beschäftigt sich die Ausstellung "Talking Cities – The Micropolitics of Urban Space", die vom 26. August bis 3. Dezember diesen Jahres im Zollverein Essen stattfindet. Warum dann jetzt drauf hinweisen, fragt der interessierte Leser zu Recht. Weil heute in Form eines Magazins, bzw. vielmehr Buchs Texte und Bilder zur Ausstellung erschienen sind. Der auf der Seite genannte Preis von 1.995,00 Dollar ist nicht ganz korrekt, es kostet vielmehr 14,90 Euro. Darin werden Dinge erklärt wie "Guerilla Architecture" und natürlich die Frage beantwortet: Was sagt die sprechende Stadt eigentlich?

(Heute abend bis 24 Uhr Talking Cities Lounge im Urban Drift Project Space, Budapester Strasse 48, 10787 Berlin, Eintritt kostenlos)


17.05.2006 | 17:09 | Anderswo | Supertiere

Die Fusssohlenbestickung ist Deutsch


(Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)
Im persönlichen Wappen des aktuellen Papstes, das er sich bei Dienstantritt zusammenstellte, findet man Symbole, die er noch als Kardinal verwendete, Muschel, Mohr und Bär. Nun kann man sagen, dass dieser Umstand nicht unbedingt bekannt ist, weswegen diese Motive also kaum Souvenircharakter haben, es gibt bislang nur einen Bär Benedikt, dessen berufliche und biografische Eckdaten auf seinen Fusssohlen stehen. Jetzt gibt es einen zweiten Benediktbären, er ist aus Stroh (Bild), der grösste der Welt (was so schwer nicht ist) und von der Wiener Spassaktionistengruppe Jutta Jugend, die gerade ihr dreizehnjähriges Bestehen mit einer grossen Ausstellung feiert, wo sie all ihre geklonten, unheimlichen Plüschmutanten ausstellen. Der Bär hat eine Strasshummel im Arsch, die man besuchen kann. Das erinnert alles ein bisschen an den gigantischen strohgefüllten Strickhasen der Künstlerboygroup Gelitin, der auf einem Berg in Italien vor sich hinmodert und an ihre Aktion "Im Arsch des Elefanten steckt ein Diamant" in der Frankfurter Schirn. Allerdings muss man dazu wissen, dass die Gelitinjungs bei der Juttajugend in die Lehre gegangen sind. Vielleicht sollte man bei aufkeimendem Plagiarismus- oder Hommageverdacht einfach akzeptieren, dass der bislang okkulte, anthropomorphe Furrytrend mittlerweile weitgehend gesellschaftskonform ist, siehe auch die neuste Kampagne der Schweizer Mädchenmodemarke Tally Weijl.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Die Felligen


... 102 103 104 105 106 [107] 108 109 110 111 112 ...

*  IN DER RIESENMASCHINE


*  ORIENTIERUNG



Werbung
Werbung Ratgeber

*  SO GEHT'S:

- Ich schnitt mir einst ein Weidenpfeifchen (Rilke)

- gerader Weg

- künstliche Vorhaut

- Walter-Fick-Preis einheimsen

*  SO NICHT:

- zu ambitionierte Folklore

- tun als ob

- Bier-Druckbetankung nach dem Zähneputzen

- gerade weg


*  AUTOMATISCHE KULTURKRITIK

"Afterschool", Antonio Campos (2008)

Plus: 11, 35, 37, 42, 45, 100, 118, 119
Minus: 13, 14, 42, 54, 84
Gesamt: 3 Punkte


*  KATEGORIEN


*  ARCHIV